Chaos

Um mich herum ist Chaos, Koffer und Kartons, leere Bierflaschen und keine Ahnung was noch alles. Ich bin müde, seit 26,5 Stunden wach, würde eigentlich lieber duschen und dann schlafen. Aber duschen geht nicht, da ich keinen Schimmer habe, wie die Dusche funzt (das Wasser muss irgendwie vorher aufgeheizt werden) und schlafen kann ich nicht, weil ich 1. auf efeu warten muss, der auf der Arbeit ist und keinen Schlüssel hat, und 2. Soul momentan eh das ganze „Bett“ (zwei Matratzen nebeneinander mit einem großen Spannbettlaken darüber) für sich und seinen riesigen Koffer, den er aus irgendeinem Grund mit ins Bett genommen hat, beansprucht. Bis heute Morgen 6:30 Uhr haben wir Souls in Kartons verpacktes Leben hier herauf geschleppt, vier Stockwerke, mörderische Treppen, auf denen der Linoleum-Belag fehlt und die jedesmal feindseliger wurden. Ich wusste gar nicht, dass man Holzstufen so hassen kann. Meine Beine sind mittlerweile fast taub, es wundert mich, dass sie mir überhaupt noch gehorchen und morgen habe ich sicher Muskelkater ohne Ende – egal, jammer ich die Jungs halt voll.

Eigentlich hätte es gar nicht so spät werden müssen. efeu holte mich am Bahnhof ab. Ich hatte keine Ahnung, wie er ausschaut, sagte ihm am Telephon, dass ich ganz hinten im letzten Abteil des Zuges sitzen würde. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte. Ich steige aus dem ICE und stelle entsetzt fest, dass irgendwo unterwegs nochmal die gleiche Anzahl von Waggons an den Zug gehangen wurde und stehe da wie Hain Blöd, mitten auf dem überfüllten Bahnsteig. „Oh Gott, wie soll ich hier jemanden finden, von dem ich keine Ahnung hab, wie er aussieht??“ Ich gehe Richtung Zug-Ende, was soll ich auch sonst tun? Mit meinen blauen Klecksen im Haar dürfte ich ja recht leicht zu erkennen sein. Ein Typ ganz in schwarz gekleidet kommt mir entgegen, mustert mich. Mein Blick fällt auf die nackten Füße in den Birkenstock-Latschen und meine Nackenhaare stellen sich auf. „Das wird doch nicht …“, dachte ich. Er geht vorbei und gerade als ich aufatmen will, höre ich hinter mir: „darki?“, und drehe mich um. Ach du Scheisse! Es ist tatsächlich der ungepflegte Birkenstock-Typ, der mich an Unangenehmes erinnert und nun anquatscht, mir bleibt auch nichts erspart!

Irgendwas ist in seiner Ausstrahlung, was ich gar nicht mag. Er will meine Tasche nehmen, aber ich gebe sie nicht her, mag es nicht, wenn jemand, den ich nicht mag, meine Sachen anfasst, und überhaupt brauche ich etwas zum Festhalten. Wir fahren mit der U-Bahn zu ihm, es ist ekelhaft warm und außerdem voll in der U-Bahn. Ich weiß schon, warum ich nicht so gerne unter Menschen gehe. efeu bietet mir an, gleich bei ihm zu duschen. Ich will das nicht, will lieber so schnell wie möglich diesen verdammten LKW holen und weiterfahren. Unterwegs fängt er ein Gespräch über Chat und Foren an, alles guckt schon blöd, fragt dann auch noch, wie denn nun die Story mit K. seinerzeit war. Du lieber Himmel! Also gut, erzähle ich eben, wie sie auf die Intensiv-Station kam, Solveig P. bei mir anrief, ich mich an die Polizei wenden musste, um rauszufinden, wo K. steckt, und dass sie von der Klinik aus auf die Geschlossene kam und all den Mist. Ich komme mir schrecklich beobachtet vor und das mag ich gar nicht, aber was soll’s.

