Erstmal hinkommen …

Hm. Ich sitze im Zug, in 4,5 Stunden bin ich in der großen Stadt. Und dann? Ich weiß nicht, ob efeu mich abholt, bin misstrauisch wie eh und je. Worauf habe ich mich bloß wieder eingelassen? 3 Stunden telephoniert Samstagnacht, leicht besoffen und aufgrund dessen mutig wie sonst nicht. „Ich kann ja den Transporter für dich fahren, kein Problem“, so oder so ähnlich schrieb ich im ICQ. Scheinbar bin ich der letzte Mensch auf Erden in Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis. Das liebe darkilein als Helfer in der Not? Ausgerechnet ich, die mit sich selbst nicht klarkommt, deren materielle Existenz mittlerweile auch am vielzitierten seidenen Faden hängt, wenn ich nicht endlich den Arsch hochkriege. Naja unwichtig, egal jetzt, hab ich ja erstmal alles ein paar Tage hinter mir gelassen.

Oh Mann, ich schaff’s immer wieder. Ich sitze hier, habe meine Schuhe ausgezogen, mich im Schneidersitz gemütlich in den Sitz gelümmelt und will frühstücken, habe mir am Bahnhof noch schnell ein Croissant geholt. Jedenfalls öffne ich meine Wasserflasche … Es zischt laut und mein Schrei war glaube ich auch nicht gerad leise, die Frau gegenüber lacht sich schlapp, der glatzköpfige Schwule mit der blonden Tussi hinter mir, der sich anscheinend furchtbar gern selbst reden hört, ist auch endlich still und ich bin zum zweiten Mal geduscht heute. Naja, bis ich da bin, werden Haare und Klamotten wohl wieder trocken sein.

Tja, warum mache ich das hier überhaupt? Neugier, einen Menschen kennen zu lernen, den ich nur vom Internet und Telephon kenne, neugierig geworden, obwohl ich ja eigentlich keine Treffen mehr wollte. Aber doch wieder neugierig geworden. Fahre zu jemandem, der im Chat von vielen für ein arrogantes Arschloch gehalten wird. Aber ich habe mir meine Meinung immer schon selbst gebildet, was kümmert’s mich, was andere sagen? Im Grunde hab ich ja auch nicht viel zu verlieren, abgesehen vom dem Geld für die Fahrkarte, kann mich in den nächsten ICE zurück nach Hause setzen – Auch ’ne Art, die Zeit totzuschlagen. Aber das will ich ja gar nicht, werde dann lieber schauen, dass ich irgendeine Bleibe finde, ein paar Tage dort bleiben, mir die Stadt anschauen und am Wochenende zurück fahren. Optimistisch denken ist im Moment nicht, Sätze wie „Wird schon irgendwie“, die ich versuche, mir selbst einzureden, werden mit höhnischem Lachen quittiert. Klar, wird schon, ein menschenscheues Wesen in der Großstadt, jemand, der sich daheim, in vertrauter Umgebung, schon kaum noch auf die Straße traut, kommt dort ganz sicher zurecht, jaja, verarsch dich nur. Ich glaube, wenn dieses verdammte Handy mir nicht bald durch ein Piepsen mitteilt, dass eine SMS da ist, drehe ich durch, ein nervliches Wrack bin ich eh schon.

efeu hat sich in Schweigen gehüllt in den letzten Tagen, hab nichts von dem gehört bzw. gesehen, nicht im Chat, keine Mail, keine SMS, scheint ja äußerst zuverlässig zu sein, der Typ. Wie blöd bin ich eigentlich, dass ich mich in den Zug setze, ohne von dem, der mich abholen soll, irgendwas gehört zu haben? Gottchen, wie kann man nur so naiv sein. Langsam drehe ich durch. In drei Stunden bin ich da, bin mittlerweile nicht mehr weit von Panik entfernt, hab ja auch ein Talent, mich in meine Nervosität reinzusteigern. Naja, im Moment weiß ich nicht so recht, ob ich lachen oder weinen soll. Gleich bekomme ich erstmal einen Kaffee und dann weitersehen.

