Hinfahrt

Ja, das erste Teilstück ist geschafft!

Supernervös ein Taxi gerufen, fast noch meinen Bruder aus dem Bett geklingelt, weil seine Telephon-Nummer direkt neben der der Taxi-Zentrale eingespeichert ist, und auf geht’s…

Nun ja, das Taxi kommt. Ich schmeiße den Koffer auf den Rücksitz und mich – die offene Beifahrertüre ignorierend – daneben. Wenigstens labert der Taxifahrer nicht. Zumindest nicht um diese Uhrzeit. Das ist gut, es fängt gut an. Dachte ich. Am Bahnhof angekommen kassierte er den Fahrpreis und fragte doch tatsächlich, ob ich von hier aus mit dem Zug weiterfahren würde. „Nein, ich will meinem Koffer nur mal den Bahnhof zeigen, Silvestermorgen um viertel nach sechs!“ Wie kann ein Mensch so blöde Fragen stellen? Ich fasse es nicht! Ich lasse den reichlich dämlich blickenden Taxifahrer hinter mir und marschiere wütend davon. Es ist scheißglatt und meine linkische Balletteinlage, in der mein Hintern nur knapp dem Bodenkontakt entkommen ist, hat mir meinem coolen Abgang versaut. Ich konnte sein dämliches Grinsen wie Dolche im Rücken spüren. Unfair!

Natürlich bin ich viel zu früh. Und so ein Kleinstadt-Bahnhof ist am Sonntag Morgen tot. Passt irgendwie. Er ist ruhig, völlig ruhig, wie erstarrt, jedes Leben ausgehaucht und saukalt! Am Bahnsteig angekommen, kurzer Timecheck: noch 25 Minuten. Oh Mann, können die lang werden. Wieso war ich auch so früh? Sonst komme ich immer zu spät, habe schon so manchen Zug verpasst, bringe jeden ärztlichen Terminkalender durcheinander und Bekannte, die mich um 20:00 h sehen wollen, sagen ich soll um 19:30 h spätestens da sein. Aber heute, am Silvester-Morgen, in eisiger Kälte, allein in der unheimlichen Atmosphäre eines ausgestorbenen Bahnhofs, da hab ich’s daheim nicht mehr ausgehalten und bin 30 Minuten zu früh! Gab es das schon einmal? Soviel zu früh? Ich kann mich nicht erinnern.

Mein rechtes Ohr tut weh von der Kälte. Ist immer so seit der Mittelohrentzündung, die ich als Kind hatte, die aber nicht behandelt werden konnte, weil mein Vater meiner Mutter verboten hatte mit mir zum Arzt zu gehen. Damit der die blauen Flecken am Rücken nicht sieht, wenn er die Lunge abhört. Erzählte meine Mutter zumindest so. Es tut höllisch weh, mir steigen fast die Tränen in die Augen.

Es würde keinem auffallen, wenn ich an das Bahnsteigende gehe und auf den einfahrenden Zug warte. Allerdings würde ich dem Lokführer in meinen weißen Klamotten schon von Weitem auffallen und er würde vielleicht abbremsen. Dann würde ich überleben. Und meine weiße Jacke, die ich so lange in so vielen Geschäften gesucht habe und so gern mag, wäre hin. Geschähe ihr aber auch recht, sie hätte mir das Leben gerettet – ungebetenerweise. Aber ich müsste mir trotzdem eine neue kaufen. Und krankenversichert bin ich auch nicht. Also zu risikoreich und bei Misslingen zu kostenintensiv. Bringt’s nicht. Wenn schon Zug, dann auf freier Strecke, das ist sicherer. Ich erfriere eh gleich, wenn der Scheißzug nicht kommt. Was soll ich tun? Mich hinsetzen und abwarten, wer schneller ist – die Bahn oder der Tod? Oh, da kommt der Zug.

