Showdown

Wir sind zurück. efeu sitzt wie üblich an seinem Rechner, hat nichts an Außer einer Hot-Pants, sieht ekelhaft aus. Soul hält Smalltalk mit ihm, muss sich anhören, wie unordentlich wir doch die Wohnung verlassen hätten. Ständig meckert der Scheißtyp rum; seine Bude lässt er versiffen und pisst sich an wegen zwei Kaffeetassen. Ich mache Kaffee für crow und mich, mag nicht mit efeu reden, schon gar nicht, wenn er kaum etwas anhat. Irgendwann geht er einfach, ohne zu sagen wann er wiederkommt. crow und Hugo fahren wieder, müssen ja nach Franken zurück. Soul geht an seinen Rechner und ich in die Küche, will meine Tasche auspacken. Ich bin völlig übermüdet, verschwitzt und kaputt. Mein Haarshampoo ist ausgelaufen, die ganze Tasche und der Inhalt sind versaut, selbst mein Schlafsack. Ich würde gerne duschen, was aber nicht möglich ist, da ich nicht weiß wann efeu wiederkommt und außerdem nichts Sauberes mehr zum Anziehen habe, erstmal waschen muss. Und plötzlich … Hm. Plötzlich weiß ich gar nicht mehr wohin mit mir, will weg von mir, halt das alles nicht mehr aus, der Dreck, das Ungeziefer, efeu … Ich weiß nicht, was ich tun soll, kenne das nur allzu gut. Gehe an den Rechner, aber das ist es nicht, versuche, meine Tasche auszupacken, aber das geht nicht, nichts geht mehr, ich kann nicht mehr.

Mein ohnehin schwaches Nervenkostüm ist hoffnungslos überlastet und bricht zusammen, ich sitze nur noch auf dem Bett und heule, kann nicht mehr aufhören. Verdammt! Ich weiß nicht was los ist, weiß es auch doch wieder, aber kann es nicht sagen, wie ich ja nie irgendwas sagen kann, wenn wirklich irgendwas ist. Soul versucht Hilfe zu holen, ruft die Feuerwehr, Polizei und keine Ahnung wen noch alles an, fragt sich durch, wer zuständig ist, versucht einen Arzt aufzutreiben, psychologischen Notdienst oder irgendjemanden, der mir helfen kann. Mir ist es egal, helfen können die mir eh nicht, nur eins will ich nicht, nie wieder in eine Klinik, nie wieder! Er verspricht mir, dass es nicht soweit kommen wird, alles andere ist mir egal, scheißegal.

