Heimfahrt

Hm. Jetzt sitze ich wieder im Zug. Hätte ihn fast verpasst, weil ich mir in der Bahnhofsbuchhandlung ein Buch kaufen wollte zur Ablenkung. Konnte mich aber nicht entscheiden, und lesen kann ich eigentlich auch nicht. Also ich kann natürlich schon lesen, aber mich nicht konzentrieren auf das, was ich lese. Lese jeden Satz dreimal mindestens und wenn ich beim fünften Satz angekommen bin, hab ich den ersten schon wieder vergessen. So ungefähr zumindest. Ich wollte also grad ein Donald-Duck-Heft (dafür reicht’s grad noch) kaufen, da fiel mein Blick auf einen Roman, den ich dann des Titels und des Covers wegen gekauft habe. „Mit dem Tod auf gutem Fuß“ heißt er, das Cover zeigt einen rot/gelben Himmel mit der Silouhette von Grabkreuzen. Ich bezweifle allerdings, dass ich ihn jemals lesen werde.

Wir fahren wieder durch die Berge. Der Schnee ist nicht mehr so weiß und nicht mehr so viel und nicht mehr so schön, nicht mehr so glitzernd. Die Berge sind von Wolken verhangen, so tief, dass man meint nach ihnen greifen zu können. War wohl tatsächlich ein gutes Omen, der Schnee. Schnee ist schön, ich liebe Schnee.

Ich war das erste Mal im Winter in Ö ohne Ski, ohne Ski fahren. Dabei gehört das zu den wenigen Dingen, die mir Spaß machten, die ich wirklich gern gemacht habe. Aber selbst dazu fehlt mir die Motivation und wohl auch die Kraft. Schatzi hätte sich gefreut, wenn wir in den Skiurlaub gefahren wären.

*seufz* Schatzi…

Ich habe vergangene Nacht ein paar Zeilen an sie geschrieben. Es ist nicht leicht, einem Kind einen Abschiedsbrief zu schreiben. Wirklich nicht leicht. 5 Zeilen in einer Stunde oder so. Ich trage sie in meiner Hosentasche, zusammen mit einem Zettel auf dem eine Telephon-Nummer notiert ist und der Satz „Bitte ‚…‘ anrufen und informieren, wenn ich mein Leben erfolgreich beendet habe. Danke!“ Sonst braucht es keiner wissen. Schatzi wird ja wohl von den Behörden informiert werden.

*seufz* Schatzi…

Daheim auf dem Schreibtisch liegt der Brief ans Jugendamt, bezüglich des Sorgerechts. Und ein Kündigungsschreiben, damit mein Nachbar die Flatrate kündigen kann, läuft ja auf seinen Namen. Mein ganzes Geld habe ich vergangene Woche noch auf Schatzi’s Konten eingezahlt, was noch auf dem Girokonto ist, kann mein Mann ruhig haben; er muss eh die Beerdigung (ich will verbrannt und anonym beigesetzt werden) und noch drei Monate Miete etc. bezahlen. Dann bleibt nichts mehr für ihn und das ist auch gut so – Idiot!

Habe ein wenig gedöst, schlafen kann ich nicht. Gerade fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, ob ich daheim noch was zum essen habe, falls ich ankomme. Egal, Hauptsache mein PC ist da und funktioniert noch. Nach dem Brand und der Sache mit dem Auto würde es mich nicht wundern, wenn mich wieder irgendeine Alltags-Katastrophe heimgesucht hat, ein Einbruch zur Abwechslung, hatte ich schon lange nicht mehr, zuletzt als ich in München gewohnt habe.

Salzburg. Schöne Stadt. Wäre auch eine schön Zeit gewesen, wäre meine Mutter nicht dabei gewesen. Die Proben zu den Festspielen, die Premieren samt Premierenfeiern. Klar, immer so super-chic angezogen war nicht so toll, aber halt Pflicht als Regisseurs-Nichte und ich fühlte mich wie eine Königin. Die Leute waren alle super nett zu mir, mochten mich und ich stand im Mittelpunkt. Meine Mutter war sauer deswegen und behandelte mich wie den letzten Dreck. War wie abwechselnd heiß und kalt duschen, irgendwie. Zürich war da schon angenehmer, da war sie nicht dabei, da war ich mit meinem Onkel alleine. Allerdings machte ich dort erste Bekanntschaften anderer Art. Während gleichzeitig im schweizer TV die Legalisierung des Hasch diskutiert wurde, tauchte ich zwischen Mozart und Ballett in andere Welten…

