Usedom

Hugo fährt uns zurück, das heißt erst holen wir noch crow ab, damit Hugo nicht allein zurückfahren muss und überhaupt. Im Auto schwärmt sie vom Sonnenaufgang, den sie gerne mal am Meer sehen würde. crow hat noch nie das Meer gesehen, lediglich das heimische Baggerloch, an dem der Sonnenaufgang so wunderschön war.

Es wird dunkel, wir brauchen ewig. Natürlich meldet sich meine Blase bei nahezu jedem Raststätten-Schild, was mir den Zorn der dicken Mama am Steuer und den Spott des dürren Väterchens auf dem Beifahrersitz einbringt, und der obligatorische McDonald’s-Besuch irgendwo in Dunkeldeutschland darf auch nicht fehlen. Wir sind fast da, was mich nicht davon abhält, nochmal auf mein erklärtes Lieblings-WC (der Farbige am Empfang grüßt immer so nett) zu müssen. Im Übrigen ist jedes Autobahn-Klo sauberer als das von efeu und nach Katzenpisse riechen sie auch nicht. Eigentlich wäre dies unser letzter Stopp, wir sind ja fast daheim, aber das orientierungslose darkilein ist die Strecke ja erst dreimal gefahren und hat auch schon wieder völlig verdrängt, dass Hugo und Soul bei der Baggerloch-Sonnenaufgang-Ostsee-Debatte die Köpfe zusammengesteckt und anschließend nach der Straßenkarte verlangt haben. Wir sind ja schließlich Berlin, das bekanntlich nicht an der Ostsee liegt, und dass wir eine völlig andere Strecke fahren lässt sich ganz gut dadurch erklären, dass ja eh keiner auf mich hören will, wenn ich sage in welche Richtung wir müssen. Trotz der Käfer, ihrem Oberhäuptling und dem Dreck bin ich froh, wenn wir wieder daheim sind, wenn sich wieder so eine Art Alltag einstellt und alles wieder etwas ruhiger, d. h. mit etwas weniger Menschen um mich herum abläuft.

Die Vollsperrung auf der Stadtautobahn war Freitag noch nicht da, dessen bin ich mir sicher, aber auf die Karte zu gucken wird zur Männersache erklärt und ich hab gefälligst meine Klappe zu halten. Irgendwas von A-Soundsoviel Richtung Hamburg-Weissnichtmehrwas faseln die beiden die ganze Zeit. Das kann doch nicht stimmen. Bei einem weiteren Tankstellenstopp, der angesichts der mittlerweile Richtung miserabel tendierenden Stimmung eher sprachlos abläuft, kommt Soul – den Tod in den Augen – auf mich zu und gebietet mir ihm zu folgen, nicht einmal meine Schuhe darf ich noch anziehen, also taps ich auf Socken (!!) an einer Tankstelle (!!) hinter ihm her, mich fragend, was um alles in der Welt ich denn nun schon wieder angestellt haben könnte. Als wir außer Sichtweite des Autos sind, erklärt er mir, dass wir an die Ostsee fahren, als Überraschung für crow.

Geil! Wir fahren ans Meer! Ich liebe das Meer, könnte ihm vor Freude um den Hals fallen, kann es mir aber verkneifen und muss jetzt so aussehen als hätten wir Zoff – schließlich soll crow ja nichts merken. Da ich eh immer mit einer Mörderfresse rumlaufe (wie man mir am Telephon charmanterweise sagte), fällt es mir nicht weiter schwer ohne Lächeln wieder ins Auto zu steigen und aus dem Fenster zu starren. Das Ortsausgangsschild macht dann auch crow endgültig stutzig, Hugo steuert einen Parkplatz an, wo die beiden Jungs aussteigen um sie endlich einzuweihen.

Unzählige Autobahntoiletten und Männerdiskussion (die angeblich der Orientierung dienen sollen) später sind wir endlich da – am Meer! Was ich fast verpennt hätte. Als ich wach werde, ist kein Mensch weit und breit zu sehen, das Auto am Straßenrand geparkt. Soul kommt kurz darauf um irgendwas aus dem Auto zu holen und ich gehe – relativ missgelaunt wie immer nach dem Schlafen – mit. Und dann sehe ich es: Strand, heller Sand, Wasser, das Meer! Am liebsten würde ich mir die Klamotten vom Leib reißen und reinspringen, was ich mir allerdings doch lieber verkneife. Ich liebe das Meer, laufe am Strand entlang, mir ist es relativ wurscht, was die anderen machen, ich bin am Meer und mir geht’s gut. Auf der Seebrücke von Koserow wird erstmal das Touristensoll erfüllt: Photos – und dann gibt es Frühstück: Wein und Kuchen, den Hugo und Soul irgendwo aufgetrieben haben. Hm. Meine Stimmung lässt sich nicht wiedergeben, Details auch nicht, egal alles, ich find’s einfach nur schön.

Foto: Sebastian Wallroth Quelle

Foto: Sebastian Wallroth
Quelle

Aber alles Schöne ist bekanntlich viel zu kurzlebig, wir müssen nach Hause zurück, zurück in den Dreck, zurück zu den Käfern und zurück zu efeu. Ich bin kaputt, brauche dringen Schlaf, eine Dusche, Ruhe.