Irgendwann kommen zwei Tussis, Mütterchen, starren mich hilflos an und wollen wissen, was los ist. Ich sage nichts, kann nichts sagen. Sie stellen die üblichen Fragen: Nehmen Sie Drogen, Probleme mit dem Freund, sonstige Probleme, blablabla. Ich antworte brav. Nein, Probleme habe ich nicht, mir geht’s gut, ich weiß auch nicht was los ist. Naja, so ungefähr zumindest, weiß es nicht mehr genau, weiß eh kaum noch was. Ich will nicht in eine Klinik also rufen sie eine Ärztin an, die dann nach ewig langer Zeit irgendwann kommt. Mittlerweile bin ich schon wieder ruhig, habe Tabletten genommen, zu viele, vertrage sie nicht und bin nur noch hundemüde und mein Kreislauf droht zu versagen. Aber ich kann ja sitzen bleiben, alles, nur nicht aufstehen, das wird jedesmal zur Qual. Die Ärztin stellt auch Fragen, äußerst unangenehme Fragen: „Spüren Sie oft diese Traurigkeit?“ Aber ich habe ja Publikum. „ Fühlen Sie sich manchmal verfolgt?“ Die Sozialtussen stehen noch rum und glotzen blöde. „Hören Sie Stimmen?“ efeu kommt aus seinem Zimmer. „Waren Sie schon einmal in psychiatrischer Behandlung?“ Er schnappt sich seinen Hocker und setzt sich mit an den Tisch. „Aha – Warum waren Sie denn in der Klinik?“ Tabak, Kaffee und so, er hat alles dabei. „Wissen Sie, welche Diagnose man damals gestellt hat?“ efeu grinst in die Runde, als warte er drauf, dass jemand die Karten verteilt und wir eine Runde Bridge spielen. Merkt hier eigentlich noch jemand was? Soul sagt – Ich weiß nicht mehr, dreimal, viermal? – dass es vielleicht angenehmer für mich wäre, wenn ich mit der Ärztin alleine wär, ich sage irgendwann gar nichts mehr, bis die Frau Doktor das endlich auch rafft und sowohl efeu als auch ihre Sozialmütterchen bittet, doch mal den Raum zu verlassen. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich mit ihr gesprochen habe, habe eh nie Zeitgefühl und kaum Erinnerung an das Gespräch im Einzelnen, habe mit meinem Kreislauf und meiner Müdigkeit gekämpft, Scheiß-Tabletten „Nehmen Sie Medikamente?“ Nein, nehme ich nicht, offiziell jedenfalls nicht. Sie sagt, ich soll eine Therapie machen, wie diese Therapie ablaufen könnte, inwieweit sie mir helfen könnte und lässt noch einen Zettel mit ihrem Namen und irgendeiner Telephonnummer da. Zwischendurch erzählt Soul mir noch, dass er mit Codo telephoniert hat und dass dieser mich abholen würde. Ich glaub’s nicht! Ich rufe ihn an, dass er nicht kommen braucht, ich komme morgen mit dem Zug heim, die Ärztin spricht auch noch kurz mit ihm. Auf den habe ich ja nun gar keinen Bock, außerdem bin ich kein unmündiges Kind und kann ganz gut allein nach Hause fahren. Naja, schon gut, er hat es ja nur gut gemeint, macht sich Sorgen um mich. Aber das braucht’s nicht, ich bin wieder völlig ok, völlig klar. Haha. Ich gehe jetzt schlafen.

Irgendwann, keine Ahnung wie spät, werde ich wach, muss kotzen, pinkeln und sterben gleichzeitig, jedenfalls fühle ich mich so. Bis zur Toilette schaffe ich es auch noch meinem Kreislauf gut zuzureden, dann verabschiedet er sich. Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf dem Boden, die Tür natürlich abgeschlossen. Alles dreht sich, ich brauche ewig um Arme und Beine einigermaßen koordinieren zu können, um sie dazu zu bringen, dass sie sich so bewegen wie ich es will, damit ich wenigstens die Tür aufschließen und Soul rufen kann. Kalter Schweiß bricht mir aus, Zittern wie sonstwas. Auch das noch! Zulange zu wenig gegessen, mein Zuckerspiegel spielt wiedermal völlig verrückt, kennt man ja. Irgendwann hört Soul endlich mein Rufen (Habe ich wirklich mehrmals gerufen oder wollte ich nur?), bringt mir Zucker und endlich kann ich mich wieder hochrappeln. Mein Kreislauf ist immer noch nicht so ganz einverstanden, alles dreht sich, aber immerhin macht er mit bis ich in efeus Zimmer angekommen bin und mich sofort wieder hinlege, bevor ich wieder umkippe.

Meine Güte ist mir das alles peinlich, ich fühle mich hundeelend und schäme mich in Grund und Boden, komme mir völlig idiotisch vor, irrational, einfach nur lächerlich. Irgendwann – in dieser Nacht ist alles nur irgendwann, ich hab immer noch keine Ahnung wie spät es ist obwohl ich (glaub ich zumindest) Soul gefragt hab und er (nehme ich mal an) geantwortet hat – jedenfalls geht er irgendwann an seinen Rechner und ich tapse hinterher, will nicht allein sein, lege mich aufs Bett und schlafe (glaub ich zumindest) mehr oder weniger sofort ein.

