In Graz

Am Morgen des 01.01.01 … Sieht cool aus, das Datum, irgendwie. :-)

Eigentlich beginnt ja heute erst das 21. Jahrhundert und das 3. Jahrtausend. Schließlich begann unsere Zeitrechnung mit dem Jahr 1 und nicht 0. Aber das hat letztes Jahr schon keiner kapiert und das menschliche Kollektivbewusstsein lässt sich von solchen Spitzfindigkeiten nicht beirren und nimmt es mit der Wahrheit genauso wenig genau wie seine Einzelindividuen. Außerdem macht sich eine runde Zahl besser zum Feiern eines Jubiläums.

Egal, die erste Nacht ist überstanden. War schon eigenartig, gestern am Bahnhof. Butterweiche Knie, der Magen rotiert und nicht wissen, wohin gucken. War anders als bei den andern beiden Chattern, die ich bisher getroffen habe. Mit denen hatte ich vorher im Chat auch nicht so viel gesprochen, vor allem eine von beiden kannte ich gar nicht. Egal. Jetzt bin ich in Graz am Bahnhof und grinse verlegen vor mich hin. Ok, die erste Minute ist überstanden ohne Ohnmachtsanfall oder sonst irgendwas Schlimmes. Puh! Franz will mir meinen Koffer abnehmen, aber den gebe ich nicht her. Wo soll ich mich denn sonst dran festhalten? Nee, meinen Koffer trage ich lieber selbst und dackel hinter bzw. neben Franz her zum Auto.

Hier in der Wohnung musste ich direkt online, nach meinem Abschiedsposting ein Lebenszeichen von mir geben. Älis wartete im Chat; meine SMS hatte sie nicht bekommen, die zweite konnte ich ja nicht mehr schicken, da mein Handy im Ö-Netz nicht funzt. Btw meine PIN ist mir wieder eingefallen, lag vielleicht doch am Schlafmangel und der Aufregung. Wir saßen die ganze Nacht vor dem PC, haben viel gelacht und Blödsinn gemacht.

Um halb sechs ungefähr sind wir ins Bett. Ich habe geschlafen, richtig gut geschlafen, bis halb neun. Ok, das ist nicht viel, aber ich habe wirklich gut geschlafen und das ist mehr als ich erwartet hatte.

Mittlerweile ist es 16:00 h und Franz liegt immer noch im Bett und mir ist langweilig.

Als ice bei mir war, hat sie auch so viel gepennt. Langsam kommt mir der Verdacht, dass ich ein extrem langweiliger Mensch sein muss, da alle Leute in meiner Umgebung immer nur pennen! Selbst Trollchen, die sonst auch die Nächte durchmacht, hat bei mir geschlafen. Bin ich so einschläfernd?

Ich habe hier sogar einen eigenen Rechner. Da Franz‘ Frau nicht da ist, kann ich ihren benutzen und der hat auch Internet-Zugang. Werde richtig verwöhnt hier, noch verwöhnter als ich eh schon bin.

Der Internetzugang ist ohnehin total faszinierend: Kein Modem, Kein ISDN, kein DSL, sondern Kabel. Rechner starten und online sein sind quasi eins. Das will ich auch!

02.01.2001, 13:30 h
Grmpf. Gleich kommt Franz‘ Frau und hier sieht’s aus wie sau! Ich muss aufraeumen.

02.01.2001, 19:00 h
Ich habe ein Problem. Ich bin allein, Franz ist unterwegs. Er hat meinen Koffer aus dem Zimmer seiner Frau geholt. Dies allein ist noch nicht das Problem. Ist zwar auch ein Problem, aber ein anderes. Mein Problem im Moment ist, dass mein Koffer vor der Heizung liegt. Und direkt daneben ist eine Spinne und ich habe Angst vor Spinnen und jetzt weiß ich nicht wie ich an meinen Koffer kommen soll! HILFE!

Etwa 1 Stunde später: Hab’s geschafft, an meinen Koffer zu kommen. Ich habe mich ans entgegengesetze Ende des Koffers gestellt, die Arme ausgestreckt, sodass ich grad an den Koffer gekommen bin, und ihn von der Spinne weggezogen. Lacht nicht, ich kann nix dafür, habe Angst vor Spinnen, richtige Panik. Aber wenigstens bin ich jetzt an meinen Füller und meine Schokolade gekommen.