Brrr, kalt draußen! Erinnert mich an gestern Mittag. Meine beste weil einzige Freundin holte mich ab um mit mir am Bahnhof die Fahrkarte zu kaufen. Nach kurzer Diskussion, welcher Weg kürzer sei (mein Vorschlag wurde natürlich angenommen), ging es los. Auf der Fahrt dorthin fiel mir auf, dass auf den Grünflächen vereinzelt Schnee lag. „Hat’s geschneit?“ J. lacht: „Ja, gestern und vorgestern.“ Im selben Moment blieb ihr das Lachen auch schon im Hals stecken – Polizeikontrolle. Und ich natürlich nicht angeschnallt. Wozu auch, was habe ich schon zu verlieren?

Ah, der Zug fährt los, es wird ernst…
Wir wurden rechts rangewunken, ich ließ das Fenster runter. „Warum sind Sie nicht angeschnallt?“ J. ließ ebenfalls ihr Fenster runter und wird nach den Papieren gefragt. „Oh fuck! Hab ich ganz vergessen“, lüg ich. J. suchte derweil ihre Papiere, hatte sie aber nicht dabei. Na super! Nachdem wir uns den Vorwurf anhören mussten, wir würden die Fahrbahn blockieren (tz, wollten wir hier stehen bleiben?), sollten wir ein Stück weiter vorfahren.

Der Schaffner ist da, ich muss ein Ticket kaufen. Er weiß nicht, wo Bischofshofen ist. Ich auch nicht. D oder Ö? Keine Ahnung, mir geht anderes durch den Kopf als Geographie. Und jetzt überkommt ihn auch noch ein ungezügeltes Mitteilungsbedürfnis … *seufz* … Ich bin viel zu nett und höre mir das an. 15 Minuten später ungefähr habe ich dann – aufgeklärt über die Tarifänderungen bei der Bahn ab 1. Januar 2001, eifrig mit Hilfe seines Handheld-Ticket-Computers unter Beweis gestellt – mein Ticket, zunächst bis Salzburg. Ösi-Tickets verkauft die Deutsche Bahn AG nicht im Zug, also werde ich die Prozedur nochmal im Alpen-Slang überstehen müssen.

Zurück zu gestern: Wir parkten den Wagen also weisungsgemäß auf dem Gehweg und stiegen aus. „Fuck! Ist das kalt! Ham die nix besseres zu tun? Solln doch morgen kontrollieren, das lohnt sich wenigstens.“ Ein böser Blick der grünen Obrigkeit ließ mich verstummen und J. rot anlaufen. Mir doch egal! Was muss sie auch ihre Papiere vergessen?! Nachdem sie dem Polizisten dreimal ihren unaussprechlichen Nachnamen buchstabiert hatte und das Vorhandensein der Fahrerlaubnis per Funk bestätigt wurde, war ich dran. Wieso ich denn nicht angeschnallt gewesen wäre. Will der mich verarschen? Hab ich doch schon gesagt. Oder soll ich ihm jetzt sagen, dass ich J.’s Fahrstil kenne und auf einen vorzeitigen Tod hoffe? Eher nicht. „Vergessen.“ knurrte ich. „Ja, wissen Sie, ich kann da aber keine Ausnahme machen, bla bla bla…“ Laber nich, stell mir endlich das Ticket aus. Du wirst – im Gegenteil zu mir – schließlich dafür bezahlt, dass du dir hier den Arsch abfrierst. Ob ich denn sofort bezahlen könne? Kurzer Finanzcheck „Nein, nur 20 Mark“ Dann könnte ich J. ja das Geld leihen, sie muss exakt 20 Mark bezahlen. „Ja, mach ma, dann brauchen die nich zu schicken!“ Also rück ich meine letzte Barschaft raus und … oh Wunder! … ein Aufhellen im Gesicht der sonst recht unfreundlichen staatlichen Exekutive. Was nun? Es folgten 10 Minuten Oberlehrer-Standpauke, die wir frierenderweise über uns ergehen ließen – das sparte uns immerhin 60 Mark – mit der abschließenden Aufforderung, dass ich fahren solle, nach meinem Führerschein wurde nicht gefragt.