Mit 14 war ich zum ersten Mal daheim ausgezogen, zu Bekannten nach Niederbayern, bloß weg von der Alten! Naja, dort konnte ich auch nicht ewig bleiben. Man hatte mir die Heizug abgedreht – im November! – weil meine Mutter das Kostgeld für mich nicht bezahlt hatte, also kam ich ins Internat. Das Datum weiß ich nicht mehr, aber es war ein Sonntag, nicht irgendein Sonntag, es war Totensonntag, das weiß ich noch. Hätte ich dort ein Zimmer für mich gehabt, wäre es vielleicht sogar zu ertragen gewesen. Aber ohne Möglichkeit des Zurückziehenkönnens bin ich verloren. Naja, ich bin rausgeflogen. Oh, nicht des Geldes wegen, nein nein, mein Onkel hat das Internat bezahlt; nein, man meinte, ich könne mich nicht anpassen, nicht unterordnen, nicht in eine Gruppe integrieren. Die Pädagogen hatten nicht erkannt, dass ich es nur nicht wollte, nicht so sein wollte, wie die anderen, mit 14 bzw. 15 Jahren schon mit Make-Up im Gesicht durch die Gegend rennen und Typen anmachen, sie haben mich lieber nach Hause geschickt, weil ich nicht so sein wollte.

Aber da, wo sie sagten, dass ich zuhause sei, war in der Zwischenzeit die 3-Zimmer-Wohnung wieder einem Apartment gewichen, in dem ich nicht vorgesehen war. Tja, zu dumm, dass sie mich nehmen musste. Das Apartment wurde ebenso widerwillig wie nötigerweise gegen eine 2-Zimmer-Wohnung getauscht. Die ewigen, an meine Existenz gerichteten Vorwürfe prallten mittlerweile fast ungehört an mir ab, waren sie doch schon zu sehr Standard-Repertoire geworden. Eines Tages, nach einem ebenso lauten wie ordinären Hinweis meinerseits, dass und vor allem auch wie meine Existenz zu verhindern gewesen wäre, ließen sie ganz nach. Sie wurden lediglich dadurch ersetzt, dass die Drohungen, mich in ein Heim oder – schlimmer noch – zu meinem Vater zu schicken, eben häufiger wurden. Bis ich irgendwann meinen Mut zusammen nahm und sie aufforderte, dies doch endlich zu tun, da nichts von beidem schlimmer sein könne, als mit ihr unter einem Dach leben zu müssen. Die darauf folgenden Telephonate bezüglich der Unmöglichkeit meines Verhaltes mit meinem Großvater ließen meine Abscheu, meinen Ekel, meine Verachtung und meinen Hass ihr gegenüber, mir gegenüber und dem Leben gegenüber nur noch größer werden.
Als dann ein Sommer-Gewitter mit Hagelkörnern groß wie Tennisbälle die Dachfenster unserer Wohnung zerstörte, zog meine Mutter vorübergehend zu meinem Onkel. Ich wollte nicht mit, blieb lieber alleine im Chaos zurück, lebte lieber wochenlang in einer Wohnung, die Plastikfolie statt Fenster hatte, bei Regen noch feuchter wurde als sie eh schon war und in der man nicht barfuss laufen konnte, weil die Glasscherben sich nicht restlos wegsaugen ließen. Das war die angenehmste Zeit während des Zusammenlebenmüssens mit meiner Mutter.

Wieder die Einfahrt in den Münchner Hauptbahnhof, die S-Bahn-Haltestellen, ich kenne sie alle, die meisten in irgendeinem negativen Zusammenhang. Als Ganzes genommen, war München nur negativ. Wir fahren am Leuchtenbergring vorbei, in Fahrtrichtung rechts sieht man den Hypo-Tower, von dem CP immer spricht. Er ist hoch, sehr hoch und schön, schön hoch, der Tower. Es gibt viele Hochhäuser hier und viele davon kenne ich noch, von innen, weiß wie man reinkommt, raufkommt… München ist eine schöne Stadt.