In seiner Wohnung trifft mich fast der Schlag. Es riecht nach Katzenpisse – widerlich! – und das fette Vieh, was für den Geruch verantwortlich ist, guckt mich völlig verstört an und haut ab. Auch gut. Eigentlich mag ich Katzen, aber diese irgendwie nicht. Ich will mir die Hände waschen, soll dies in der Spüle tun und werde prompt vom nächsten Schlag getroffen: Ein kleiner schwarzer Käfer sitzt im Spülbecken – igitt! Mein geschulter Blick erkennt, dass es wenigstens keine Kakerlake ist, wenigstens etwas, so bleibt die Hoffnung, dass der Käfer ein Einzelgänger ist. efeu zeigt mir die Zimmer, links seins, ein Doppelbett darin, Erdbeeren, Oliven und diverse Kerzen stehen neben dem zerwühlten Bett. Nein, diese Vorstellung gebe ich mir jetzt nicht, gucke nach rechts in das andere Zimmer. efeu deutet auf die beiden Matratzen, die nebeneinander auf dem Boden liegen „Da schlaft ihr beide.“ Aha. Hoffentlich kann er mein Schlucken nicht hören. Wo bin ich hier gelandet? Ich brauch ’nen Kaffee!

Ein weiteres Angebot, doch noch zu duschen, lehne ich – die Dusche vor Augen – endgültig ab. Dusche? Naja eine Dusche ist es wohl, aber trotzdem irgendwie nicht so ganz das, was ich erwartet hatte bzw. gewohnt bin. Eine Duschkabine steht mitten in der Küche, einer Küche, die nicht einmal eine Tür hat, sondern gleichzeitig als Durchgang von den Zimmern zur Toilette und zur Wohnungstür dient. Ich überlege, ob ich wohl die paar Tage, die ich hier bin, ohne zu duschen aushalte.

efeu labert und labert, erzählt mir die ganze Zeit von seiner C., etwa vier bis fünf Mal höre ich den Satz „Weißt du, wie schwer es ist, eine Frau aus einer achtjährigen Beziehung rauszukriegen?“ – „Nein, weiß ich nicht, habe ich noch nicht versucht und auch kein Interesse daran.“ Naja, das denke ich mir natürlich nur, sage ich nicht. Ist das wirklich so schwer, wenn die Frau das auch wirklich will? Egal eigentlich, das ist nicht mein Problem. Er fragt mich, ob ich einen Wein trinken will. Merkt der eigentlich noch was? „Ich halte es für klüger nüchtern auf die Autobahn zu fahren“, lehne ich sein Angebot ab. Er geht an seinen Rechner. Er ist skeptisch, was die Verbindung zwischen seinem und Souls Rechner betrifft, möchte nicht, dass irgendwas an dem Rechner rumkonfiguriert wird, weil dieser ja so toll konfiguriert ist. Ich erkläre ihm mit wissender Mine, dass ich nur die Internetverbindungsfreigabe installieren muss, damit beide online gehen können, kein Netzwerk einrichten und konfigurieren. Der Depp ist beruhigt, nur weil ich sage, ich müsse nichts konfigurieren. Er zeigt mir dieses und jenes im Web, seine HP, wundert sich, warum Flash nicht funktioniert, fummelt und bastelt rum. Ich werde langsam ungeduldig, frage, wann wir den endlich gehen, wir sind schon über eine Stunde hier.

Ich bekomme eine kleine Einführung, wie Soul denn so ist, wie er sich gegeben hat, als dieses Massen-Treffen hier stattgefunden hat und die klugscheißerische Analyse, dass Soul ja seine ganze Unsicherheit durch Coolness versucht zu überspielen und dass er doch mal etwas mehr er selbst sein soll. Ich frage mich, was das soll, mag es nicht, so über Dritte zu reden, die ich nicht einmal kenne. Und außerdem ein bisschen mehr er selbst sein? Haha. „Was glaubst du eigentlich, was mein Geplapper hier die ganze Zeit ist? Soll ich auch etwas mehr ich selbst sein? Dann könnte ich genauso gut zu dir sagen: Sei mal etwas außerirdischer!“