Zweite Etappe geschafft, ich bin umgestiegen. Der EC ist schon angenehmer als die Bummelzüge, die die Dörfer abklappern. Und der Kaffee ist zwar irreteuer aber schmeckt gut und tut gut. „Blauer Enzian“ heißt der Zug, was aber völlig unwichtig ist. Wenn man davon absieht, dass ich mir bei der Einfahrt des Zuges überlegt hab, wie schmerzhaft es sein mag, von der Lok erfasst zu werden, geht’s mir verhältnismäßig ok.

Die Freude über die gesparten 60 Mark waren Alibi genug für einen Imbiss bei Mc Donald’s. Anschließend zum Bahnhof, nur leider war das DB-Reisezentrum schon geschlossen. Das Ticket musste ich laut Auskunft der freundlichen Dame an der Information im Zug kaufen. Grmpf! Wieso habe ich nicht angerufen? Ich mache doch sonst auch alles telephonisch, was geht. Wir fuhren also rund 40 Mark ärmer ohne Ticket nach Hause, d. h. ich fuhr, J. hatte ja keinen Führerschein dabei; dass ich keine Kontaktlinsen trug, stattdessen Restalkohol vom nichtvertragenen Wein der vergangenen Nacht war eher nebensächlich; der Polizist hob die Hand zum Gruß, als wir auf der Gegenfahrbahn vorbeifuhren. Ich war ja angeschnallt…

Mittlerweile fahre ich am Rhein entlang. Hier irgendwo muss auch der Loreley-Felsen sein, aber egal. Ich werde mir jetzt ein Frühstück bestellen, bekomme Hunger. Besser gesagt Appetit, weil der Dieter-Bohlen-Verschnitt am Tisch ganz hinten gerade sein Frühstück bekommt, mit frischen Croissants – lecker!

Der Rhein schleppt sich träge dahin, hat eine eigenartige Farbe: dunkelgrüngrau, bedrohlich irgendwie, als würde er alles verschlingen und nicht wieder hergeben wollen, und dazu der Himmel grau in grau.

Loreley… kannte ich auch mal die Geschichte, kann mich aber nicht mehr dran erinnern, ist mir mittlerweile genauso verschlossen wie die Geographie. Ich versteh’s einfach nicht. Aber der Rhein, der fasziniert mich immer wieder, wenn ich aus dem Fenster sehe. Und meine Erinnerungen sind auf einmal so klar.

Silvester 1994/95, wäre beinahe mein letztes gewesen, leider nur beinahe. Ich war eigentlich allein, hatte keinen Bock auf Feiern, wollte meine Ruhe haben, wollte mein Kind früh ins Bett stecken und gegen meine Depressionen kämpfen. Ja, ich verwende den Begriff „Depressionen“, denn Silvester sind es ganz sicher welche. Silvester hat meine Lebensmüdigkeits-Jahreskurve ihren Höhepunkt! Jedes Jahr. Ich weiß auch nicht warum, weiß aber, dass ich als Kind schon froh war, wenn ich nach Mitternacht der mittlerweile ausschließlich lästigen Familie entfliehen und mich ins Bett legen und heulen konnte. Ich weiß nicht, warum es so war, nur, dass mir mein Leben damals schon unerträglich erschien und sich mir die Frage aufdrängte, warum ich überhaupt am Leben sei. Aber ich schweife ab.

Zurück zur Jahreswende 1994/95: Um 20:00 h etwa rief eine Bekannte an und fragte, ob sie mit ihrem Kind vorbei kommen könnte. Ich hatte nichts dagegen, so war sie dann ca. 20:30 h bei mir und wir langweilten uns. Nach einer halben Stunde kamen wir auf die Idee, unsere Langeweile mit Essen zu bekämpfen, allerdings stand mein Kühlschrank kurz vor dem Hungertod – von dem war also nichts zu erwarten. Zwei, drei Pizzarien angerufen – alle zu. Also zu Mc Donald’s! Jedoch mussten wir dafür bis nach Düsseldorf, wo wir dann um halb Elf auch schon waren. Um 23:00 h machte der Laden zu. Super! Jahreswende auf der Autobahn? Mal was anderes. Aber so weit kam es dann doch nicht. Auf dem Weg zum Highway (der fast 1 Stunde dauerte, da ich mich mangels Orientierungssinn ständig verfahren habe) fuhren wir über die Rheinknie-Brücke und hielten an. Es war kurz vor Mitternacht, ein paar Autos gesellten sich zu uns. Wir bekamen ein sehr schönes Feuerwerk zu sehen. Ich mag Feuerwerk, finde ich schön, in den dunklen Nachthimmel zu schauen und die bunten Lichter dazwischen. Gefällt mir, ehrlich. Und dann sah ich runter, sah den Rhein weit unter mir, tiefschwarz, eiskalt, sich träge dahin schleppend. Mir war als würde ich ihn seufzen hören, aber das war wohl mein Seufzen. Das Brückengeländer, welches uns beide trennte, würde schnell überwunden sein, das eiskalte Wasser vermutlich einen Herzstillstand verursachen…