Ich hab’s natürlich gestern wieder nicht geschafft, mir das Ticket zu kaufen, wie immer alles in letzter Minute. J. kam heute Morgen vorbei zum Frühstückskaffee, wollte mich unbedingt zum Bahnhof bringen. Die ganze Zeit war ich noch im Internet in der Hoffnung, endlich von einem der beiden zu hören, mit denen ich verabredet bin. Bin ich das? So ganz sicher ist es wohl nicht irgendwie, jedenfalls für mich im Moment nicht.

Gerade kam eine SMS, endlich, bin jetzt einigermaßen beruhigt, komme mir plötzlich so lächerlich vor in meiner kleinen bescheidenen Welt. Während ich mir Sorgen mache, ob ich 5 Minuten oder 5 Tage von daheim wegbleibe, hockt Soul zwischen seinen Kartons und hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Ich lehne mich jetzt erstmal (zum ersten Mal) entspannt zurück und schlürfe meinen Kaffee. Ich kann’s nicht leugnen, ich freue mich irgendwie – wenngleich ich auch nicht so recht weiß, warum und worauf, muss wohl Reisefieber sein.

Von wegen relaxed zurücklehnen, das Handy hat unvermittelt geklingelt, weil ich Depp gestern wieder einmal vergessen habe, die Rufumleitung einzuschalten und ich habe mir den Kaffee über’s T-Shirt gekippt, natürlich nicht unbeobachtet. Eine der Damen schräg hinter mir, die sich über so existenzielle Probleme unterhalten wie „Kann sich dein Mann denn heute Abend selbst was kochen?“ – „Nein, ich hab für ihn vorgekocht, er muss es nur in die Mikrowelle stellen.“ (Oh Mann!) lächelte milde und reichte mir schweigend ein paar Taschentücher, um mich, den Tisch und schleppi trocknen zu können. Nun ja, jedenfalls bin ich jetzt insoweit beruhigt, dass ich sicher sein kann, abgeholt zu werden und nicht als Kind vom Bahnhof Zoo zu enden. Die Landschaft rast mit exakt 201 km/h an mir vorbei. Ich lasse mir nochmal durch den Kopf gehen, was mich da erwarten könnte.

efeu … Scheint echt ein merkwürdiger Typ zu sein, nach dem zu urteilen, was ich in den letzten Tagen von ihm gehört habe. Erst dieses Massentreffen vor zwei oder drei Wochen, weiß nicht mehr so genau, hab eh kein Zeitgefühl. Dheart hat mich gefragt, ob ich auch kommen will, was ich selbstredend abgelehnt habe. Soul hatte mich vorher im Chat „am Kragen gepackt“ und in einen Raum gezerrt um sich auszukotzen, hatte auch „keinen Bock auf so’ne Scheiße“, aber ihm blieb wohl nichts anderes übrig. Das, was er im Anschluss an das Treffen erzählte, hörte sich so an, als muss es wohl in etwa so horrorartig abgelaufen sein, wie ich mich so etwas vorstelle. Während diesem Wochenende sprach efeu mich im Chat an, dass er was mit mir bereden wolle und wann ich denn immer online bin. Später sagte er mir, dass K. während diesem Gespräch neben ihm gesessen hat, was ihn einige Punkte auf der ohnehin nie besonders hoch angesetzten Sympathie-Skala kostete. Ein paar Tage später laberte er mich dann wieder im Chat an, er hätte ein Projekt im Kopf und sucht jemanden, der da mitmacht. Ich hab mir alles angehört, erstmal nur „ja und amen“ dazu gesagt. Er hat mir erzählt, dass er das Geld für den Leihwagen für Soul zusammengesammelt hat, was mich stutzig machte. Wieso erzählt der das mir? Wirklich nicht die Art von pseudo-vertrauchlicher Geschwätzigkeit, die ich schätze.