Wieder in der Küche erzählt er mir, dass er gar nicht mitfahren wird, weil er arbeiten muss. Das wusste ich gar nicht, gucke wohl etwas dumm. Allein finde ich nicht einmal aus der Stadt raus, befürchte ich. Ich wusste das nicht, Soul sagte nur am Telephon, dass alles bis 22:00 Uhr geregelt sein müsse, warum sagte er nicht – oder ich hab’s vergessen, weil ich’s nicht wirklich wichtig fand. Ich rufe Soul an, sage ihm, dass efeu nicht mitkommt. Er will ihn sprechen und ich gebe das Telephon weiter. „Soul zieht nicht um“, erklärte er lapidar nach Beendigung des Telephonats. Ich traue meinen Ohren nicht „WAS?!“ Der hat ja geniale Einfälle! Ich sehe mich schon im nächsten Zug nach Hause sitzen. Zwischendurch telephoniert efeu mit S., dem Macker von C., keine Ahnung, was die labern, stelle meine Ohren auf Durchzug, das interessiert mich nun wirklich nicht. Ein weiteres Telephonat mit Soul klärt alles und nach über zwei Stunden gehen wir endlich zur Autovermietung.

Das heißt erst zur Sparkasse, nicht einmal das Geld hat er vorher abgeholt. Ich gehe immer noch völlig naiv davon aus, dass ein Wagen reserviert ist und ich nur noch meinen Führerschein vorlegen muss und dann losfahren kann. Weit gefehlt. efeu weiß nicht einmal wie groß der Wagen sein muss, also rufe ich wieder Soul an und frage nach. Angesichts der hohen Kilometerzahl können wir natürlich nicht das Stunden-Angebot nutzen, sondern müssen einen Pauschal-Vertrag abschließen. Nichts hat efeu vorbereitet, sich nicht einmal erkundigt, was es kostet, einen Wagen zu leihen, nicht einmal dieses eine Telephonat. Ich hatte gestern mehrere Autovermietungen bei mir daheim angerufen und dort nachgefragt, wie teuer es ist, einen Wagen dort auszuleihen und hier wieder abzugeben, da mir dies zum einen die Hin- und Herfahrerei erspart hätte und zum anderen müsste ich dann nicht erst allein mit efeu bei ihm in der Wohnung hocken. Schließlich hatte ich von Anfang an nicht das geringste Bedürfnis, ihn kennen zu lernen. Allerdings sind die Rückführungskosten für den Wagen so hoch, dass ich diese Idee wieder verwerfen und doch ICE fahren musste. Naja, egal jetzt, efeu bezahlt den Wagen, 180 DM soll er kosten zuzüglich 200 DM Kaution, die zu hinterlegen ist. efeu guckt mich fragend an, ich zücke wortlos meine Brieftasche und lege die 200 DM auf die Theke. „Wer bezahlt eigentlich das Benzin?“ Wieder dieser Blick mit der Information, dass ich das doch bitte vorstrecken und mir das Geld von Soul wiedergeben lassen soll, schließlich könne der auch ein bisschen zu seinem Umzug beitragen. „Aha. Ja, gut.“ Irgendwie fällt mir nichts mehr ein.

Bis zur ersten Raststätte außerhalb der Stadt fährt efeu noch mit, trampt dann heim. „Ab hier nur noch geradeaus.“ Na gut, das schaffe ich wohl gerade noch, ich fahre alleine weiter, endlich allein, endlich Ruhe. Ich fahre also, gedankenverloren, sinniere vor mich hin, wie irre ich sein muss, wie durchgeknallt, dass ich das alles überhaupt mache. Fern ab der Heimat in einem gemieteten Transporter damit ein Mensch umziehen kann, den ich gar nicht kenne – daheim trage ich nicht einmal den Müll selbst runter. Aber egal, Berlin … Manchmal wollte ich unbedingt mal dagewesen sein, manchmal wollte ich da keinesfalls hin, kenne sie nur vom Durchfahren in den 90er Jahren, als Mitte noch so aussah. und bin wild entschlossen, auch etwas von der Stadt zu sehen – Vorausgesetzt ich halte es hier solange aus und die halten es mit mir solange aus.

