Oktoberfest

Mein Schatzi ist erklärter Kirmesfan, den lange fälligen Besuch in München mit dem Oktoberfest zu verbinden war daher ein Muss. Eigentlich war ja geplant aus dem Zug auszusteigen und direkt ins Getümmel stürmen. Aber nach den Fußballfans war mein Bedarf an besoffenen, gröhlenden, lauten Menschen für den Samstag mehr als ausreichend gedeckt. Die Lautstärke, teilweise stehen zu müssen und die schlechte Luft im Zug haben auch mehr als fertig gemacht, so beschlossen wir zunächst einen ruhigen Abend – verknüft mit der Hoffnung, dass der seit morgens um vier herrschende Dauerregen bis zum Sonntag vielleicht weitergezogen sei.

Der Regen war zwar Sonntagmorgen nicht weg, unsere Lebensgeister jedoch wieder da. Also machten wir uns nach einem leckeren, gemütlichen und ausgiebigem Frühstück und ausgestattet mit hoffentlich regenfester Bekleidung unserer Gastgeber auf den Weg zur Theresienwiese.

Ich war und bin immer noch verblüfft, dass das Oktoberfest noch genauso aussieht wie vor fast zwanzig Jahren, als ich zum letzten Mal dort war bevor ich München verließ. Die Bierzelte und Fresstempel, das Riesenrad und einige andere Fahrgeschäfte sowie die Dekoration am Eingang sind nicht nur äußerlich unverändert, sondern auch noch exakt an der gleichen Stelle zu finden. Selbst die Kontrolle von mitgebrachten Reisetaschen und Rucksäcken, die seit dem Bombenanschlag von 1980 Routine geworden ist, wird noch durchgeführt. Eine wohltuende Beständigkeit in unserer schnelllebigen Zeit, die ich ebenso wenig erwartet hatte, wie ausgerecht auf diesem riesigen Volksfest ein – durch diese Beständigkeit ausgelöstes – Gefühl der innere Ruhe.

Eines hat sich jedoch verändert: Die Wiesn ist kein rein amerikanisches, von Japaner auf Zelluloid festgehaltenes Volksfest mehr. Auffallend viele Münchner waren dort anzutreffen und, was noch auffälliger war, eine hohe Anzahl junger Leute in bayrischer Tracht. Ein solches Auftreten hätte „zu meiner Zeit“ zweifelsohne zum gesellschaftlichen Aus geführt.

Es herrschen noch die gleichen ungeschriebenen Gesetze: Rechtsverkehr und bloß nicht stehen bleiben um andere vorbei zu lassen. Wenn man diesen folgt, landet man relativ zügig und vor allem unbeschadet auch dort, wo man hinkommen möchte.

Für uns hieß die erste Station Geisterbahn, denn da wollte Schatzi unbedingt rein. Auf die Olympia-Looping-Achterbahn wollte sie dann glücklicherweise nicht mehr, nachdem sie ihrer ansichtig geworden war. Wie bereits im Vorfeld angekündigt, habe ich das Kind gezwungen, an einer Fahrt auf dem Riesenrad, das im Gegensatz zum Krefelder Riesenrad diesen Namen auch verdient hat, teilzunehmen.

Der Wunsch Achterbahn zu fahren war jedoch nicht verflogen, allein sollte das Kind jedoch nicht fahren. Wir einigten uns auf einen etwas weniger gefährlich aussehenden Kompromiss „Wilde Maus“ und ich stieg nach etwa dreißig Jahren zum ersten Mal wieder in den Wagen einer solchen Höllenmaschine. Ich könnte sogar Spaß daran bekommen, wäre nicht die mich stets begleitende Panik, dass die Technik versagen könnte; richtige Panik, die die Kehle zuschnürt, die Knie zu Puddingteilchen werden lässt, die Herzschlagfrequenz bedenklich erhöht und in der Regel einsetzt sobald die Fliehkräfte wirken. Grausam.

Gerne wäre ich auf die Wildwasserbahn gegangen. Dank des Dauerregens waren wir jedoch mittlerweile ziemlich durchnässt und vorallem durchgefroren. Wir stillten daher nur noch unseren zwischenzeitlich aufgekommenen Hunger und fuhren wieder heim. Ein Bierzelt haben wir leider nicht von innen gesehen, da diese wegen Überfüllung geschlossen waren. Vielleicht ist das auch besser so, sonst wäre meinem Kind womöglich aufgefallen, dass sich bei der Spezies Mensch evolutionär nicht viel getan hat seit sie das Höhlenleben hinter sich gelassen hat.

Alles in allem war es ein schöner und lohnender Trip nach München. Lediglich die Katze unserer Gastgeber sieht das anders, die hatte nämlich Angst vor uns. Allerdings liegt dies wohl – wie ich inständig hoffe – an dem an uns haftenden Geruch unseres draufgängerischen Katers. Beim nächsten Mal wird sie ein paar Tage mehr Zeit haben, sich daran zu gewöhnen.

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