Dreck

Soul ist noch bei seinem Vorstellungsgespräch bzw. Einstellungstest, ich sitze mit efeu in der Küche und höre mir C.-Stories an. „Weißt du eigentlich, wie schwer es ist, eine Frau aus einer achtjährigen Beziehung herauszukriegen“? Ich kann den Satz schon nicht mehr hören, versuche auf ein anderes Thema zu lenken und darf mir stattdessen stern-Stories anhören. Meine Güte, die Probleme möchte ich haben! Nach einer Weile fragt efeu mich, was er K. denn nun erzählen soll, schließlich hat sie ja mitbekommen, dass er was mit mir zu besprechen hätte. Er soll ihr sagen, dass es um meinen Aufenthalt hier gegangen ist, schlage ich vor. Warum muss ich ihm eigentlich sagen, wie er jetzt mit seiner Indiskretion umzugehen hat? Aber er mag sie nicht anlügen. Haha! Ausgerechnet die Lügenbaronin, die ist es gewohnt, mit Lügen umzugehen, weiß vermutlich gar nicht, was das Wort Wahrheit bedeutet. Allein dieser Satz macht deutlich, dass er mir nicht geglaubt hat, was ich gestern schon über sie erzählte. Er fragt weiter, was seinerzeit war und ich erzähle bruchstückhaft, das was ich im Moment für relevant halte, zu viel ist passiert um alles zu erzählen, zu viele Lügen um sie alle wiederzugeben. „Selbst wenn du mir nur die Hälfte dessen glaubst, was ich dir erzähle, bleibt ja wohl immer noch genug.“ Sein Blick gefällt mir nicht. Ich breche das Thema ab, indem ich ihm sage, dass er ihr ja dann, wenn er mal ein Konzept ausgearbeitet hat und sicher ist, ob nun was daraus wird oder nicht, alles erzählen kann. Wobei ich auch das für keine besonders gute Idee halte. Er meint, dass Publicity dann nicht schlecht wäre, ja vielleicht, aber nicht die Art von Publicity, die K. vermutlich machen würde. Ich wechsle endgültig das Thema.

Auf meine Frage, wie sich denn hier nun die Wohnsituation gestalten soll, erzählt er mir, dass er die ganze Zeit rumtelephoniert hätte und gleich zu irgendeiner Frau fährt, von der er den Schlüssel für die gegenüberliegende Wohnung bekommt. Mir gefällt der Gedanke, endlich raus hier. Nach langem Blabla geht er endlich, ich setze mich an den toll konfigurierten Rechner, der nicht einmal Windows ordnungsgemäß lädt und statt dem Desktop einen Bluescreen auf dem Bildschirm klatscht. Nach mehreren Reboots zeigt er sich willig. Mal sehen, was das Internet so macht. Die Tastatur ist eklig, dreckig und klebrig, man darf die Finger nicht zu lange auf den Tasten lassen, sonst läuft man Gefahr, sie nicht mehr abgelöst zu bekommen, der Schreibtisch ist genauso widerlich. Eine SMS von Soul, er hat den Test bestanden und muss am Samstag zur Probe arbeiten, ich schreibe zurück, dass efeu gerade den Schlüssel für unsere Wohnung holt – alles wird gut.

Falsch gedacht, nichts wird gut. Angeblich wurde der Schlüssel, kurz bevor efeu an dem Laden von der Frau ankam, von dem ehemaligen Mieter abgeholt, da dem die Sache nicht geheuer ist. Wir versuchen die Tür aufzubrechen. Heilige Scheiße, wenn das einer mitbekommt! Eigentlich hatte ich nicht vor, einen Teil meines Aufenthaltes hier auf einer Polizeiwache zu verbringen um einen Einbruch zu rechtfertigen. Aber laut efeu schert es die Nachbarn einen Dreck, wer hier was macht und offensichtlich sind wir eh zu blöd zum Einbrechen, geben auf und widmen uns erst einmal dem Dreck in efeu’s Küche. Ausgestattet mit Klorix kratzt und scheuert Soul an Kühlschrank, Herd und Spüle rum. Im Kühlschrank tobt das Leben, auf den Pilzen im unteren Fach züchtet efeu weitere Pilzkulturen, irgendetwas schreit: „Licht aus!“, und aus der hintersten Ecke ertönt: „Tür zu!“ Mir wird schlecht, ich setze mich lieber wieder an den PC und surfe im Internet rum, versuche mich abzulenken, weil mir all das hier, der Dreck, die Wohnung, efeu und mein Ekel vor dem Ganzen gar nicht gut bekommt.

