Einsatz in vier Wänden

Ein anstrengender Tag stand bevor. Ich hatte Frühschicht und wollte anschließend nach Viersen fahren, die Wohnung vom darkinchen streichen. Da ich mein Fahrrad nicht zwei Tage am Bahnhof stehen lassen wollte, ging ich lieber zu Fuß zur Arbeit. Ich war schon lange nicht durch die Orangerie gelaufen, die sich ziemlich herbstlich zeigte:

Von meiner Arbeitsstelle zum Bahnhof fährt die Tram im 15-Minuten-Takt. Da ich erst um 13 Uhr Feierabend hatte, war die Bahn um 13:02 Uhr nicht mehr zu schaffen, es musste die um 13:17 Uhr sein. Diese ist sechs Minuten vor Abfahrt des Zuges am Hauptbahnhof. Dann muss an noch quer über die Straßenbahngleise und den Rest des Bahnhofsvorplatzes laufen, durch die Bahnhofshalle flitzen und auf der Galerie bis zum Bahnsteig von Gleis 9 rennen. Da macht einen jede Verzögerung, jedes unerwartete Bremsmanöver mehr als nervös. Am Luisenplatz fand ein Fahrerwechsel statt. Statt diesen zügig durchzuführen, quatschten die beiden über Fußball! Meine Nerven lagen blank. Während ich strammen Schrittes zu Gleis 9 marschierte, nahm ich mir vor, beim nächsten Mal einen Zug später zu nehmen, um dem Stress zu entgehen. Kurz nachdem ich eingestiegen war, fuhr der Zug auch schon los.

In Mainz hatte ich etwas über eine halbe Stunde Aufenthalt, Zeit für ein Mittagessen. Ich überbrückte die Wartezeit beim McDonald’s. Anschließend fuhr ich mit dem IC am Rhein entlang, der immer noch nur sehr wenig Wasser führt.

Nebelsuppe

Die trübe Nebelsuppe, die auch über Darmstadt hing, fand sich auch hier wieder. Erst kurz vor Bonn kam dann langsam aber sicher die Sonne raus …

Here_comes_the_sun_01

… und blendete …

Here_comes_the_sun_02

In Köln hatte ich etwa 15 Minuten Zeit zum Umsteigen. Und da wir tatsächlich pünktlich dort ankamen, blieben sogar ein paar Minuten übrig, um einen Gruß vom Dom in die Republik zu senden.

Gruesse_vom_Dom

Die Fahrt verlief ereignislos aber nicht langweilig, denn mein Smartphone hat unterwegs beschlossen zu sterben. Genau genommen kommt es einfach nur meinen Telephon-Gewohnheiten entgegen, denn jetzt will ich nicht nur nicht telephonieren, ich kann es auch nicht mehr. Ständig schaltet das Mistding zwischen Lautsprecher und Kopfhörer hin und her. Ich hatte in letzter Zeit des Öfteren Probleme damit, war aber nie ganz sicher, ob ich jetzt zu blöd bin oder das Teil tatsächlich ein Problem hat. Aber natürlich hatte das keinen Einfluss auf die Bahn und ich kam pünktlich um 18:14 Uhr in Viersen an und Dank Chat konnte meine Tochter mir auch sagen, wo sie auf mich wartete.

Sie hatte zusammen mit ihrem Freund noch einmal Krempel aus ihrer Wohnung geholt. Das Auto war voll beladen und wir passten so gerade eben noch hinein. An ihrer Wohnung angekommen kam sie noch kurz mit nach oben, dann musste sie los, die beiden hatten noch einen Termin. Ich war allein in der verwaisten Wohnung, der man deutlich anmerkte, dass sie seit Monaten nicht mehr bewohnt wurde und der ehemalige Bewohner sich im Aufbruch befand. Für etwa zwei Minuten fühlte ich mich ein wenig verloren. Dann zog ich mich um und begann auf- und umzuräumen, machte die Abstellkammer leer, baute Möbel ab, klemmte die Waschmaschine ab und begann das Bad zu streichen, womit ich recht schnell fertig war. Schließlich gab es hier nur einen kleinen Streifen zwischen Fliesen und Holzdecke anzupinseln. Entgegen meinem Rat hatte meine Tochter (chronisch pleite) eine billige Farbe gekauft und ich war skeptisch, ob die dünne Suppe decken würde.