Ich sitze mittlerweile im Speisewagen, musste das Abteil wechseln, damit ich nicht aus Versehen nach Paris fahre. Es ist voll im Zug, auch hier! Die Fahrt ist schrecklich, mir geht langsam das Durchhaltevermögen aus. Ich weiß nicht, wie es werden soll, wenn ich wieder daheim bin, ich weiß es einfach nicht. Es wird immer schwieriger, für Schatzi durchzuhalten. Ich denke oft, schlimmer könne es doch eigentlich gar nicht mehr werden, kann es aber doch, tut es auch, jeden Tag. Und ich frage mich täglich, ob es wirklich so schlimm wäre für Schatzi, wenn ich weg wäre. Mittlerweile glaube ich das fast nicht mehr. Ich sehe sie kaum noch, sie erzählt mir nichts mehr und wenn sie da ist, bleibt sie nicht lange. Also wozu noch weiterleben? Wozu?!

Ich glaube, ich kann jetzt nicht mehr schreiben, mir fällt nichts mehr ein und ich starre nur noch aus dem Fenster.

Noch zwei Stunden, dann sind wir in Stuttgart, dann muss ich umsteigen. Kann nur besser werden, vielleicht kann ich ja im anderen Zug noch etwas schlafen, ich bin so müde, in jeder Hinsicht.

Telephonieren bzw. SMS-verschicken kann ich immer noch bzw. schon wieder nicht. Akku leer. Der Zug ruckelt die ganze Zeit so komisch. Ein defekter Radreifen oder sowas? Die Hoffnung stirbt zuletzt…

Bin gerade umgestiegen, die Arme tun mir noch weh, am linken Oberarm hab ich einen blauen Fleck. Die Welt ist voller Arschlöcher! Da war so’n Typ, ein alter Mann mit seiner Frau und was weiß ich wie vielen Koffern. Die wollten auch aussteigen. Ich stellte mich dazu und stand (aus Platzgründen) genau zwischen ihm und den Koffern. Als der Zug langsamer wurde und somit die Einfahrt in den Bahnhof ankündigte, schubste der Typ mich plötzlich und meinte ich solle ihn an seine Koffer lassen, er wolle aussteigen. Verblüfft fragte ich ihn, wo ich denn hin solle. Er meinte ich soll meine Schnauze halten und dahin gehen wo ich hergekommen sei, es wäre ja wohl unverschämt, dass ich ihn nicht an seine Koffer lassen würde. Er versuchte mir meinen Koffer aus der Hand zu reißen, packte mich am linken Oberarm, schüttelte mich und drückte mich gegen die Tür, die hinter mir war. Mir tut der Rücken weh, verdammt weh, weil ich die Türgriffe ins Kreuz bekam. Ich kann kaum sitzen und kaum schreiben, weil meine rechte Hand so weh tut, weil er versucht hat, mir meinen Koffer aus der Hand zu reißen. Er hat mich beleidigt. Kann ich hier nicht wiedergeben; weiß nicht mehr alles, war außerdem Dialekt und ich weiß nicht, wie man’s schreibt. Nur „So eine Scheiße wie du“ ist hängen geblieben. Er hat mich angeschrien, mir wehgetan und mich angesehen, als würde er jeden Moment auf mich losgehen, die Beherrschung verlieren. Seine Frau brabbelte die ganze Zeit was von Bahnhofspolizei.

Und ich? Ich stand nur noch da, als er anfing mich zu schubsen, schütteln und so weiter, gelähmt, schon zu oft erlebt, wissend, „Du hast doch eh keine Chance. So eine Scheiße wie du…“

Auf dem Weg zu meinem Anschlusszug fiel mir wieder ein, dass einmal jemand zu mir sagte, es sind die angenehmen Kleinigkeiten, kurzen Momente, die das Ertragen des Lebens leichter machen. Hmja stimmt, es waren die vielen kurzen Momente, die das Leben in den letzten vier Tagen, die ich bei Franz war, angenehmer machten. Aber warum, verdammt, warum ist es ein einziger kurzer Moment, der das alles vergessen lässt, der mich fast dazu veranlasst hätte, mich vor den Zug zu legen, statt mich reinzusetzen?

So eine Scheiße wie ich…

(Titelbild: Matthew Field)