Es ist spät abends, ich will endlich duschen gehen. efeu schaltet die Dusche ein, setzt sich wieder an seinen Rechner, die Tür zu seinem Zimmer einen Spalt offen, damit die Katze rein und raus kann. Ich fasse es nicht! So soll ich duschen? Er kann von seinem Schreibtisch aus in die Küche gucken, ich fühle mich beobachtet und beeile mich. Verklemmt bin ich, ja, selbst beim Eishockey damals habe ich nie mit den anderen zusammen geduscht, bin als einzige im Trainingsanzug verschwitzt nach Hause gefahren um dort zu duschen, sogar vor meinem Ehemann hab ich mich nur ungern ausgezogen, und dann das! Ich will nach Hause.

Nun ja, entgegen meinen Befürchtungen habe ich auch das überlebt. Meine Erwartung, dass die Matratzen voneinander getrennt werden, wurde nicht erfüllt. Raff ich nicht so ganz. „Ich schlafe nicht mit anderen in einem Raum.“ Diesen Satz schrieb Soul mehrmals im Chat. Ich persönlich find’s schlimmer, hier mit anderen (mehr oder weniger) in einem Raum duschen zu müssen, schlafen stört mich daneben nicht so sehr, sofern mir die Person sympathisch ist. Aber in einem Bett? Naja. Merkwürdiger Gedanke, aber auch nicht wirklich störend, seltsam irgendwie, noch seltsamer jedoch, wie schnell ich mich damit abfinde.

Wie auch immer, wir sitzen in unserem Zimmer auf dem Bett und labern über Gott und die Welt als efeu klopft und mit seinem Weinglas in der Hand reingelatscht kommt und sich auf den Boden hockt. Wieder C.-Stories, langweilig, uninteressant, aber was bleibt uns anderes als mit gespielter Anteilnahme zuzuhören? Ich hasse so etwas, aber schließlich will ich auch nicht schuld sein, wenn Soul unter einer Brücke schlafen muss, ein Thema, was er zur Sprache bringt. Vorsichtig, sehr vorsichtig, versuchen wir efeu begreiflich zu machen, dass es hier um existenzielle Ängste geht (Wir. Hm. Irgendwie bin ich hier schon assimiliert worden.) efeu bricht fast in Tränen aus und meint, wir würden ihn unter Druck setzen, er würde ja so viel tun für uns, würde nur nicht darüber sprechen, und wir hätten nun nichts Besseres zu tun, als ihn als Buhmann dastehen zu lassen und ihn unter Druck zu setzen. Ich bekomme fast Streit mit ihm, Diplomatie gehört nicht gerade zu meinen herausragenden Eigenschaften, ich versuche es trotzdem und bin für eine Weile lieber still, denke mir meinen Teil. Leuten, die nicht verstehen wollen, weil sie ausschließlich mit sich selbst beschäftigt sind, kann man eh nichts klarmachen.

Irgendwann zieht er endlich wieder ab, macht in seinem Zimmer melancholische Musik laut, schauderhaft, aber naja, was soll man machen? Wir labern und labern, bis es hell wird, über alles Mögliche, was ich gar nicht mehr wiedergeben kann. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viel gelacht habe, soviel Spaß hatte, fange an mich trotz dem Dreck und Ekel um mich herum so etwas ähnliches wie wohl zu fühlen, eigenartig. Selbst die Tatsache mit Soul in einem Bett zu schlafen stört mich nicht mehr – wohl aber der weiße Fleck auf meinem Bettlaken, über dessen Herkunft man nicht lange mutmaßen muss. Alles hatte ich erwartet, aber nicht in einem vollgewichsten Bett schlafen zu müssen, mir bleibt wirklich nichts erspart. Ich muss mich mit meinem Schlafsack zudecken, wenn ich nicht eine Bettdecke benutzen will, von der ich nicht weiß, wer bereits alles darin geschlafen und sonst was alles getan hat, frisches Bettzeug hat efeu nicht mehr. Er hatte mir versprochen, dies zu waschen und im Wasch-Center zu trocknen, damit ich eine Decke habe, hat aber solange vor seinem Scheiß-Rechner gesessen bis es dafür zu spät war.

In dem Zimmer hier herrschte eh völliges Chaos. Müll, Kartons und die bereits erwähnten leeren Bier- und Weinflaschen standen hier überall rum. Wir sollten alles in die Küche stellen, damit er den Kram dann auf den Dachboden bringen kann. Nachdem wir damit fertig waren, seinen Krempel raus zu räumen, bewegte er sich endlich vom Rechner weg und fragte auch noch, ob Soul ihm helfen würde, alles nach oben zu schleppen. „Das willst du doch nicht ernsthaft tun, oder?!“ Ich weiß nicht mehr womit, jedenfalls waren wir mit irgendetwas so dermaßen beschäftigt, dass efeu den Scheiß alleine machen musste.

