Franken

Wir sind auf der Autobahn. Hugo ist wirklich nett, er hat sogar etwas zu essen für mich. Schnell habe ich mich an meinen neuen Lebensraum auf der Rückbank gewöhnt, mach’s mir bequem und krümle mit meinen Croissants herum, was aber angesichts des Mülls, der – wie man mich aufklärte – in diesem Auto Kult-Status hat, nicht weiter auffällt. Mir geht’s gut, nervös werden muss ich noch nicht, wir fahren ja noch ein paar Stunden. Allerdings müssen wir recht oft anhalten, weil darkilein ständig „aufs Grün“ muss.

Und Einmal halten wir allerdings wegen Hugo. Ich hatte mich gerade auf der Rückbank zusammengerollt und döste ein wenig vor mich hin, als plötzlich: Bang! Ein lauter Knall riss mich aus meinem Schlummer. Hugo hatte sich in einer Baustelle etwas verschätzt und die Barke mitgenommen, was ein hübsches Puzzle im Außenspiegel verursacht hat. Also fahren wir auf den nächsten Parkplatz zwecks Schadensermittlung und Beruhigung von Hugos Nervenkostüm.

And than they saw the big sign of a nice Mc Donald’s Restaurant

Selbstredend, dass Soul und ich solange rumquengeln, hysterisch: „Wir wollen zu Mc Donald’s!“, schreien, bis Hugo nachgibt und uns hinkarrt.

Und irgendwann abends kommen wir tatsächlich an, in der gelben Stadt in Franken: Bamberg.

Nachdem wir crow abgeholt haben, gehen wir gleich am ersten Abend noch in irgendeinen Laden, wo man hier scheinbar hingeht, wenn man abends weggeht. Dort treffen wir zwei Nachbarinnen von crow. Die eine vom Typ arrogante Zicke, die andere barfuß, besoffen und irgendwie seltsam. Ich mag sie beide nicht, was aber auch daran liegt, dass mein Bedarf an neuen Leuten für heute gedeckt ist und ich es allgemein nicht mag, so viele Menschen um mich herum zu haben. Nachts fahren wir dann zu Hugo, bei dem wir auch übernachten. Der pure Luxus erwartet uns. Wir haben eine komplette Etage des Hauses, die zurzeit leer steht, für uns ganz allein, sogar ganz ohne Käfer. Unser Schlafzimmer, ehemals ein Kinderzimmer, ist ganz schnuckelig: Eine Sarah-Kay-Tapete an den Wänden und ein Mobile hängt über dem Bett (über den beiden Betten, die wir erst einmal zusammenschieben mussten). Hugo wohnt über uns, seine Eltern unter uns. Hier bleiben wir.

Die folgenden Tage will ich nur in Kürze zusammenfassen, zu viel haben wir unternommen um alles hier aufzuschreiben. Außerdem bin ich schreibblockiert durch den Showdown am Ende der Tour, der mein Erinnerungsvermögen empfindlich stört. Eine seltsame Funktion meines Gehirns, nach negativen Ereignissen so viele Erinnerungen einfach auszublenden und den Schleier des Vergessens darüber zu legen. Im Gegensatz zu den anderen Texten schreibe ich das hier nämlich erst viel später und nicht wie vieles andere stichwortartig „vor Ort“. Naja und alles muss der Leser ja auch nicht wissen.

Wie jedes Jahr im Juli pilgert ganz Deutschland nach Berlin, zur Love-Parade. Aber wer richtig kultig sein will, der macht’s wie wir und verbringt das Wochenende in dem fränkischen Provinzkaff, in dem Hugo wohnt. Dort ist nämlich Altstadtfest und das ist absolutes Muss, lassen wir uns aufklären.
Was uns auf dem Altstadtfest erwartet, entspricht in etwa dem, was ich mir vorgestellt hatte. Diese Dorffeste sind überall gleich. Es ist wie eine Reise durch die Zeit, etwa zwei bis drei Evolutionsstufen zurück. Man könnte prima eine Reportage über primitive menschliche Lebensformen machen. Einer der Gründe, warum ich mich von so vielem zurückgezogen habe. Und so sitzen Soul und ich dann auch die ganze Zeit mehr oder weniger unbeteiligt irgendwo gelangweilt herum und beobachten das Treiben. Irgendwann verziehen wir uns dann mit crow und einer Flasche Wein in Hugos Wohnung.