Ich muss schlafen, bis später.

Stuttgart. Habe eine Stunde geschlafen, vorher noch eine SMS an Älis geschickt, damit sie weiß, dass ich noch da bin. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen meines Abschiespostings.

Draußen ist alles weiß, Schnee ist schön, ich liebe Schnee, hoffentlich liegt in Graz Schnee.

Tut mir leid wegen des Postings. Wollte Euch nicht erschrecken, wollte nicht, dass Ihr Euch Sorgen macht. Ich lebe leider immer noch. Würde jetzt allerdings gerne sterben. Wie immer, wenn ich geschlafen habe und aufwache. Warum muss man immer aufwachen? Schlafen ist so schön, keine Gedanken, keine Schmerzen, keine Qualen. Will schlafen, nur noch schlafen, für immer.

Hm, ich wollte gerade ein Hanuta essen, da fiel mein Blick auf den Typen, der draußen vor dem Fenster auf dem Bahnsteig steht: ungepflegt, weißes Hemd mit gelber Fliege, isst ein Croissant. Kaut mit offenem Mund und redet dabei mit einem der Bahnangestellten. Sieht ekelhaft aus dieses Kauen und Reden, gestikulierend mit dem Croissant in der Hand. Und er erinnert mich an jemand: M.A.G. Der ist tot, seit 2,5 Jahren, hat sich erhängt, Wärter fanden ihn morgens in seiner Zelle, saß wegen sexuellem Missbrauch an Schutzbefohlenen und Gewalt gegen die Familie. Die Psychiater, die für das Gericht ein Gutachten erstellt hatten, stellten Gehirnschwund fest. Ich musste fast laut lachen im Gerichtssaal, als das Gutachten verlesen wurde, während er mich mit Blicken zu töten versuchte, weil ich zwischen seinen (inzwischen erwachsenen) Kindern. Er war übrigens einer der wenigen Menschen, den meine Tochter – sie begegnete ihm durch einen dummen Zufall, ich wollte das nie – kennen lernte und (damals 6 Jahre alt) nicht mochte. Ich fand das sehr bezeichnend. Ein sonst eher aufgeschlossenes Kind – ihm wollte sie nicht einmal „Guten Tag“ sagen. Ich habe sie nicht dazu gezwungen. Ich glaube, das wäre falsch gewesen. Als sie mitbekam, dass er tot ist, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte „Der war eh böse.“ Allerdings habe ich ihr nicht gesagt, wie er gestorben ist. Sie hat auch nicht gefragt, weiß nicht, was ich gesagt hätte.

Ich habe ihn mir angeschaut, aufgebahrt im Leichenschauhaus, war mit seinen Kindern dort. Er sah seltsam aus. Eigentlich die einzige Leiche, die ich bewusst und aus der Nähe gesehen habe. Er war stark geschminkt und trotzdem schimmerte das Blau deutlich durch. Aufgehangen eben. Der Kopf war zur Seite geneigt in einem seltsamen Winkel, wohl durch den Genickbruch, der meines Wissens oft beim Hängen erlitten wird. Das Gesicht wirkte trotzdem entspannt, friedlich. Ich beneidete ihn sogar ein wenig, ausgerechnet ihn, den ich genauso hasste, wie er mich. Die Hände waren seltsam gelblich, hatten eine eigenartige Farbe, schwer zu beschreiben, habe ich vorher noch nie gesehen. Im Gesicht und aus den Ohren sah man das Leichenwasser herauslaufen, Tröpfchenweise. Sah eklig aus. Ich sehe das Bild noch heute vor mir, hat sich eingebrannt und den Geruch der Verwesung habe ich auch noch in der Nase, passend zum Bild. Mir wird schlecht.

