Endlich, WE Nr. 16

Endlich ist wieder ein Darmstadt-Wochenende! Um 12:00 Uhr packe ich hektisch meine Sachen im Büro zusammen und laufe dem Wochenende entgegen.

Lausig kalt ist es und ich bin heilfroh, dass meine Tochter mir heute Morgen noch das Stirnband in die Hand gedrückt hat. Mit dem dicken Schal um den Hals und den Handschuhen an den Fingern ist es einigermaßen auszuhalten. Auch der Rucksack ist die bessere Wahl als die Laptop-Tasche. Gut gelaunt mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Dort angekommen gibt es wie üblich einen kleinen Snack von Kamps zum Mittagessen, aufgrund der Kälte wird der Kaffee heute vorgezogen. Sonst gibt es ja immer die Tschibo-Brühe in Köln auf Gleis 7.

Ich bin wohl etwas zu früh, denn leider steht der Zug noch nicht auf Gleis 5. Frierend stehe ich mit meinem Kaffee auf dem Bahnsteig. Allerdings kommt er in den nächsten Minuten auch nicht. Ich versuche, mit dem Kaffee gegen die Kälte zu kämpfen. Eine viertel Stunde später ist er immer noch nicht da, stattdessen erscheint die Anzeige, dass der Zug heute nur bis Dormagen geht. In einer Minute soll er bereits wieder abfahren, da ertönt endlich die Durchsagen über dem Bahnsteig: Aufgrund eines Signalschadens voraussichtlich 20 Minuten Verspätung. Na toll. Außerdem endet der Zug in Dormagen, dort müsse man umsteigen in die S-Bahn zum Kölner Hauptbahnhof. Na toll!

Schirm im Zebra-Look

Mit gut 15 Minuten Verspätung fährt der Zug endlich ein. Die Zwischenzeit habe ich mit Aufwärmen, denn trotz heißem Kaffee war ich mittlerweile ziemlich durchgefroren, in der Bahnhofsbuchhandlung überbrückt, wo ich immerhin ein kleines Mitbringsel für meine Tochter preisgünstig erstanden habe. Aus unbekannten Gründen bleibt der Zug noch eine Ewigkeit in Krefeld stehen. Aber das regt mich nicht weiter auf, ich bin froh, endlich im Warmen zu sitzen und meinen Snack futtern zu können.

NGZ online

Mit etwa 30 Minuten Verspätung fahren wir dann endlich los. Wobei „fahren“ ein wenig übertrieben ist, tatsächlich rollen wir knapp über Schritttempo Richtung Krefeld-Oppum. Der Zugführer bittet via Lautsprecher um Entschuldigung, die Laune im Zug ist akzeptabel, schließlich sind alle Reisenden froh, endlich im Warmen zu sitzen und überhaupt zu fahren. Der Zugführer teilt außerdem mit, dass diese Linie der einzige Zug sei, der an diesem Tag auf dieser Strecke fahre. Zwischen Dormagen und Köln herrsche überhaupt kein Zugverkehr, da es einen Fall von Vandalismus gegeben hätte: In der Nacht wurden Kabel geklaut.

Klo-Art meets Klugscheißer

Dafür, dass kein anderer Zug hier fährt, bleiben wir verdächtig oft wegen vorausfahrender Züge auf freier Strecke stehen. Vor Dormagen ein weiterer Halt – auf Einfahrt wartend. Zeit genug, ein Photo von den Schmierereien an den Klowänden zu machen. Um 13:45 Uhr sind wir endlich da.

Die S11 kommt nicht nach Plan, vermutlich eine verspätete S-Bahn, die froh ist, hier im Dormagenschen Chaos-Dschungel überhaupt fahren zu können. Denn hier fährt kein Zug nach Fahrplan, ja nicht einmal auf dem planmäßigen Gleis. Zum Kölner Hauptbahnhof brauchen wir eine halbe Stunde. Ein paar Minuten früher wären wir ja angekommen, wenn nicht in Chorweiler noch irgendwelche Deppen für folgende Ansage ursächlich verantwortlich gewesen wären: „Vom Zug wegbleiben! Wir wollen endlich weiterfahren, wir haben schon genug Verspätung!“

In Köln herrscht ebenfalls Chaos. Der Zug, mit dem ich eigentlich hätte fahren sollen, hatte zunächst 90 Minuten Verspätung und fiel dann ganz aus. Auf Gleis 6 steht ein ICE nach Frankfurt Airport, in den steige ich ein. Ein Zugbegleiter steht einen Waggon weiter an der Tür rum. Ich frage ihn, wann denn dieser Zug fahre, da auch er sich nicht an die gültigen Fahrpläne hält. Wie gut, dass ich gefragt habe, er empfiehlt mir nämlich den Zug auf Gleis 5 zum Frankfurter Hauptbahnhof, ich steige wieder aus. Vom Hauptbahnhof in Frankfurt sind meine Chancen, in akzeptabler Zeit nach Darmstadt zu kommen, wesentlich größer als vom Flughafen aus. Der ICE auf Gleis 5 ist noch gar nicht da und bereits 12 Minuten verspätet. Vorsichtshalber frage ich an der Information, ob ich diesen Zug nehmen darf und bekommen zur Antwort: „Nehmen Sie heute den Zug, den Sie wollen…“ Das ist doch mal eine Ansage. Im Nachhinein lässt sich sagen, dass keiner mein Ticket sehen wollte, in keinem der Züge, die ich an diesem Freitag genommen habe. Also war’s allein schon deswegen vollkommen wurscht, welchen Zug ich nehme.