Als nächstes baute ich das Bett ab. Das war nicht ganz so trivial wie ich das jetzt hier niederschreibe. Vor zwei Jahren hatte ich für die Diva aus zwei 1,40 m breiten Betten eine kuschelige Schlaflandschaft in ihr kleines Schlafzimmer gebaut, wozu ich von einem der Betten etwas absägen musste und anschließend das ganze mehr oder weniger fachmännisch miteinander verschraubte. Da das ungesägte Bett in der künftigen Wohnung als Gästebett dienen sollte, war ein grobmotorischer Rückbau leider nicht möglich. Ich schraubte und fluchte und fluchte und schraubte. Als ich die Bretter des zukünftigen Gästebettes aus der Kuschelhöhle heraus operiert hatte, konnte ich endlich etwas schneller zu Werke gehen und die verschraubten Bretter mit gezielten Tritten trennen. Gut gelaunt entfernte ich noch ein paar Kilo Staub mit dem Staubsauger, sammelte ein paar Dutzend Haarklammern ein und klebte dann die Fußleisten ab.

Streichen_im_Schein_der_Eierlampe

Im Schein meiner Eierlampe strich ich kurz entschlossen auch noch das ehemalige Schlafgemach mit der dünnen Suppe. Als ich um kurz vor Mitternacht ins Bett fiel, sprach ich ein Nachtgebet, in dem ich den Herrgott bat, die Wände am nächsten Morgen halbwegs frisch gestrichen aussehen zu lassen.

Leider hat er mich nicht erhört. Die dünne Suppe deckte erwartungsgemäß nicht wirklich. An einer Wand im Schlafzimmer hatte das Bettlaken abgefärbt, da rollte ich im Laufe des Tages noch drei- bis viermal drüber, dann ging es einigermaßen. Das Bad sah scheußlich aus. Allerdings war das Bad ohnehin in einem schlechteren Zustand als der Rest der Wohnung. Es wirkte, als hätte die Vormieterin dort immer ihren Besuch zum Rauchen geschickt, alles ist etwas vergilbt.

Um sieben Uhr war ich bereits wach. Der Rücken schmerzte unglaublich, der Stapel aus zwei Matratzen war viel zu weich gewesen. Ich räumte noch ein wenig Krempel hin und her, schleppte schon ein paar Dinge ins Treppenhaus und wartete auf das darkinchen. Die schickte ich dann sofort los, Geld und Farbe holen sowie ein paar Lebensmittel besorgen, mit denen ich den Tag und wir die Nacht überstehen würden. Irgendwann gegen 10 Uhr hatte der Umzugshelfer endlich seinen Schlaf beendet und kam zusammen mit dem Freund des darkinchens, um den bereit gestellten Krempel abzuholen. Die erste Fuhre war für den Sperrmüll vorgesehen. Das gab genug Raum, um mit der neu erworbenen Farbe anzufangen, das Wohnzimmer in strahlendem Weiß zu tünchen. Im Laufe des Tages räumten die Drei die Bude leer und ich pinselte und rollte, was das Zeug hielt.

Frau_dark_streicht

Später gesellte sich das darkinchen dazu, um mich bei der Arbeit tatkräftig zu unterstützen.

das_darkinchen_hilft

Nach dem Wohnzimmer strich ich noch einmal das Bad und am Abend noch schnell die Küche. Ich war ziemlich fertig und mittlerweile auch blind für die weiße Farbe. Hinzu kam die funzelige Energiesparbeleuchtung. Gestrichene und ungestrichene Stellen konnte ich kaum noch unterscheiden. Ich pinselte noch eine Weile vor mich hin und als ich das Gefühl hatte, überall mal drüber gerollt zu haben, machte ich Feierabend. Das darkinchen hatte in der Zwischenzeit das Bad und die Küche auf Hochglanz poliert. Nach dem Abendessen fielen wir todmüde ins Bett.

Um 02:15 Uhr wurde ich aus unerklärlichen Gründen wach. Das heißt, ganz so unerklärlich nicht, die Matratze, auf der wir nächtigten, war alles andere als bequem und so dünn, dass man den Boden darunter spüren konnte. Meinem Rücken gefiel das gar nicht. Ich döste noch eine Weile vor mich hin, bis das darkinchen um fünf Uhr für die Frühschicht aufstehen musste. Dann gab es Kaffee und Frühstück. Anschließend war Warten angesagt, denn im Wohnzimmer gab es keine Lampe mehr und die Küche konnte ich im trüben Schein der Funzel immer noch nicht beurteilen.

