Heimreise mit Hindernissen

Es ist 18:00 Uhr, wir gehen los. Eine Telephon-Nummer in der Tasche und eine Mail im Account, Maßnahmen zum Abwenden der drohenden Obdachlosigkeit, alles wird gut. Sophie bringt mich zur Bushaltestelle und sagt ich muss in den hinteren der beiden Busse einsteigen. Der Abschied ist kurz, ich renne los, die Tür wird für mich noch einmal geöffnet und ich springe rein, lege mein abgezähltes Kleingeld hin und bitte um ein Ticket zum Bahnhof. „Das kann ich Ihnen gerne verkaufen, aber dort fahre ich nicht hin.“ Noch einmal muss er die Tür nur für mich öffnen um mich wieder rauszulassen, Sophie guckt verdutzt. „War der falsche Bus.“ Aber der Bus, mit dem ich laut Auskunft des Fahrers fahren muss, fährt heute gar nicht mehr. Ich muss doch die Linie nehmen, aus der ich eben noch knapp entkommen bin, und in die U-Bahn umsteigen.

Um 18:38 Uhr sitze ich endlich im Bus, habe noch etwa 40 Minuten Zeit fürs Umsteigen, Ticket kaufen, Telephonzelle suchen und J. anrufen – das Handy funktioniert ja nicht. Der Fahrer erklärte mir wo ich umsteigen muss und meinte es müsste in der Zeit zu schaffen sein. Beim Aussteigen wünscht er mir viel Glück. Neun endlose Minuten muss ich auf die U-Bahn warten. Seit ich den Entschluss gefasst habe hier zu wohnen, macht es mir nichts mehr aus, alleine hier unterwegs zu sein. Mir gefällt die Stadt. Am U-Bahnhof bekomme ich einen meiner Motivations-Schübe und trällere „It’s my life“ von Bon Jovi vor mich hin. Eigentlich nicht meine Musik aber nun ja.

Um kurz nach 19:00 Uhr bin ich endlich am Bahnhof, hier kenne ich mich wenigstens aus. Am Express-Schalter im Reisezentrum bekomme ich die niederschmetternde Information, dass heute gar kein Zug mehr mit Anschluss ins heimatliche Provinzkaff fährt. Na toll. Dann eben ein Ticket bis Duisburg, irgendjemand wird mich schon abholen. Der Zug fährt um 20:22 Uhr, Zeit zum Telephonieren habe ich also noch.

Die orientierungslose Suche nach öffentlichen Fernsprechern gebe ich recht schnell auf und frage lieber den Security-Typen, der mich schon die ganze Zeit beobachtet. Meine Telephon-Karte ist – obwohl mit Euro-Chip ausgestattet – ungültig, sagt das Telephon. Heute will aber auch gar nichts klappen. „Na, gefunden?“, fragt Mr. Security. „Ja, aber meine Karte geht nicht. Ist hier irgendwo ’ne Post?“ Er grinst und erklärt mir den Weg. Na gut, geh ich da halt auch noch hin.

Die Post ist irre voll, mindestens 15 Leute sind vor mir dran. Dazu habe ich weder Lust noch Zeit, besorge mir Bargeld am Automaten und gehe zum Bahnhof zurück, kaufe mir Zigaretten und etwas zum Trinken um mit Kleingeld versorgt erneut die Telephon-Zellen aufzusuchen. Mr. Security fragt wieder „Na, gefunden?“, man kennt sich schließlich schon. „Ja, aber zu voll, jetzt versuche ich es mit Bargeld.“ Er lacht mich … an oder aus? … jedenfalls wünscht er mir: „Viel Glück!“ Danke. Ich glaube, das brauche ich auch.

Beim zweiten Versuch akzeptiert der Fernsprecher endlich meine Euro-Münzen, J. ist daheim und holt mich in Duisburg ab. Endlich. Es ist nicht zu fassen, wie kompliziert sich in unserem Kommunikations-Zeitalter so etwas Selbstverständliches wie ein Telephonat gestalten kann. Ach ja, ich habe ihr versehentlich eine falsche Ankunftszeit genannt und werde in Duisburg etwas länger in der Kälte warten müssen.
Ich kaufe noch ein Mitbringsel für Schatzi – unbedingtes Muss! – sowie Tee für J. und mich, dann setze ich mich an den zugigen Bahnsteig und schreibe, ich habe ja noch Zeit. Kurz bevor meine Finger abfrieren wollen, fährt der Zug endlich ein.

Mir gegenüber sitzen Horst und sein Kumpel, noch ziemlich lädiert von vorangegangen Sauforgien. Horst starrt glasig in meine Richtung, dann ergibt er sich seinem Delirium und schläft ein.

Nach einer Weile, Horsts Kumpel ist mittlerweile auch eingepennt, klingelt sein Handy. Sein vom Alkohol umnebeltes Gehirn ist völlig verwirrt, er hat keine Ahnung wann wir abgefahren sind, bekommt Horst aber trotz lautstarkem Gelalle nicht wach. Deswegen fragt er mich und das Mädchen, das neben mir sitzt, und lallt: „Zwanzig nach Acht haben die Mädels gesagt.“, in den Hörer. Danach beobachtet er meine Tischnachberin und mich wie wir die Aschbecher benutzen, die beim ICE in die Armlehnen der Sitze eingebaut sind und beginnt mit end- und erfolglosem Gefummel an seinem Sitz, bis er endlich ein: „Wie geht das?“, lallend hervorbringt.

Horsts Handy klingelt. Sein Kumpel ist zwischenzeitlich aufgewacht und Richtung Bord-Restaurant gewankt. Während der ersten zehn Klingeltöne sucht Horst verzweifelt in seinen Manteltaschen nach dem Handy. Er will eigentlich aufgeben, aber das Handy hört nicht auf zu klingeln. Also startet er einen zweiten Versuch, seine Motorik unter Kontrolle zu bringen und wühlt im Zeitlupentempo im Inneren seines Mantels weiter rum. Horst, du schaffst es, wir glauben an dich. Er schafft es tatsächlich und vor Freude darüber, den nervigen Gegenstand endlich ans Licht gezerrt zu haben, küsst er es. In dem Moment hört es auf zu piepsen.

Horst und sein Kumpel steigen in Hannover aus. Der Rest der Reise verläuft eher ruhig und langweilig.