Ich betrachte die schneebedeckte Landschaft um mich herum. Ich liebe Schnee. Alles wirkt so friedlich und ruhig, wenn es geschneit hat, die Luft riecht angenehm frisch. Und ich habe fast nur schöne Erinnerungen im Zusammenhang mit Schnee, die vielen Ski-Urlaube und alljährlichen Klassenfahrten. Vielleicht ein gutes Omen. Ob die Tage, die mich jetzt erwarten auch zu den angenehmen Erinnerungen zählen werden? Zumindest für die verbleibende Zeit, in der es noch Erinnerungen geben wird.

Jetzt wird es schwierig, weiter zu schreiben. Eine Frau hat sich neben mich gesetzt und ich möchte nicht, dass sie mitliest. Ich werde nochmal versuchen zu schlafen, während die Sonne den Schnee so wunderbar glitzern lässt.

Zwei Minuten später: War nix mit schlafen. Die Frau neben mir und der Typ, der dazugehört, riechen komisch. Die Frau wischt gerade irgendwelche Flecken mit Spucke von ihrer Handtasche, der Mann hat ekelhaft dreckige Fingernägel. Gerade bin ich auf den Sitz neben dem Mann gestiegen, weil ich an meinen Koffer musste, da sehe ich im Augenwinkel, dass der mir zwischen die Beine glotzt! Das verschlägt selbst mir die Sprache! Er sah mich kurz an, fühlte sich wohl ertappt. Seitdem starrt er krampfhaft in die andere Richtung aus dem Fenster. Widerlich solche Typen! Ich könnte kotzen. Jetzt geht die blonde Zugbegleiterin vorbei und er starrt ihr auf den Arsch. Hilfe, wo bin ich hier gelandet?!

Gerade war ich so in Gedanken versunken, dass mir nicht einmal aufgefallen ist, dass der Zug steht. Wo sind wir hier? Keine Ahnung. Wenn die Alte nicht damit aufhört, verstohlene Blicke auf meinen Block zu werfen, raste ich aus! Brauche meine Ruhe, ertrage diese körperliche Nähe zu fremden Menschen nicht. Und der Sitz neben mir ist schon zu nah. Und der alte Sack gafft schon wieder. Hass! Der Zug fährt weiter. Die ganze Zeit ging’s einigermaßen gut und jetzt das! Und dann noch der Zigeuner, der nicht verstehen will, dass er noch 40 Mark nachzahlen muss. Diskutieren rum, wiederholen ständig die gleichen Sätze. Ich krieg zu viel, will hier raus. Aber dank Modernisierung kann man in den klimatisierten Abteilen keine Fenster aufmachen. Naja, es würde mich vermutlich eh jemand davon abhalten rauszuspringen. Und zur Tür mag ich nicht gehen. Müsste auch mal zur Toilette, aber dann muss ich an dem alten Sack vorbei. Will das nicht, mag solche Typen nicht.

Wir sind in München, fühle mich heimisch hier – habe 10 Jahre hier gewohnt, 10 Jahre fast ausschließlich Scheiße erlebt. Und doch hat’s was von heimkommen, irgendwie. Sieht aus wie früher, die Einfahrt zum Hauptbahnhof. Die Graffitties sind noch an den selben Mauern und Brücken, nur der Stil hat sich ein wenig geändert.

Irgendwie mag ich die Stadt. Es gibt so viele schöne Ecken hier. Auch wenn das Schicki-Micki-Getue der Leute echt zum Kotzen ist. Ich würde gern aussteigen und eine Weile bleiben.

