Heimwärts

Die Zeiten sind schlecht und die Stimmungen entsprechend. Ich fahre nach Hause mit gemischten Gefühlen. Obwohl das „wir“ für Einzelgänger schon zu lange dauert und mir mein compi fehlt, will ich trotzdem nicht weg, zumindest nicht aus der Stadt. Es gefällt mir hier und der Kleinstadt-Mief in der Heimat kotzt mich auch schon lange an.

Gestern habe ich meinen Orientierungssinn zusammengekratzt und unter dem Vorwand Zigaretten kaufen zu wollen einen kleinen Streifzug durch die nähere Umgebung gemacht. Die Betonung liegt auf „nähere“, da ich ohne Peilsender oder orientierte Begleitung lieber doch nicht mehr als ein bis zwei Kilometer Luftlinie zwischen mich und meinen Ausgangspunkt kommen lasse. Ich bin rumgeschlendert und bei McDonald’s essen gewesen. Nach zwei Stunden bin ich dann zurück, damit aus dem Zigaretten holen nicht doch noch das klischeehafte Verschwinden wird. Aber irgendwie war’s schon komisch, die ganze Zeit ging mir durch den Kopf, dass es mir hier gefällt, dass ich hier (aus der Stadt) gar nicht weg will, dass ich hier wohnen will.

Auf dem Weg zum Bahnhof weiß ich, dass ich ganz sicher nicht das letzte Mal hier bin und dass ich irgendwann für immer zurückkehren werde, dass ich irgendwann nach Hause komme.

Am Bahnhof angekommen, werde ich allerdings erst einmal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Es gibt kein Guten-Abend-Ticket mehr für heute. Ach du Scheiße! Nach längerem Suchen im Computer findet sich noch eine Möglichkeit mit dem EC in 3,5 Stunden. Die Fahrt dauert viel länger und ich habe außerdem eine Stunde Aufenthalt zwischendurch. Aber soll mir recht sein, dafür ist es auch preisgünstiger. Meine Tasche stopfe ich in ein Bahnhofsschließfach. Die Dinger habe ich noch nie in Anspruch genommen, kenne sie eigentlich nur aus Agenten-Filmen oder Krimis aus den Siebzigern, in denen sie ausschließlich zum Deponieren von irgendetwas Illegalem oder hochbrisantem Spionage-Material benutzt werden. Ich komme mir weltfremd vor, weil ich so etwas Banales wie die Benutzung eines Bahnhofsschließfachs als abenteuerlich empfinde.

Wieder gehe ich spazieren, schlendere durch verschiedene Läden und schicke Schatzi eine Postkarte. Polizeipräsenz überall in der Stadt, gestern schon, die Ereignisse von Dienstag sind auch an der Republik nicht spurlos vorbeigegangen, übertrieben vielleicht, aber wer weiß das schon.

Ich will mir etwas kaufen, irgendetwas, finde aber nichts und beherrsche mich, nicht irgendeinen Frustkauf zu tätigen. Mein Kleiderschrank war voll von Klamotten, die ich teilweise nur das eine Mal in der Umkleidekabine angehabt habe, danach nie wieder. 8000 DM hat die Versicherung für Bekleidung gezahlt, ziemlich viel für jemanden, der immer in den gleichen Klamotten rumläuft. Nein nein, Frustkäufe verkneife ich mir.

J. geht für mich nach telephonischer Klärung einkaufen und holt mich auch am Bahnhof ab, mit Hund – der stürmischen Begrüßung wegen und damit ich jemanden zum Knuddeln habe.

Das Bauchgrummeln verlangt durch Essen abgestellt zu werden. Auf McDonald’s habe ich keinen Bock, hatte ich ja gestern erst, heute soll’s Fisch sein, scheiß auf die Kohle. Mein Magen ist vom Fisch allerdings nicht so recht begeistert und ich lasse die Hälfte zurückgehen. Langsam schlendere ich zurück zum Bahnhof.

„Elaine!“, schreit mich jemand von der Seite an. „Du bist doch Elain! Wie geht’s Dir?“ Er sagt das so bestimmt, dass ich kaum zu widersprechen wage. „Ehem …“ Er lächelt mich die ganze Zeit an, hocherfreut über das Wiedersehen. Ich kann nicht anders und lächle die ganze Zeit zurück. „Ich bin nicht Elaine.“ Fast tut es mir leid, ihn enttäuschen zu müssen. „Oh, schade.“ Ja, finde ich auch. Elaine scheint zwar mit dem gleichen Aussehen wie ich gestraft zu sein, aber immerhin sympathische Menschen zu kennen.

Die Rückfahrt verläuft ruhig, wenn man davon absieht, dass ich eine ältere Dame auf der ersten Etappe die ganze Zeit vollquatscht. Aber immerhin vererbt sie mir ihre Tageszeitung und ich habe auf der zweiten Etappe etwas zum Lesen, zum Schreiben habe ich keine Lust.

J. und Hund freuen sich erwartungsgemäß und Schatzi hat sich dem Begrüßungskomitee angeschlossen. Der ehedem so vermisste compi ödet mich an und die Stadt ist bedrückend klein.

Es wird Zeit für Änderungen …