Es muss wohl halb neun morgens sein. Mein Körper funktioniert wieder einigermaßen, der Kreislauf schwächelt noch, aber es reicht um in die Küche zu gehen und Kaffee zu machen. Soul schläft noch, ich lasse ihn schlafen, habe ein schlechtes Gewissen, wollte hier eigentlich nicht zum Problem werden. Gott ist mir das peinlich. efeu ist wach, wir trinken Kaffee zusammen und er versucht mit plumper Vertraulichkeit aus mir rauszukriegen, was denn nun gestern los war, was der Auslöser war. Ich labere ein bisschen rum, dünne Ausreden, Reizüberflutung, blablabla. Was soll ich denn sagen? Du und Deine Wohnung ihr widert mich an, es ist hier so eklig, dass ich mich schon vor mir selbst ekle? Das verkneife ich mir dann doch lieber. Außerdem gehört efeu nun wirklich nicht zu den Menschen, mit denen ich meine Probleme bespreche, ganz gewiss nicht. Ich packe meine Tasche, duschen mag ich in dem Siff hier im Moment gar nicht und etwas Sauberes zum Anziehen habe ich ja auch nicht. Soul sagt, es wäre besser für mich heimzufahren, damit ich wieder Ruhe habe. Naja, eigentlich hat er ja Recht, aber ich bin bockig, will nicht nach Hause, fahre nur, weil man mir sagt, dass ich es soll.

Ich fühle mich wie ein Hund, ein Streuner, der liebevoll aufgenommen wurde, sich wohl gefühlt hat, aber einmal in die Wohnung gepisst hat, weil er nie gelernt hat, dass man das nicht macht, und nun wieder fortgeschickt wird deswegen. Ich bin ein Idiot.

Mein Kreislauf ist immer noch nicht ganz auf der Höhe, ich will nicht mit der U-Bahn fahren, habe Angst, wieder umzukippen, zahle lieber viel Geld für ein Taxi. Noch einmal die Touri-Tour, der McDonald’s am Bahnhof, ich fühle mich elend. Ich hasse Abschiede und Bahnhofsabschiedsszenen sind besonders ätzend. In fünfzehn Minuten oder so geht mein Zug. Um fehlende bzw. unaussprechliche Worte nicht peinlich werden zu lassen, „Tschüss, mach’s gut!“, drehe ich mich einfach um, gehe rauf auf den Bahnsteig, warte lieber dort. Alleine schweigen ist nicht ganz so schlimm. „Nein, du gehst da nicht wieder runter.“ Wo bleibt denn der Scheiß-Zug? Zehn Minuten können verdammt lang sein. „Du könntest wieder weggeschickt werden.“ Ich bin tottraurig, aber nicht einmal weinen kann ich. Naja, ist vielleicht auch ganz gut so, sieht ja blöd aus, hier am Bahnsteig zu stehen und zu heulen, das kann ich auch daheim noch.“ Und weggeschickt werden ist so fürchterlich.“ Da kommt der ICE endlich. „Nicht springen, denk an dein Kind!“ Ich solle nicht als Gallionsfigur enden, hat er gesagt. Naja, bei ICEs habe ich immer die Vorstellung, dass ich aufgrund der Stromlinienform gar nicht am Zug kleben bleibe, sondern nach oben wegflutsche. Manchmal mache ich mir schon wirklich idiotische Gedanken.

Die Fahrt ist ruhig, schreiben kann ich nicht, mir geht zu viel zu ungeordnet durch den Kopf. Zwanzig Minuten vor daheim muss ich umsteigen. Scheiß Bahn AG, mein Zug hat „unbestimmt Verspätung“ was auch immer das heißen mag. Das erfahre ich wenige Minuten später von einer Frau, die lauthals anderen Wartenden erzählt, dass sie alle aus dem Zug auf offener Strecke aussteigen mussten, weil sich ein Selbstmörder davor geschmissen hat. Ich kann nicht mehr, breche in lautes Gelächter aus. Alles starrt mich an. Mit hochrotem Kopf krame ich mein Handy aus der Tasche, wollte eigentlich Soul anrufen, aber geht ja nicht, sein Handy ist ja kaputt. Also rufe ich efeu an, erzähle ihm was los ist, kriege mich kaum noch ein. Die informative Frau telephoniert auch, ruft wohl daheim an um zu sagen, warum sie später kommt und wann sie ankommt „Falls sich nicht wieder irgendsoein Idiot vor den Zug schmeisst!“ Am liebsten würde ich mich als Idiot zur Verfügung stellen, nur für diesen blöden Spruch und um ihr dämliches Gesicht zu sehen. Aber DAS ist ja nun wirklich albern und lächerlich …