Mit insgesamt 24 Minuten Verspätung verlässt der ICE den Kölner Hauptbahnhof und kommt mit ca. 20 Minuten Verspätung in Frankfurt an, wo ich noch einen Regionalzug erwische, mit dem ich trotz aller Widrigkeiten nur vier Minuten später als geplant in Darmstadt ankomme. Man mag’s ja kaum glauben…

G. holt mich an diesem Freitag mit dem Auto ab und wir fahren einkaufen. Im Wesentlichen sind das auch fast all unsere Freiluft-Wochenendaktivitäten. Den Samstag verbringen wir komplett daheim. Das heißt, ich verbringe den Samstag komplett daheim, G. muss noch einmal einkaufen, weil wir zwar beschlossen hatten, Hähnchengeschnetzeltes zu essen, aber das Hähnchenfleisch vergessen hatten. Tagsüber beschäftigen wir uns mit so wichtigen Fragen wie „Behalten wir den pinken oder den karierten Durschvorhang?“ und „Wird das Funksignal der Funkuhr vom EVG und den Leuchtstoffröhren des Aquariums gestört?“ Ich liebe solche Wochenenden, ohne Scheiß. Ich finde es herrlich entspannend, mich mit solchen Banalitäten zu beschäftigen. Die Welt verändern und verbessern kann ich auch morgen wieder. Und cool sein ist auf Dauer auch furchtbar anstrengend. Der Samstagabend steht dann ganz im Zeichen von Michael J. Fox, versüßt mit Kuchen:

Am Sonntag beschließen wir, nachdem ich meinen Kaffee aus der McCafé-Tasse geschlürft habe, doch noch das Haus zu verlassen und bei McDonald’s zu essen. Schließlich fehlt uns noch eine blaue Tasse in der Sammlung, die es akutell zum Menü gibt. Facebook-Gerüchten zufolge sind in Deutschland die blauen Tassen ziemlich knapp, weswegen wir uns entschließen, unverzüglich zu versuchen, noch ein Exemplar zu ergattern. Unsere Sorge war allerdings völlig unbegründet, da der Darmstädter McDonald’s noch mehr als genug blaue Tassen hatte und hier eher ein Notstand an roten Tassen zu befürchten ist.

Ich erwähnte ja bereits, dass unsere Wochenendsorgen oft eher banal sind. Sollte allerdings jemand behaupten, wir hätten nicht alle Tassen im Schrank, so muss ich energisch widersprechen. Wir haben alle vier!

Endlich alle Tassen im Schrank! ;)

Auf der Heimfahrt führt mein Weg dieses Wochenende über Mönchengladbach. Aufgrund irgendwelcher Bauarbeiten fährt der ICE die Holländer nicht wie üblich über Duisburg in die Heimat. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, dass in Mönchengladbach überhaupt ICEs verkehren. Am dortigen Bahnhof war ich auch noch nie, aber als eher dörflicher Bahnhof kann der abends ja nicht so spannend sein und angenehmer als Duisburg allemal.

„Hätten Sie vielleicht etwas Kleingeld für mich? Ich bin obdachlos.“ Ich habe mich ja schon fast daran gewöhnt, am Bahnhof und auch in der Regionalbahn nach Köln ständig angesprochen zu werden, aber im fahrenden ICE wirkt dieses Statement doch verstörend deplatziert. So lange es für ein Ticket noch reicht… Und nein, ich habe mich nicht wirklich daran gewöhnt, ständig angebettelt zu werden. Ich finde es nervig, lästig, störend und unangenehm. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Die Fahrt verläuft ruhig und pünktlich, fast schon langweilig … bis kurz vor Köln: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, leider haben wir ab Köln keinen Lokführer mehr, sodass wir im Moment noch nicht wissen, wie es weitergeht. Wir halten Sie auf dem Laufenden.“ Was?! Ohje, was mache ich denn da? Sind die geklauten Kabel mittlerweile ersetzt? Kann ich mit der Regionalbahn von Krefeld nach Köln fahren? Die nächste Durchsage: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, zunächst geht unsere Fahrt weiter bis Mönchengladbach. Wir werden Sie dann über den weiteren Verlauf unserer Reise informieren.“ Aufatmen! In Mönchengladbach kann ich die Holländer ihrem Schicksal überlassen.

An den Anzeigetafeln im Kölner Hauptbahnhof ist weder Zugnummer noch Ziel eingetragen, dort steht nur: „Bitte auf Ansage achten!“ Man wird seltsam angesehen von den Wartenden auf dem Bahnsteig. Kaum einer steigt in den Zug ein. Unser Großraumwagen wird lediglich von einer Frau betreten, die fragt, ob sie richtig sei, wenn sie nach Mönchengladbach wolle, der Zug sei ungewöhnlich leer. Die wenigen verbliebenen Reisenden im Waggon können sie beruhigen, bis Mönchengladbach fahre der Zug.

Dort kommen wir auch pünktlich an. Der Bahnhof ist ziemlich tot um diese Zeit. Dafür fährt auch der Zug nach Krefeld pünktlich und ich erreiche auch diese Woche wieder die Straßenbahn, worüber ich mich sonntagsabends immer besonders freue.