Vorhin wollte ich in die Küche um mir ein Glas Wasser zu holen. Bin dort unerwarteterweise auf seine Frau gestoßen, die ich vorher noch nicht kannte. Eigentlich hätte ich es erwarten müssen, sie wohnt schließlich hier. Habe ich aber nicht. Sie hatte mich schon gehört, weglaufen wäre also idiotisch gewesen. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen und bin in die Küche gegangen. Mir fällt sowas wirklich schwer. Sie hat mir ein Glas Wasser gegeben, hab’s genommen und bin wieder gegangen. Sie hat mich nicht gefressen. Naja, das habe auch nicht wirklich angenommen, aber man weiß ja nie.

Ich mag das nicht. Ich komme mir wie ein Eindringling vor. Ich weiß, dass sie es beide nicht so sehen, aber ich fühle mich trotzdem störend. Ich weiß gar nicht, wie ich nochmal hier schlafen soll. Vielleicht sollte ich wach bleiben, bis ich wieder nach Hause fahre. Fahre vielleicht Morgen früh, wird wohl das Beste sein. Wieder 13 Stunden Fahrt. Ich habe Angst vor der Rückfahrt, wird bestimmt wieder schrecklich werden, aber was soll ich machen? Bin einerseits ganz froh, wenn ich endlich wieder zuhause bin. Will aber auch hier bleiben, weiß nicht, was ich will, was eventuell daran liegt, dass ich eigentlich gar nichts mehr will.

Franz meinte sein CD-Player hätte keine Repeat-Funktion. Ich habe gerade nachgeschaut. Am Player ist ein Knopf mit der Beschriftung „repeat“. Jedenfalls kann ich jetzt mein derzeitiges Lieblingslied „falling away from me“ von KoRn auf Endlosschleife hören.

Ich habe Magenschmerzen. Franz hat gekocht. Ich weiß nicht, ob es da jetzt einen ursächlichen Zusammenhang herzustellen gilt. Liegt aber wohl eher daran, dass mein Magen so regelmäßiges Essen gar nicht gewohnt ist. Zugenommen habe ich bestimmt auch schon. Naja, trotz der Magenschmerzen esse ich jetzt noch Schokolade, die ich aus meinem Koffer unter Einsatz meines Lebens (Haha!) gerettet habe. Damit ich meinen Schmerz so richtig schön genießen kann… Aber durch den Kaffee werden die Magenschmerzen eigenartigerweise besser. Irgendwie funzt mein Organismus anders als bei anderen Menschen. Franz meinte heute in den letzten 500 Jahren hätte es keinen Menschen gegeben, der mit so wenig Schlaf auskäme wie ich. Das halte ich dann doch für übertrieben, etwas zumindest.

03.01.2001, 12:45 h
Sitze wieder mal am Rechner von Franz‘ Frau. Mir bleibt ja nichts anderes, Franz pennt ja immer. Ja, manchmal wünsche ich mir auch, ich könnte so viel schlafen. Nicht, weil ich müde bin – gegen meine Müdigkeit hilft Schlaf alleine nicht – nein, weil es eine Möglichkeit wäre, wenigstens ein paar Stunden nicht nachdenken zu müssen, die Gedanken abzuschalten. Sofern sie mich nicht in meine Träume verfolgen. Aber wer hat in drei Stunden schon Zeit zum Träumen?

Irgendwie komme ich mir hier immer beobachtet vor. Was natürlich völliger Quatsch ist, weil mich hier kein Mensch beobachtet. Ist ja auch keiner da. Franz schläft (was sonst?) und seine Frau ist weggegangen. Aber ich fühle mich immer beobachtet, auch in meiner eigenen Wohnung, nur nicht so stark. Orwells 1984 hätte glatt von mir sein können, zumindest die Idee dazu. Die haben hier sogar einen Flügel und ich ärgere mich wiedermal, dass ich damals den Klavierunterricht so gehasst habe und nie übte.