Mit Highspeed 110 km/h (bergab 120 km/h) die Autobahn entlang kriechend beobachte ich die anderen Autos, neidvoll die, die an mir vorbeirasen, verständnislos den Audi, der noch langsamer fährt als ich. Die Kennzeichen fallen mir auf, Münchner und Leipziger und so, eine blaue Hinweistafel nähert sich und lässt mich wissen, dass ich Richtung München unterwegs bin. München? Fuck! Hektisch krame ich mein Handy aus der Tasche, schreibe eine SMS an Soul, der zurückruft, um zu fragen, wie weit ich denn schon bin. Ich habe nicht den leisesten Anflug einer Ahnung und halte auf einem Parkplatz (mit Behinderten-WC, was aber auch nicht wirklich der Orientierung dient) und lerne eine freundliche vierköpfige Familie kennen, die ich anquatsche um zu fragen, wo ich ungefähr bin. Ich erhalte zwei verschiedene Auskünfte, ein Schulterzucken und das entgeisterte Anstarren des jüngsten Familienmitglieds. Der Akku ist leer, ich muss aufhören zu telephonieren und so bleibt mir nichts anderes, als zurück zu fahren und die richtige Autobahn zu suchen.

Ungefähr eine Stunde nachdem efeu aus dem Wagen gestiegen ist, befinde ich mich endlich auf der richtigen Fährte, lehne mich mehr oder weniger entspannt zurück und lasse den Wagen die Kilometer vom Straßenbelag fressen. Abwechslung bietet lediglich der Sender aus Sachen, den das Radio als einzigen empfangen kann und der mich regelmäßig darüber informiert, wo ich in Sachsen vorschriftsmäßig fahren muss um nicht geblitzt zu werden, während ich auf den Kunstledersitz des Transporters von der Sonne angestrahlt in meinem eigenen Saft gare. Die Musik ist grauenvoll, mir wird schlecht – Was aber auch eventuell daran liegen könnte, dass ich seit dem Croissant im Zug nichts mehr gegessen habe und mittlerweile ca. 12 Stunden unterwegs bin. Das Leben ist wiedermal grottenschlecht und mir wird klar, dass dies wieder einmal einer jener Tage ist, an denen ich mir das Leben wohl eher selbst schlecht gemacht hatte. Ich habe keine Ahnung was mich erwartet, nachdem was er am Telephon so erzählte wohl ein totaler Chaot, der wahnsinnig genug ist, sein ganzes Hab und Gut bei einem Umzug, der möglicherweise unter einer Brücke enden könnte, mitzunehmen. Nun ja, das klingt nach meinem Umzug von München nach Hamburg, also völlig normal – für meine Verhältnisse.

50 km bevor ich da bin steuere ich eine Raststätte an, will wenigstens noch irgendwas essen, um nicht beim Aussteigen aus dem Wagen gleich in Ohnmacht zu fallen, was möglicherweise falsch interpretiert werden könnte. Ich habe die Wahl zwischen einem Salamibrötchen an dem selbst die Ratten naserümpfend vorbeilaufen würden sowie diversen Schoko-Riegeln und entscheide mich für ein Snickers, was ja laut Werbung genau das Richtige ist wenn es mal wieder etwas länger dauert.

Die letzten 50 km, ich werde nervös, richtig nervös, was mich aber immerhin von meinem Selbstmitleid ablenkt. Meine Neugier hat mich mal wieder in eine Situation gebracht, die mir im Moment alles andere als recht ist. Aber naja, nun ist es wohl zu spät für einen Rückzieher. Ich halte vor dem Haus, schaffe es grad noch, den Wagen halb auf den Gehweg zu steuern, rückwärts setzen kann ich schon nicht mehr, dafür sind meine Knie zu weich. Ich würde mich nie trauen, einfach bei wildfremden Leuten auf den Klingelknopf zu drücken. Außerdem erscheint mir der Gedanke, dass die Mutter oder der Vater öffnet und ich sage: „Hallo, ich bin darki aus dem Suizid-Chat und möchte Ihren Sohn abholen“, doch ein wenig absurd, also schreibe eine SMS, dass ich nun da bin und bleibe im Wagen sitzen, meinem Magen gut zuredend, dass er das Snickers doch behalten soll auch wenn es jetzt nicht mehr länger dauert.

