Alltag

Es stellt sich eine Art Alltag ein, selbst die Rollenverteilung hat sich recht schnell ergeben. Ich werde verwöhnt, Soul kocht für uns, nicht einmal Toasts muss ich mir selbst machen. Ich bin lediglich fürs Spülen zuständig und räume ihm ständig seinen Kram hinterher, den er überall stehen und liegen lässt. Massive Konflikte ergeben sich höchstens beim Kaffee: Während Soul behauptet, meiner sei nur heißes, gefärbtes Wasser (er trinkt ihn aber trotzdem), wird seiner auch nach Zugabe eines halben Liter Milch nicht heller (ich trinke ihn aber trotzdem). Naja, Essen kann er besser kochen als Kaffee, bis auf dieses komische asiatische Zeug, was er einmal gemacht hat. Das roch wie eingeschlafene Füße und schmeckte auch so. Aber die Bratkartoffeln … Da gerate ich ins Schwärmen … Die waren wirklich lecker. Ich liebe Bratkartoffeln!

Nur alleine lassen kann man den Kerl nicht.

Er muss bei Freunden von ihm einen Rechner zusammenbauen und ruft mich an, um mir eine gute und eine schlechte Neuigkeit mitzuteilen: Wir fahren nach Franken. Uh! Hugo holt uns ab und dann fahren wir zu crow für ein paar Tage. Oh Gott, schon wieder Leute kennenlernen. Ich ziehe in Erwägung, doch lieber heimzufahren. Ok, die gute Nachricht will ich auch noch hören. Ach nein, das war ja die gute, es kommt noch schlimmer. Dheart hat sich mit der Wahnsinnssumme von 20 DM an den Umzugskosten von Soul beteiligt und fordert nun einen Ausgleich dafür. Er will unbedingt hierher, hatte einen Zwei-Wochen-Aufenthalt hier geplant und wollte – soweit mir bekannt – efeus Wohnung als billige Absteige nutzen. efeu hat ihm unter fadenscheinigen Gründen abgesagt, da ich ja zur Bedingung gemacht hatte, hier niemanden aus dem Chat antreffen zu wollen und efeu will das wohl auch nicht. Dheart nölt schon die ganze Zeit im Chat rum, dass er keine billige Bleibe findet. Ich bin behilflich – man hilft ja gerne wo man kann – schlage ihm Jugendherbergen und Mitwohnzentralen vor. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass ich der Grund dafür bin, dass er nicht in efeus Wohnung kann. Hehe. Nun ja, jedenfalls hat er wohl Soul telephonisch unter Druck gesetzt, da dieser ihm zusicherte, wegen läppischer 20 Mark noch etwas gut zu haben und der Scheißtyp ist so unverschämt und erpresst ihn nun damit. Das ist nun wirklich etwas, was mich ernsthaft in Erwägung ziehen lässt, nach Hause zu fahren. Ich will ihn nicht sehen und will noch viel weniger von ihm gesehen werden, ist er schließlich einer von denen, die mich eigentlich nie mochten bzw. nie wahrgenommen haben und nun nur aufgrund des Admin-Status ständig meinen Speichel lecken, darauf hab ich keinen Bock. Mehrmals hat er mich schon nach Treffen gefragt, wollte, dass ich sowohl bei dem CT in Wien dabei bin, als auch bei dem Massen-Treffen hier bei efeu. Nein, ich will den nicht sehen. Entweder findet sich eine Lösung oder ich fahre heim. Er will seine eoss noch einmal im Arm halten, bevor sie geht. Haha. Nein, ich habe kein Verständnis dafür, andere Leute aufgrund von selbstmitleidigem Rumgeheule unter Druck zu setzen, bin wütend, scheißwütend. Soul versucht mich zu beruhigen, schlägt vor Dheart eine Nacht in der Mittelwohnung übernachten zu lassen. Ich muss ihn nicht sehen, die kurze Zeit, wo er hier in der Wohnung ist, kann ich in efeus Zimmer bleiben, Tür zu.

Es funzt tatsächlich, Dheart hockt mit Soul in der Küche und trinkt Kaffee und ich hier am Rechner. Es klingelt. Hm? Die Polizei steht vor der Tür. Oha! Ob wir hier Party feiern würden, wollen sie wissen. Die Nachbarn, die ja angeblich so unempfindlich sind, haben sich bei der Polizei über die laute Musik beschwert. Soul erklärt ihnen, dass er lediglich mit seiner Freundin Beethovens 9te gehört hat, als Party kann man das wohl kaum bezeichnen, und sie gehen wieder. Dheart verpisst sich endlich zum Schlafen in die Mittelwohnung. Am nächsten Morgen um 7:00 Uhr will er aufstehen und zu seiner eoss fahren. (Unnötig zu erwähnen, dass seine eoss auch Monate später noch lebt

Naja, manchmal kann man ihn auch doch alleine lassen!