Als es endlich hell genug war, um in der Küche das Licht auszuschalten, traf mich fast der Schlag. Ich hatte an der Dachschräge einen ca. 50 cm breiten Streifen völlig vergessen zu streichen. Rund um die Lampe sah es auch noch ziemlich gelb aus und unterhalb des Dachfensters war es ebenfalls reichlich fleckig. Ich musste noch einmal ran an die Farbrolle. Innerhalb von 10 Minuten hatte ich die Schlampereien allerdings in Ordnung gebracht.

Ich räumte auf. Einige Dinge wollten der Lebensabschnittsgefährte und ich am darauffolgenden Wochenende mit nach Darmstadt nehmen, wofür wir eigens einen Wagen angemietet hatte.

Umzugskrempel

Dann saugte ich noch einmal die ganze Wohnung. Zum Wischen hatte ich keine Lust mehr. Zu guter Letzt verabschiedete ich mich von Staubi, der mir und dem darkinchen nun schon seit 15 Jahre treue Dienste leistet und künftig auch weiterhin beim darkinchen und ihrem Freund leisten soll.

Staubi

Ich ging duschen und machte mich ausgehfein. Ein letztes Mal schlenderte ich durch die Viersener Fußgängerzone, die eigentlich ganz hübsch ist. Ich bummelte durch ein paar Geschäfte und kaufte mir ein paar Kleinigkeiten, anschließend besuchte ich das darkinchen auf der Arbeit.

Stadtbad_Viersen

Ich schlenderte zurück zur Wohnung. Das darkinchen kam schon bald darauf von der Arbeit nach Hause. Wir machten gemeinsam einen Besuch bei Frau Sauerbraten. Die arme trauerte um ihren geliebten Opi, der vor ein paar Tagen gestorben ist. Zunächst nahm sie das ganz schön mit und sie wollte nicht aufhören, nach ihm zu rufen und zu suchen. Mittlerweile hat sie sich ein wenig beruhigt, ist aber immer noch ziemlich mitgenommen. Zur Erinnerung noch einmal das Photo, das ich Ende September von den beiden gemacht habe. Das letzte Photo von den beiden …

Granny_01

Anschließend brachte das darkinchen mich zum Bahnhof und fuhr zu einem Termin, den sie an diesem Tag noch hatte.

Bahnhof_Viersen

Es war nicht auszuschließen, dass ich zum letzten Mal am Bahnhof Viersen stand und auf den Zug wartete.

Verbindung

Eigentlich war ich eine Stunde zu früh am Bahnhof, aber das war auch gut so. Denn glücklicherweise hatte ich einer inneren Eingebung folgend heute Morgen noch einmal nachgesehen, ob mein Zug überhaupt wie auf der Fahrkarte angegeben fahren sollte. Wie sich herausstellte, fuhr der ICE gar nicht über Duisburg, sondern startete erst in Düsseldorf.

Ab_Duesseldorf

Hätte ich nicht vorher nachgesehen, hätte ich wie Hein Blöd in Duisburg gestanden und auf einen Zug gewartet, der niemals fuhr. Ursache für dieses Problem war immer noch der Stellwerksbrand in Mülheim. Was ein wenig überrascht ist die schlechte Reaktion der Deutschen Bahn. Normalerweise ist die Online-Auskunft immer sehr aktuell. In diesem Fall versagt das System aber völlig. Mir war das jedoch wurscht, ich fuhr rechtzeitig nach Düsseldorf. Mittlerweile war es 16 Uhr. Ich war seit 14 Stunden wach und bettreif, mir fielen fast die Augen zu. Draußen war herrliches Wetter und die Fahrt über den Rhein ist in Düsseldorf auch schöner als in Duisburg.

Rhein

In Düsseldorf musste ich mir eine Stunde lang die Zeit vertreiben, was ich mit Essen, Essen und Kaffee trinken erledigte. Die meisten Züge dort hatten Verspätung, weswegen der ICE, mit dem ich fahren wollte, aus einem anderen Gleis abfuhr. Über den Rest der Fahrt gibt es wieder einmal nicht viel zu sagen. Der Zug war nicht besonders voll, die Fahrt verlief ruhig und ich kam pünktlich in Darmstadt an. In letzter Zeit habe ich öfter so ein Glück. Mal sehen, wie lange das noch anhält. ;)

Ausstellung_Bahnhof

In Frankfurt hatte ich ein paar Minuten Zeit. In der Bahnhofshalle war gerade die Wanderausstellung Zugvögel und Spaßbremsen von Ein Tag ein Tier zu Gast. Noch zwei Tage ist die Ausstellung in Düsseldorf zu sehen. Danach steht Dresden-Neustadt vom 13. bis 20. November 2015 auf dem Programm. Wenn man in der Nähe ist: Lohnt sich! Unbedingt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.