Die Menschen hier sind schöner anzuschauen als da wo ich jetzt wohne. Es sind vermutlich die gleichen Charakterschweine wie bei mir daheim, aber sie sind wenigstens optisch besser zu ertragen. Sie sind gepflegter und ordentlicher gekleidet. Wahrscheinlich entsteht hier gerade der Eindruck, ich würde zu sehr auf Äußerlichkeiten achten. Nun, das mache ich nicht. Und wenn, genügt ein Blick in den Spiegel, um damit wieder aufzuhören. Die wenigen Menschen, mit denen ich mich im RL abgebe, sind rein äußerlich wohl nicht das, was man im Allgemeinen unter schön versteht. Aber wenn ich schon – so wie jetzt – unter fremden Menschen bin, mit denen ich kein Wort rede, deren Charaktereigenschaft mir nicht bekannt sind und mich auch nicht interessieren, und ich sie lediglich sehen, nicht erleben muss, dann ist es ja wohl angenehmer, wenn sich mir ein gepflegtes Erscheinungsbild bietet, oder?

Wobei ich mich gerade frage, ob ich den Typen, der mir jetzt gegenüber sitzt, als gepflegt bezeichnen würde. Er kommt sich offensichtlich toll vor mit seiner Sonnenbrille, unrasiert (verwegen… ;-), rotblonde 2-cm-Stoppel-Haare, das graue ausgeleierte Sweat-Shirt in die schmuddelige hellblaue Jeans gestopft; und die Docker’s könnten ein wenig Schuhcreme vertragen. Ach nein, Lederfett, Docker’s werden eingefettet, nicht mit Schuhcreme malträtiert. Jawoll! Hat die Verkäuferin neulich mir dreimal erklärt, bis ich das Scheißfett endlich auch noch gekauft habe, damit sie die Klappe hält und meine Schuhe einpackt. Mr. Sonnenbrille puhlt sich schon die ganze Zeit mit den Fingern im linken Ohr rum, schaut den Finger an und wischt ihn an der ohnehin schon dreckigen Hose ab. Nein, gepflegt ist anders.

Der alte Sack ist weg. Ich kann jetzt endlich zur Toilette gehen. Oh Mann! Ich sehe fürchterlich aus! Nach mittlerweile fast 48 Stunden Schlafentzug – abgesehen von der einen Stunde hier im Zug. Franz wird schreiend weglaufen, wenn er mich sieht. Ich weiß wohl, dass ich nicht aus ästhetischen Gründen eingeladen bin. Aber ob er einen Zombie erwartet?

Es ist so schön draußen: Weiße Wiesen, weiße Bäume, weiße Sträucher. Nein nein, ich bin nicht auf Drogen, nur in Bayern. Und im Winter finde ich Bayern schön. Wenn alles – so wie jetzt – mit einer dünnen, weißen Schnee-Schicht überzogen ist. Könnte ruhig mehr Schnee sein, aber nach so vielen Jahren Entzug wird man bescheiden.

Mir fällt gerade auf, dass ich gar nicht weiß, wohin ich fahre. Ok, Graz, Österreich. Das weiß ich natürlich schon. Aber wenn ich mir die Ö-Karte vor Augen führe, weiß ich nicht, in welche Gegend es mich verschlägt.

Noch 5 1/2 Stunden, mir wird flau im Magen. In einer Stunde sind wir in Salzburg, dann brauche ich noch ein Ticket. Ich habe gar keine Alpen-Dollars. Bin gut vorbereitet, gell?! Wenn der Schaffner keine D-Mark nimmt, werde ich zu Fuß weiter gehen müssen und werde dann wohl im Schnee erfrieren … hm … schön. :-)

Der Schnee wird immer mehr und ich kann auch endlich die Alpen sehen! Franz, ich zieh doch zu dir! Ehem … falls das Angebot noch gilt. Hast du schon mit deiner Frau darüber gesprochen? ;-)

Salzburg. Endlich in Ö! Noch vier Stunden. Hab geschlafen, bin müde, so müde… Der Zug ist voller Ösis, die sind laut und ich versteh kein Wort. Bin müde…

Gerade war der Schaffner da. Jetzt habe ich mein Ticket, hat 200 DM minus 450 ÖS gekostet. Ganz schön teuer!