Drei Tage dauert dieses Fest und ich bin froh, dass ich wenigstens einen davon nicht da bin, denn am nächsten Tag fahre ich zu Älis nach Nürnberg.

Die Zugfahrt ist ätzend. Mir gegenüber sitzt ein Typ der Sorte, die ich gar nicht mag: Ein alter Sack mit Alkoholfahne. Die ganze Zeit labert er mich voll, ungeachtet der Tatsache, dass ich in meinen Notizblock vertieft bin. Irgendwann setzt er sich auch noch auf den leeren Platz neben mich, kommt immer näher und labert und labert. „Können Sie sich bitte wieder da rüber setzen?“ Wenigstens ist heute nicht einer dieser Tage, an denen ich meinen Mund nicht aufbekomme, könnte allerdings auch noch am Rest-Wein liegen. Aber immerhin, er geht tatsächlich auf seinen Platz zurück, jedoch nicht ohne unaufhörlich weiter zu reden. Dabei beugt er sich nach vorne und legt seine Hand auf mein Bein. Jetzt reicht’s! Ich hole tief Luft, schaue ihn an und … Aber noch bevor ich etwas sagen kann, zieht er seine Hand schnell zurück. Mein Blick sprach wohl Bände.

Die Fahrt dauert glücklicherweise nicht allzu lange. Älis und ich sind am Eingang der Bahnhofsbuchhandlung verabredet. Da mein Zug eher da ist als sie Feierabend hat, setze ich mich auf die Bordsteinkante und warte. Menschen laufen in beide Richtungen an mir vorbei. Ich versuche das Photo in meine Erinnerung zurück zu rufen und hoffe, sie nicht zu übersehen. Aber die Zeit verstreicht und ich sitze immer noch alleine. Anrufen traue ich mich nicht, also schreibe ich eine SMS. Manchmal sind Erklärungen so einfach: Die Buchhandlung hat zwei Eingänge und ich habe natürlich den falschen gewählt. Ungünstig auch, dass der Bahnhof gerade umgebaut wird und somit keinen erkennbaren Haupteingang hat, sonst wäre auch eben dieser der Buchhandlung sichtbar gewesen.

Aber das alles ist jetzt völlig egal. Älis kommt auf mich zu und ich erkenne sie. Ich glaube, ich hätte sie auch ohne Photo erkannt, ich habe irgendwie das Gefühl, sie einfach zu kennen. Spontan überkommt mich der befremdliche Wunsch, sie mit einer Umarmung zu begrüßen. Seltsam, das mache ich mit keinem Menschen. Aber irgendetwas muss ich nun mit meiner vorgeschnellten rechten Hand machen, also halte ich sie ihr zum Gruß hin. Ein wenig irritierend das Ganze, aber bei all der Nervosität kommt es darauf nun auch nicht mehr an. Wir gehen einen Cappuccino trinken. Der Wunsch nach einer spontan einsetzenden Ohnmacht ist verflogen und wir plappern über dies und das. Ich glaube, ich rede ziemlich viel, wenn ich nervös bin. Einer der Gründe, warum ich oft gar nicht so schüchtern und zurückhaltend wirke, wie ich eigentlich bin.

