Flucht

Es ist kurz vor Sieben, wir sitzen ein letztes Mal bei McDonald’s, schauen uns Photos von Hugo und crow in Wacken an. Der Wind ist kühl und die Stimmung eigenartig, mein Handy klingelt: Jürgen, „Wer zum Teufel ist Jürgen?“, hat für morgen früh nur noch einen Platz frei, leider nur einen. „Achso, Mitfahrzentrale.“ Damit können wir nichts anfangen, sind schließlich zu zweit und wollen auch gemeinsam fahren. „Lasst uns mal zum Bahnhof fahren und gucken, wann ein Zug nach Hause geht.“ Zum Bahnhof ist es nicht weit, zehn Minuten etwa. Um 19:04 Uhr fragt Soul an der Info. „In vier Minuten geht der einzige Zug, für den das Guten-Abend-Ticket gilt“, lautet die Auskunft. Vier Minuten! Soul läuft mit Hugo und crow zum Auto, die Taschen holen, ich gehe Tickets kaufen, habe ausnahmsweise sogar Glücke, dass keiner vor mir dran ist. Im Laufschritt zum Gleis, natürlich das letzte, ganz hinten am anderen Ende des Bahnhofs, der ICE fährt ein, für einen Abschied bleibt keine Zeit mehr. Ich fühle mich, als wäre ich auf der Flucht.

In der gediegenen Atmosphäre eines ICE-Großraumwagens können wir den ruhigen Teil der Flucht genießen, trinken überteuerten DB-Kaffee während wir unser letztes bisschen Geld für den Rest des Monats einteilen. Möglichst nicht darüber nachdenken, was uns erwartet. Im Gegensatz zu normalen Flüchtlingen flüchten wir INS Elend. Aber wir haben noch nie für uns in Anspruch genommen, normal zu sein.

Eine Zugfahrt die ist lustig, eine Zugfahrt die ist schön …

Jedenfalls wenn Souly und darki unterwegs sind. Dies gilt übrigens auch für die Mitreisenden, die vier Stunden amüsiert zuhören, wie zwei Menschen, die von einer Peinlichkeit in die andere schlittern und keinen, wirklich keinen Fettnapf im Leben auslassen, sich immer wieder gegenseitig in Verlegenheit bringen, die ebenso prickelnde wie peinliche Geschichten austauschen und über kaum etwas so herzhaft lachen können wie über sich selbst.

Aber dieses Leben wäre ja nicht unser Leben, wenn wir es uns ungestraft gut gehen lassen könnten. Nein, das geht doch nicht. Noch sitzen wir in der U-Bahn, schweigend, keine Ahnung was uns erwartet. Soul konnte gerade noch verhindern, dass unser Bett als Gästebett missbraucht wird. efeu hatte Besuch eingeladen, der jedoch abgesagt hat, als er erfahren hat, dass wir heimkommen. Einen Tag früher als notwendig sind wir gefahren, weil efeu heute arbeiten muss, weil es vielleicht leichter ist, sich wieder an die Hölle zu gewöhnen, wenn der Teufel nicht da ist.

Alles Mögliche hatten wir erwartet, aber nicht bereits an der Türe schon mit „Scheiße!“ angebrüllt zu werden. „Scheiße, Soul, Scheiße!“ ist das erste, was wir zu hören bekommen. Willkommen daheim!

Der Teufel ist doch da und die Hölle brodelt. Ich stehe im dunklen Flur und habe keine Ahnung, was ich tun soll. Spontan würde ich am liebsten aus der Wohnung rennen, aber ohne Schlüssel komme ich nicht weit, die Haustür ist ja abgeschlossen. Und wo soll ich auch hin?

Meine Fähigkeiten jemanden zu trösten oder sowas beschränken sich darauf, bunte Pflaster auf blutende Kinderknie zu kleben. Also bleibt mir nichts, als schweigend auf dem Bett zu sitzen, mitanzuhören wie dieser verachtende Willkommensgruß ausdiskutiert wird und mitanzusehen was er in Soul auslöst. Ich denke mir meinen Teil dazu und unterdrücke Mordgelüste.