Argh! Fuck! Jetzt hab ich mein Handy ausgemacht, weil eh kein Empfang, aber ich weiß meine PIN gar nicht! Jetzt sitzt der Schaffner wieder hier. Tippt irgendetwas in seinem Ticket-Compi rum, smiled mich an und labert mich voll. Schaffner lieben mich.

Und draußen ist alles weiß – schööön! Ich sollte öfter verreisen, scheint mir gut zu tun. Will immer noch sterben, aber im Moment pressiert’s nicht so. Jetzt fahren wir durch einen Tunnel, dunkel ist’s. Ich muss gleich umsteigen, ziehe schon mal meine Schuhe wieder an. Der Schaffner lässt es sich nicht nehmen, mir persönlich die Tür zu öffnen und zu zeigen, wie ich zu dem anderen Gleis komme. Grmpf! Ich bin ja nicht ganz blöd.

So. Ich bin umgestiegen. Die 3. Etappe habe ich überstanden, besser als erwartet.
Geil hier! Eine Horde Jugendlicher, die alkoholisiert irgendwohin fahren. Ziemlich besoffen sind sie. Aber drollig. Ein Pärchen hat Zoff und ein magersüchtiger Drolling versucht die Situation mit einer Flasche Sekt zu entschärfen. Sekt mit Red Bull – hm, schmeckt das? Grad ist so ein Schönling eingestiegen und Mrs. Zoff kriegt den Mund nicht mehr zu. Tolle Beziehung! Kommt mir bekannt vor..
Der magersüchtige Drolling hat sich neben mich gesetzt und will Small-Talk. Allerdings ist gerade eine Blonde eingestiegen und ich bin erstmal raus aus der Verlosung. Jetzt will er auch noch wissen was ich schreibe. Ich glaube, ich räume den Block gleich weg.

Der Zug scheint nie abzufahren. Komme ich noch in Graz an? Die drolligen Figuren hier wissen nicht, wo der Zug hinfährt. Die Blonde will auch nach Graz. Ich bin also richtig. Sie wissen nicht, ob sie im richtigen Zug sitzen. Acht Drollinge sind es insgesamt. Mr. und Mrs. Zoff sind nach Sekt mit Red Bull bei der Belehrung der oberen Enden der Verdauungskanäle angekommen. Mr. Zoff rückt ihr immer näher … Ich bekomme noch richtig was geboten für meine 200 DM minus 450 ÖS!

Und draußen ist es herrlich weiß. Bin vorhin beim Umsteigen das erste Mal seit langem wieder durch den Schnee gestapft. Schön. Wann war eigentlich der letzte Ski-Urlaub? 1994? 1995? Ich glaub 1995 war’s, bin mir fast sicher. War cool! 5-Sterne-Luxus-Hotel mit Swimmingpool, Masseur, Fitness-Raum, beheizte Ständer für die Ski-Stiefel, damit die Füße nicht frieren. Tja, war auch mächtig teuer. Sponsored by Muttern, aber egal. Tagsüber habe ich sie eh nicht sehen müssen, weil sie immer noch zu blöd zum Skifahren ist und ich die Hänge runtergebrettert bin. Und abends bin ich schwimmen gegangen und dann mit einem Buch ins Bett, Ruhe.

Die Hinfahrt war geil. Wir sind mir ihrem Wagen gefahren, weil meiner nicht winterbereift war. Ich fuhr. Mit 180 im Fast-Blindflug über abwechselnd Schneematsch und geschlossene Schneedecke. Angst? Wovor? Sie schon, wurde kreideweiß, ich hatte meinen Spaß. Dann Vollbremsung, weil der Depp vor mir entweder mit Sommerreifen in den Winterurlaub fuhr oder nicht wusste, was Winterreifen können. Die Alte kreischt hysterisch: „Was war das für ein Geräusch?“ – „ABS, bleib locker!“ Es machte Spaß, sie zu ärgern. Und seit dem Autounfall mit Schädelbruch hat sie eine Scheißangst – hatte leider nur das Auto Totalschaden, nicht sie. Und 600 km Vollgas – viel zu dicht auffahren – Vollgas – Extrembremsen haben sie mindestens 5 kg leichter gemacht. Recht so! Hat sie nicht anders verdient.