Jemand haut gegen die Scheibe der Beifahrertür, mein Herz bleibt für einen Moment stehen, fast hätte ich geschrien und blicke, nachdem ich mich von meinem Schock erholt hab, nach rechts in die grinsende Visage, die ich auch als .jpg auf meinem Rechner gespeichert habe. Das fängt ja gut an! Wir gehen ins Haus, ich wundere mich, dass meine Pudding-Beine überhaupt noch gehorchen, die Eltern sind auch da, Shake-hands bleibt mir nicht erspart. Ob ich einen Kaffee will, lieber im Haus oder im Garten meinen Kaffee trinken will, wie die Fahrt, blablabla. Das Übliche, die Scheiß-Normalität, bestens bekannt, die gleichen Fragen, die auch meine Mutter gestellt hätte. Ich fühle mich zum Kotzen, lächle freundlich und lasse auch das noch alles über mich ergehen. Ich bin kaputt, meine Hände zittern, dass ich nicht einmal den Kaffee trinken kann, will eigentlich gar nichts außer nach Hause zurück in mein privates Elend, mich an meinem Rechner ausheulen und meinen eigenen Kaffee an meinem Schreibtisch trinken.

Endlich fangen sie an, den ganzen Kram auf den Wagen zu räumen, der natürlich viel zu groß ist; ein kleinerer, schnellerer und komfortablerer hätte auch gereicht. Die familiäre Abschieds-Szene kann ich mir nicht auch noch geben, sage nur: „Tschüss dann, ich setz mich schon mal ins Auto“, und gehe einfach, die freundlichen Ratschläge, ich soll doch vorsichtig und langsam fahren, dringen wie durch Watte in meine Ohren. Nicht gerade höflich, ich weiß, tut mir leid, aber ich kann nicht anders, mir ist gerade wiedermal alles zu viel.

Ich bin froh, dass ich wieder fahren kann, fahre eh gerne Auto, kann so tun, als müsse ich mich auf’s Fahren konzentrieren, es ist dunkel, Tränen laufen mir über das Gesicht, weiß selbst nicht einmal warum, mir geht’s einfach beschissen. „Hast du Bock auf Blasen?“, werde ich aus meinem Selbstmitleid gerissen. Mein rechter Fuß will spontan eine Vollbremsung machen, ich muss mich verhört haben „Was bitte?!“ Das kann doch nicht sein. Hilfe, ich will hier raus! „Meinen Plastiksessel aufblasen … “ Auch ’ne Möglichkeit, eine Konversation zu beginnen. Mit dem mir eigenen Talent, gute Laune zunichte zu machen, kläre ich den verkappten Rockefeller neben mir im Laufe der Fahrt darüber auf, dass er doch bitte schön auch mal seinen Anteil zu dem Umzug beizutragen hätte und was efeu sonst noch so gesagt hat. Nachdem ich mich dann auch noch mit Rumgezicke („Ich will ’nen Kaffee trinken.“ – „Ja gut, wir haben aber nicht viel Zeit, müssen den Kram ja noch hochtragen.“ – „Dann eben nicht!“) von meiner besten Seite gezeigt habe, sind wir um 01:00 Uhr endlich in der zukünftigen Heimat meines Beifahrers angekommen.

Bevor wir den Kram aus dem Auto in die Wohnung tragen können, müssen wir noch zu efeu auf die Arbeit, weil der es nicht einmal geschafft hat, einen Schlüssel für uns zu organisieren. Nach schlechter Wegbeschreibung via Handy finden wir endlich hin, werden von efeu empfangen, der barfuß auf der Straße steht. Er bietet uns Kaffee und Brot an. Ich nehme das Messer entgegen und schaffe es kaum, das klebrige Ding wieder von meiner Handfläche zu lösen. Appetit und Hunger habe ich jetzt jedenfalls nicht mehr, kaue irgendwann nur auf einer trockenen Scheibe Brot rum, um nicht doch noch aus den Latschen zu kippen. Schließlich wartet im LKW noch Soul’s Leben darauf, in die vierte Etage geschleppt zu werden. Um 3:00 Uhr fahren wir endlich zur Wohnung. Eine Absperrung vor dem Haus, worum Soul gebeten hatte, war natürlich nicht da, also müssen wir den ganzen Kram auch noch die halbe Straße entlang, immer wieder Besoffenen und Hunden ausweichend, schleppen. Da die Ladefläche nicht abschließbar ist, bleibt uns nichts anderes, als erstmal alles vom LKW ins Treppenhaus zu stellen, was allein schon mindestens eine Stunde oder so dauert, keine Ahnung, habe jedes Zeitgefühl verloren. Der Regen, der zwischendurch fällt, tut gut, ist angenehm in der schwülwarmen Nacht. Der LKW ist leer und ein Parkplatz auch frei, die eigentliche Arbeit beginnt aber erst, obwohl wir beide schon völlig fertig sind. Erstmal rauf, was trinken, Kaffee kochen, wenigstens mal eben hinsetzen.