Er redete davon, dass ja auch Leute wie K. und Kadda umziehen würden und keine Kohle dafür hätten. Es gibt Ämter, die dafür zuständig sind, die sich um solche Fälle kümmern, Jugendamt, Sozialamt, was weiß ich. Sollen die Kiddies sich doch an die wenden, was habe ich damit zu tun? Er kam mit dem „Argument“, dass bei K. die Ämter nicht zahlen wollen, die Krankenkasse keine Therapie mehr finanziert, bla bla bla. Klar, wenn man alle nur von vorn bis hinten verarscht, versagen auch die Behörden irgendwann ihre Hilfe. Ich habe ihn grob darüber aufgeklärt, von wie vielen Therapie-Ansätzen K.’s ich allein in diesem Jahr weiß und was ich über deren Ernsthaftigkeit denke. Ich sagte ihm, dass er mich damit in Ruhe lassen soll und ich ganz bestimmt nicht daran beteiligt sein will, die Reiselust von Teenies, die Coolness über pseudo-suizidales Geschwätz und Cutter-Spielchen definieren, zu unterstützen. Ich bin kein Menschenfreund, wenn ich helfe, dann nicht um des Helfens Willen, sondern weil ich jemanden mag oder so. Er ließ nicht locker und ich sagte ihm, er solle mal ein Konzept ausarbeiten und ich werde mir das ansehen, so hatte ich zunächst wieder Ruhe, so schnell würde der das nicht hinbekommen, davon war ich überzeugt (und sollte auch bis heute Recht haben).

Und bei dem will Soul nun einziehen … Hm. Das wurde wohl immer wieder verschoben, weil Manja, die eigentlich den Transporter fahren sollte, sich nicht mehr meldete. Jaja, so etwas kenne ich, sogenannte Freunde, die vorgeben helfen zu wollen und nie da sind, wenn man sie braucht. Wenn ich mir heute das Posting von ihr durchlese, kommt mir das Kotzen.

du bist auf dem richtigen weg und du bist nicht allein… hey….die mutter beimer des suizid-chat’s passt schon ein wenig auf dich hier auf…. *gg*
willkommen soul…..wir schaukeln das kind schon…

Manja mochte ich noch nie sonderlich und solche Sprüche kenne ich in abgewandelter Form zu genüge, betrifft mich ja jetzt eigentlich gar nicht, hätte somit gar keinen Grund, mich aufzuregen, weiß auch nicht, warum es das trotzdem tut, vielleicht die Erinnerungen an so vieles. Nun gut, dann fahre ich die Kiste eben, hab ja eh nix zu tun. Allerdings scheint nach den Gesprächen in den letzten Tagen so einiges im Unklaren zu sein. Mit efeu habe ich nicht gesprochen, der hüllt sich ja wie gesagt in feiges Schweigen, kann nur das wiedergeben, was Soul mir erzählt hat. Nach dem großzügigen Angebot, bei ihm einzuziehen, hat efeu wohl wiedermal eine Tussi kennengelernt, C., die er jetzt seit zwei Wochen oder so kennt und wegen der Soul nun doch nicht bei ihm einziehen kann. Aber er könne ja in die Wohnung gegenüber, die ohnehin leer steht. Geile Idee, ein Neuanfang als Hausbesetzer, oh Mann! Soviel zum Thema Philanthropie und Testosteron. Raff ich nicht, wie man einem Menschen ohne ersichtlichen Grund dermaßen vor den Kopf stoßen und dabei immer noch behaupten kann, demjenigen helfen zu wollen. Merken diese Leute überhaupt, was sie da tun und sagen? Ich habe die Schnauze gründlich voll von solchen falschen Freunden, habe die, die sich als ich in der Klinik war nicht eh schon freiwillig abgewandt haben, aus meinem Leben schon lange verbannt, und fahre jetzt zu einem, der ebenso zu sein scheint. Aber egal, vier oder fünf Tage gute Miene zum bösen Spiel. Leben eben.

Nun ja, gleich bin ich da.
Was an der Rotationsgeschwindigkeit meines Magens deutlich zu spüren ist ;-)
Hm … Hochhäuser …
Ich ziehe meine Schuhe an, bye.