Die Drollinge sind ausgestiegen. Ich bin müde, möchte schlafen. Noch drei Stunden. Mir geht’s nicht gut. Bin allein und wäre jetzt lieber online. Jetzt kommt das, was ich heute Morgen befürchtet habe, als ich das Posting schrieb. Und ich kann nicht einmal SMS verschicken. Life sux!

Es wird dämmrig draußen, die Berge wirken bedrohlich. Ich fühle mich eingeengt, will raus, raus aus dem Leben…

Ich sollte versuchen, noch etwas zu schlafen, aber es ist schwer zu schlafen, wenn die Gedanken sich nicht stoppen lassen. Ich versuch’s jetzt mal. Versuche zu träumen, es wäre mein letzter Schlaf – obwohl ich ja eher zu der Vermutung tendiere, dass ich auch diesmal wieder aufwache.

Gerade wird mir bewusst, was für ein Tag heute ist. 31.12.2000, Silvester, wieder ein verdammtes, beschissenes, ungewolltes Jahr vorüber. Die Vorsätze fürs neue Jahr? Dafür sorgen, dass es das letzte Jahr ist?! Jetzt ist es fast dunkel, geht schnell in den Alpen, schneller als bei uns daheim. Gute Nacht, dark*, schlaf gut. Ich laber Scheiß, ich schlaf jetzt.

Aufwachen. 19:00 h, der Zug steht. In Irgendwas an der Mur sind wir hier. Neben uns steht noch ein Zug. Die Fenster gleiten vorbei, einer der beiden Züge bewegt sich, aber mein Gehirn ist nicht in der Lage zu erkennen, welcher. Wenn es nicht einmal das kann, wie soll es sich dann zwischen Leben und Tod entscheiden? Weißt du was, darkhirn? Beobachte du weiter die Züge und halt dich von mir fern, dann kann ich endlich sterben…

Habe gerade mein Gesicht in der Scheibe spiegeln sehen. Uahh! Wer is’n das?! Rote Augen, grimmiger Blick, die Haare wie ein ungemachtes Bett. Meine Haarbürste habe ich vergessen, fällt mir gerade ein. Naja, ich fahre jetzt nicht zurück, um sie zu holen. Franz wird ja wohl eine haben. Wenn nicht, ist’s halt Pech.

Meine Tochter brach in Tränen aus, weil das Auto kaputt ist und wir ein neues bräuchten. Ich hab fast eine Stunde gebraucht um sie zu beruhigen. Wegen dem Auto! Wie reagiert sie, wenn ihrer Mutter so etwas geschieht?? Scheiße…

19:20 h, noch 20 Minuten…

Ich wippe nervös mit den Füßen rum, kaue entgegen sonstiger Gewohnheiten auf meinen Fingernägeln rum, ich rauche eine … Wenn ich doch wenigstens die PIN von meinem Handy wüsste. Die war genauso wie die PIN von meiner alten EC-Karkte. Vergessen. War vermutlich auf einer der Gehirnzellen gespeichert, die durch den Wein vor zwei Tagen abgestorben sind.

19:27 h, noch 10 Minuten…

Ich würde gerne die Notbremse ziehen, aber ziehe stattdessen meine Schuhe an.

Hoffentlich erkenne ich Franz überhaupt. Steh wahrscheinlich da wie Hain Blöd, guck verlegen aus der Wäsche und warte, bis mich einer anquatscht, mit dem ich dann mitgehe. Hoffentlich ist der Grazer Bahnhof nicht wie unserer, sonst könnte es passieren, dass ich nach einer halben Stunde wieder am Bahnhof abgesetzt werde, 50 Mark mehr in der Tasche. dark*! Jetzt wirst du albern! Nein, nur immer nervöser, langsam wird’s zur Qual. Wie’s Franz wohl geht? Vermutlich genauso.

Ich bin da. Wird schon werden…

(Titelbild: Matthew Field)