Ich werde morgens wach weil ich mich beobachtet fühle, blinzle mal kurz und traue meinen verschlafenen Augen nicht: Soul sitzt neben dem Bett mit einem Strauß Rosen in der Hand!? Da komme ich nun gar nicht mit klar, drehe mich um, schließe die Augen wieder und warte bis ich aus meinem surrealen Traum aufwache. Aber irgendwie werde ich nicht wacher als ich schon bin. Der sitzt tatsächlich da und hat tatsächlich Rosen in der Hand, legt sie mir ins Bett. Ich glaube ich spinne, da kann ich ja nun ganz und gar nicht mit umgehen. Und es kommt noch schlimmer: Nicht nur der Kaffee ist gekocht, nein, der Frühstückstisch ist gedeckt, mit Brötchen und Eiern und allem was dazu gehört. Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll, bin total verlegen.

Da komme ich schon besser mit efeus Art von Sympathie-Bekundungen klar, fragt der doch tatsächlich im Chat:

Wie geht es der Katze?
Wie geht es der Ratte?
Ach ja, und wie geht es euch?

In dieser Reihenfolge. Wir stehen auf der Rangliste also noch unter der Ratte, können uns wohl noch glücklich schätzen, dass er sich nicht noch nach dem Wohlbefinden des Viehzeugs erkundigt hat, was unter dem Katzennapf lebt. Überhaupt wird mehr und mehr klar, was der Typ von uns zu halten scheint. Wir putzen und schrubben hier die ganze Wohnung, räumen auch sein Zimmer schön ordentlich auf – soll heißen: unseren ganzen Kram weg – damit seine C. sich nicht von uns gestört fühlt, wenn sie kommt und an den Rechner will. Und was ist der Dank? Soul wird am Telephon angeschnauzt, dass die Blumen trocken sind und weil C. zu dusselig ist, sich ins Internet einzuwählen. Außerdem beschwert er sich bei mir, dass der Schnittblumen-Strauß, der in seinem Zimmer in der Vase stand, nicht für die Ewigkeit hält. Und dann meckert er auch noch ständig, weil wir nicht mit seiner Piss-Katze knuddeln. Ja Herrgott nochmal! Das Scheißvieh fängt jedesmal an zu fauchen und rennt weg, wenn es einen von uns sieht. Sollen wir den mit Gewalt knuddeln? Und er nervt auch noch die ganze Zeit rum, dass wir ihn besuchen sollen. Diese Stadt hier ist so unübersichtlich groß, dass man eine Tagesreise daraus machen kann und Bock haben wir eh nicht.

Naja, irgendwann nervt er wieder am Telephon – der hat überhaupt ein Talent, immer dann anzurufen, wenn wir gerade eine DVD in dem Player gelegt haben. Er bietet uns an, dass er eine Taxifahrt übernimmt, wenn wir die andere zahlen und mit einer Flasche Wein bei ihm vorbeikommen. Damit wir das endlich hinter uns haben, willigen wir ein, gehen nachts um 3:00 Uhr in einer Bar eine Flasche Weißwein kaufen und fahren mit dem Taxi zur Klinik. Die Fahrt kostet knapp 40 DM, dafür fahr ich hier einmal um die Stadt herum, echt krass! Aber immerhin sehe ich den Alexanderplatz, die Siegessäule und fahre durch das Brandenburger Tor, meine touristische Pflicht wäre somit schon mal erfüllt.

Foto: Ziko van Dijk Quelle

Foto: Ziko van Dijk
Quelle

Das Brandenburger Tor ist verhüllt, weil es renoviert wird, also kann ich nur den wunderschönen Blick auf die T-Online-Werbung genießen. Egal, ich habe mir das Teil eh größer vorgestellt. An der Klinik angekommen, setzen wir uns auf eine Parkbank und trinken den Wein – wie Penner. Allerdings sind wir viel zu laut, sodass irgendwann eine Frau mit Hund (beide würden hier unter die Anlage 1 der Kampfhundeverordnung fallen) auftaucht und uns anmeckert.

Der Freitag rückt unaufhaltsam näher, ich werde nervös, wirklich nervös. Ich glaub, ich gehe Soul etwas auf den Keks damit, ich kann wirklich nervig werden, wenn ich nervös bin. Ich frage mich die ganze Zeit, ob Hugo und crow das so recht ist, wenn ich mitkomme, ob sie mich mögen, ob ich sie mag. Zu Souls Leidwesen frage ich mich das laut.

Es ist Freitag, meine Nervosität erreicht ihren Höhepunkt, Hugo ist unterwegs uns abzuholen. Soul geht duschen und lässt sein Handy bei mir liegen, ich soll drangehen, wenn Hugo anruft. Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Ich lasse das Handy kaum aus den Augen, flehe es an: „Bitte klingle nicht, bitte, wenn es einen Gott gibt, klingelst du nicht!“ – „PIEP!“ Es gibt keinen Gott. Auf dem Display steht „Hugo“. Shit! Meine Hände zittern, das Handy wirkt wie eine giftige Spinne auf mich, todesmutig (Haha!) gehe ich dran. Hugo ist … hm,keine Ahnung wo, das habe ich vor lauter Nervosität vergessen. Er will wissen, wie er hierher kommt. „Da fragst du genau die Richtige, ich hab keine Ahnung.“ Ich reiße die Tür auf, rufe um Hilfe und drücke das Telephon dem halbangezogenen Soul in die Hände, wische mir anschließend den Schweiß von der Stirn. So etwas kann man doch mit mir nicht machen.

Hugo ist da. Er scheint nett zu sein, jedenfalls beißt er nicht.