Später fahren wir dann in ihre Wohnung. Es gefällt mir dort. Obwohl Älis sie oft als chaotisch beschreibt, finde ich sie gemütlich. Vielleicht auch gerade deswegen. Auf mich wirkt es weniger wie ein schlampiges Chaos, sondern eher wie eine Sammlung, die ein Mensch zusammen getragen hat, der jedes einzelne Stück davon mag und ihm seine persönliche Bedeutung gegeben hat. Im Gegensatz zu dem Möbelhaus-Charakter, den meine Wohnungen oft haben, wirkt es hier lebendig bzw. belebt. Wie auch immer, ich fühle mich hier jedenfalls wohl. Abends kommt Fab, ihr Sohn, heim. Wir sitzen im Wohnzimmer und reden, wir essen zusammen, anschließend quatschen wir noch eine ganze Weile. Es ist als würde ich einfach dazugehören, als wäre es ganz normal, dass ich da bin, fast als wäre ich immer dabei. Die Atmosphäre scheint frei von Spannungen und Ansprüchen. Ich weiß nicht, ob es von meiner Gastgeberin auch so empfunden wird, frage sie jetzt lieber nicht. Vielleicht irgendwann später, wenn es nicht mehr ganz so schlimm ist, dass eine Illusion zerstört wird.

Nachdem Fab ins Bett gegangen ist, lassen wir uns im Chat blicken und surfen noch ein wenig im Internet rum. Wieder einmal machen wir online etwas gemeinsam. Diesmal gemeinsam an einem Rechner und auch hier ergänzen sich unsere Ideen hervorragend. Es ist seltsam, wie oft wir die gleichen Gedanken bezogen auf unsere Webseiten oder alles anderen rund ums Internet haben. Sonst ist Älis immer die schnellere von uns beiden. Aber jetzt sitze ich ja daneben und kann somit nicht hinterherhinken. Irgendwann geht sie dann auch schlafen und ich surfe noch eine Weile alleine rum. Schlafen kann ich noch nicht, dafür bin ich viel zu aufgedreht. Aber irgendwann klappt es dann doch und ich höre nicht einmal Fab, als er morgens aufsteht und sich für die Schule fertig macht. Erst als Älis mich weckt, komme ich aus dem Reich der Träume zurück. Viel zu bald schon muss ich mich anziehen und wir fahren in die Stadt zurück, weil ich heute schon wieder fahre.

Wie immer ist das Schöne zu kurz. Ich könnte noch viel schreiben hier. Aber manches gehört nicht hierher und anderes ist zu kostbar, Besonderes bewahre ich lieber für mich. Ist es überhaupt noch etwas Besonderes, wenn die Welt davon erfährt? Für mich nicht.

Fab und Älis begleiten mich zum Bahnhof. Ein Tier der Gattung „Mag ich nicht“ lockert die trübe Abschiedsstimmung etwas auf. An der Treppe zu Gleis 22 krabbelt eine riesige Spinne frei rum. Ich springe panisch zur Seite und kann den Schrei kaum unterdrücken. Ich vertrete die Auffassung, dass auf diesem Planeten kein Platz für Humanoide UND Arachnide ist. Solche Viecher darf es bestenfalls in Zoos oder Labors geben, hinter dickem Panzerglas sicher verstaut.

Zurück beim Chaos-Clan im fränkischen Provinzkaff.

crow holt mich am Bahnhof ab. Eigentlich sind es doch immer die Frauen, die ständig zu spät kommen. Aber seit Soul muss ich hier mein Weltbild korrigieren. Etwa eine Stunde sitzen crow und ich bei Burger King und labern die Wartezeit tot.

Abends fahren wir zu einer Burgruine. Die barfüßige Tussi aus dem Schuppen am Anfang ist auch dabei. Sie heißt Ela und hat sich zwischenzeitlich als nett erwiesen. Man sollte vielleicht nicht vorschnell Besoffene für Aszendenten-Gequatsche verurteilen. Es ist schön dort oben auf der Burg. Unendliche Ruhe und ein weiter Blick aufs Land und in die Nacht beherrschen die Szene. Ich mag gerade nicht bei den anderen sein, bleibe lieber für mich alleine. Deswegen klettere ich zuerst verbotenerweise auf dem Baugerüst der Restaurationsfirma rum, bis auf den höchsten Punkt, wo ich dann erst einmal verharre und in die Umgebung starre. In meinem Kopf brodeln Gedanken, die sich noch nicht richtig konkretisieren lassen, die geordnet werden wollen und zudem extrem verwirrend sind. Den ganzen Abend bleibe ich ruhig. Ich glaube den anderen dadurch ein wenig die Stimmung verdorben zu haben, was mir sehr leid täte.