Mittlerweile ist es Samstagmorgen, efeu ist seit gestern weg, im Krankenhaus, und Soul ist arbeiten. 45 Minuten haben wir friedlich neben dem Wecker geschlummert, ohne ihn zu hören – Der Schlaf der Gerechten. Offensichtlich fühle ich mich hier wirklich wohl, sonst würde ich bei jedem Geräusch sofort aufwachen und ganz sicher nicht so lange neben dem hysterisch piependen Handy pennen. Erst die Worte: „Wir haben verschlafen!“, lassen mich senkrecht im Bett stehen. War schon immer so, sonst eigentlich eher morgenmuffelig, bin ich sofort hellwach, wenn jemand das Wort „verschlafen“ erwähnt. Der arme Soul hat noch nicht einmal Zeit einen Kaffee zu trinken, muss sich beeilen um nicht zu spät zu kommen.

Als er weg ist, setze ich mich erstmal an den Rechner, endlich mal in Ruhe, endlich mal allein, lese ein wenig in den Foren und gebe an verschiedenen Stellen Lebenszeichen von mir. Da der Dreck in der Wohnung trotz Souls stundenlanger Putzaktion nicht weniger geworden zu sein scheint, beschließe ich auch meinen Teil dazu beizutragen, wasche diverse Schränke ab, unterdrücke die Übelkeit beim Saubermachen der Toilette und will zuletzt noch staubsaugen. Neben der Dusche stehen die Näpfe von dem verstörten Kater, drei Stück: Wasser, Brekkies und Dosenfutter. Ich hebe den Napf für die Brekkies an um darunter zu saugen und lasse ihn im selben Moment wieder fallen. Ekelhafte, schwarze Tiere leben darunter, fühlen sich durch mich offensichtlich gestört, da sie versuchen in die Binsenmatten (mit denen die ganze Küche und der Flur ausgelegt sind) zu verschwinden. Ich muss mich korrigieren, nicht im Kühlschrank tobt das Leben, nein, das ist Chill-out im Vergleich zu der Party-Time unter dem Katzennapf und der Dusche. Ich unterdrücke den spontan aufkommenden Würgereiz, lasse den Staubsauger fallen, schalte ihn aus und gehe an den Rechner zurück. Das ist widerlich, ekelhaft! Mir fehlen die Worte.

crow ist im Chat und ich log mich ein um mich bei ihr auszukotzen. Ich hatte ja bereits einmal mit ihr telephoniert, völlig unvermittelt und absolut unvorbereitet, als Soul die DFÜ-Verbindung einrichtete und mir einfach das Telephon in die Hand drückte. Nach anfänglichem Rumstottern schaffte ich es sogar, ganze Sätze zu bilden, was aber nichts daran änderte, dass ich froh war, das Telephon wieder abgeben zu können. So etwas kann man mit mir doch nicht machen.

Nun ja, nachdem ich wieder halbwegs ruhig bin und meine Gänsehaut sich wieder verzogen hat, gehe ich offline um den Rest auch noch zu saugen und anschließend in unserem Zimmer innerhalb einer Stunde das zu tun, was Soul seit drei Tagen erfolglos versucht: aufräumen. Während er, ohne dass irgendein Sinn in seinem Tun erkennbar gewesen wäre, die Kartons von einer Ecke in die andere schob und seine ganzen Bücher auf ca. 1/3 der gesamten Fläche des Zimmers verteilte, räume ich einfach alles zur Seite, sodass der Gang zum Bett nun nicht mehr einem Hindernislauf gleicht. Auf der Fensterbank platziere ich das Highlight dekorativer Raffinesse: Ein alter, völlig vertrockneter Efeu, welcher zwischen dem ganzen Müll des anderen alten, völlig vertrockneten efeus stand und nun als Halter für Räucherstäbchen dient und somit einen nicht zu unterschätzenden Gemütlichkeitsfaktor erzeugt. Anschließend sauge ich noch unser Zimmer, wobei ich feststellen muss, dass ca. 50 % des Teppichs aus Katzenhaaren besteht und selbiger nach dem Saugen dementsprechend dünner und um einige Farbnuancen heller ist. Halbwegs zufrieden mit meinem Werk mache ich mich auf den Weg um den Supermarkt zu suchen, der laut efeus Auskunft samstags bis 16:00 Uhr geöffnet ist. Schließlich hab ich Soul versprochen, heute für uns zu kochen. Aus dem Haus, rechts und dann links, dann kann man den Kaiser’s schon sehen, schrieb efeu im Chat. Ich folge seinen Anweisungen, sehe aber keinen Kaiser’s. Hm. Vielleicht doch erst links und dann rechts? Ich habe keine Ahnung und viel zu viel Schiss, mich hier zu verlaufen und nicht mehr heim zu finden. Also hole ich eine Stange Zigaretten und latsche wieder zurück, ändere den Speiseplan auf Big Mäc und warte, bis Soul endlich nach Hause kommt.