Ich habe schon Mühe so völlig ohne Kondition mein Eigengewicht die vier Etagen raufzubekommen, mit den Kartons scheint es von Mal zu Mal unmöglicher zu werden. Irgendwann kann ich nicht mehr, setze mich an den klebrigen Küchentisch und lege den Kopf auf meine Arme und fange an zu heulen. Das kurze Gespräch mit efeu geht mir wieder durch den Kopf, ob er denn morgen mit mir den Transporter wegbringen würde, allein mag ich nicht, kenne mich nicht aus, hab keinen Orientierungssinn und irgendwie Angst, hier verloren zu gehen. Soul kann ja nicht, der hat ja ein Vorstellungsgespräch oder sowas. „Ich hab keine Zeit.“, war die lapidare Antwort. Eben genau das geht mir jetzt wieder durch den Kopf und langsam fange ich an zu hassen. Ich stopfe mir noch ein Stück von meiner mitgebrachten Schokolade in den Mund und renne wütend die Treppe runter, schnappe mir den Fernseher und schleppe das Scheißding rauf, renne wieder runter und hole mir das nächste Teil, Hass ist ein guter Motivator – zumindest solange er sich nicht gegen einen selbst richtet. Und meine Schokolade wirkt in diesem Moment wie die 199-Dollar-Tafel vom freundlichen Dealer an der Ecke.

Um halb Sieben etwa, zu Beginn des neuen Tages und am Ende unserer Kräfte ist endlich alles hoch geschleppt und das Zimmer vollgestellt. Soul schmeißt Hayder, seinen Koffer, auf das Bett, wühlt ein wenig darin herum, schmeißt sich selbst daneben und pennt ein. Hm. Ich mache mir noch einen Kaffee, warte darauf, dass es 8:00 Uhr wird und die Autovermietung aufmacht, damit ich dann irgendwie den Wagen zurückbringen kann. Ich habe Hunger, aber auch das Toastbrot liegt auf dem Bett, neben Souls Kopf. Ich traue mich nicht, es da wegzunehmen, habe ja keine Ahnung, wie der reagiert, wenn er das mitbekommt. Ich kenne Leute, bei denen man damit rechnen muss, dass sie sofort zuschlagen, wenn man sich ihnen im Schlaf nähert, also bin ich vorsichtig. Wieso nimmt der Kerl das Toast und den Koffer mit ins Bett? Eigenartiger Typ. Naja, ich sehe mir die Dusche genauer an, habe keinen Plan, wie sie funktioniert und würde eh nicht duschen, weil ja immerhin damit zu rechnen ist, dass der plötzlich wieder wach wird und aufsteht. Also packe ich mein Schlepptop aus und schreibe an diesem Text hier.

08:00 Uhr. Ich rufe bei der Autovermietung an, damit ich weiß, in welche Filiale ich den Wagen bringen muss, gehe runter zum LKW und gucke auf den Stadtplan, ein ca. 3 cm dickes Buch, dass ich mir gestern vorsorglich zusammen mit dem Wagen ausgeliehen habe. Es ist nicht weit, nur dreimal abbiegen, das werde ich wohl finden. Nachdem ich ungefähr eine halbe Stunde durch das Viertel gekurvt bin, bin ich auch endlich da, räume noch den ganzen Müll aus dem Auto, gebe es zurück und mache mich zu Fuß wieder auf den Weg nach Hause. Ehm … nach Hause? Unterwegs hole ich mir was zu essen und einen Kakao, schließlich kann ich ja nirgendwo schlafen, das Bett ist besetzt und auf dem Boden kaum Platz, setze mich nochmal ans Schlepptop und tippe noch rum. Irgendwann schlafe ich dann doch ein, völlig erschöpft lege ich mich einfach auf den dreckigen Fußboden, ich kann nicht mehr.