Ja ja, bin schon fein aufgewachsen – teilweise zumindest. Klavierunterricht, Reitunterricht, humanistisches Gymnasium, regelmäßige Theaterbesuche… Zum kotzen! Zu Weihnachten schön einen auf heile Familie machen (ice würde das Rama-Familie nennen) und die niedlichen kleinen Kaninchen aufessen, die Klein-darki mit soviel Sorgfalt gehegt und gepflegt hat und die mich erkennen ließen, dass mein Großvater ein brutaler Mörder war. Naja, ganz so schlimm war er natürlich nicht, seine mörderischen Ambitionen beschränkten sich lediglich auf die Kaninchen zum Zwecke der Nahrungsaufnahme, diverses unerwünschtes Kleingetier innerhalb des Hauses und halbtote Fische aus dem Gartenteich, denen er voller Gnade das letzte bisschen Leben aushauchte um sie vom langen, qualvollen Krepieren zu erlösen. Selbstredend, dass ich Kaninchen, deren Namen ich kannte, nicht zum heiligen Fest der Liebe verspeisen konnte. Prinzipiell mag ich Kaninchenbraten gerne, aber ich esse nunmal nichts, dessen Namen ich kenne, was noch lebt oder was mich anguckt. Ich war mal bei einem Spanferkelessen eingeladen und saß am Kopfende des Tisches. Wobei Kopfende hier wörtlich zu nehmen ist, da das Ferkelchen in einem Stück auf dem Tisch lag, die niedliche Steckdosen-Nase in meine Richtung. Ich fühlte mich von dem Tier beobachtet, obwohl die Augen aufgrund der Hitze bei der Zubereitung sich verflüssigt hatten und in das Innere des Schädels gelaufen waren; gegessen habe ich es nicht.

Die Kehrseite der Rama-Familien-Medaille sieht schon ein wenig anders aus. Damals, als ich in die dritte Klasse der Grundschule ging und für ein Jahr bei meiner Mutter wohnen musste, weil mich meine Großeltern doch nicht haben wollten (ich war ihnen zu anstrengend). Da gab es dann den krassen Gegensatz zu den Völlereien im heimischen Reihenhaus mit dem Spielplatz vor der Türe.

Oh, da war ich schon auch einmal auf einem Spielplatz – bis mich die Polizei um 22:30 h nach Hause brachte, verwundert darüber, dass kein Mensch das neunjährige Mädchen vermisst, dass da heulend auf der Rutsche saß, weil es wieder einmal seinen Schlüssel verloren hatte und daheim eh nie jemand war; während die Mutter des Mädchens sich lieber in dunklen Spelunken rumtrieb und durch die Gegend hurte, um ein Essen in einem Nobel-Restaurant oder einen Urlaub bezahlt zu bekommen. Und wenn das Mädchen sagt „hurte“, weiß es wovon es spricht, weil man in einer 1-Zimmer-Wohnung nunmal nicht geheimhalten kann, wenn man mit zwei Typen nach Hause kommt und bei dem, was man dann tut, nicht gerade leise ist. Und das neunjährige Mädchen wusste, was sie da tun, sie weiß nur nicht woher. Vielleicht hätte sie es eher akzeptieren können, wenn wenigstens was Essbares im Haus gewesen wäre und sie nicht so manches Wochenende hungernd alleine in der Wohnung verbracht hätte. Allein mit dem Ekel vor der eigenen Mutter und den Abscheulichkeiten, die diese ihr zu sehen und zu hören gab; unbewusst und unbedacht, klar, aber das machte es nicht besser. Eher im Gegenteil, weil es nur erkennen ließ, dass man nicht erwünscht war und schnell in Vergessenheit geriet. Schade, dass das neunjährige Mädchen nicht gelernt hatte zu verzeihen. Es hätte der Mutter sicherlich auch verziehen, dass diese ihr immer nur vorwarf, dass es überhaupt lebte. Vielleicht hätte die Mutter damit aufgehört, wenn das Mädchen ihr erzählt hätte, dass es nächtelang wach lag und träumte, wie die Welt wohl wäre, wenn es nie geboren worden wäre oder stürbe…

03.01.2001, 20:15 h
War es heute? Oder gestern? Ich weiß es nicht, kann nicht mehr einsortieren, wann was gewesen ist. Jedenfalls fiel mir wieder ein, wie ich damals vor Gericht stand. Ja, meine Eltern liebten mich. So sehr, dass sie mich vor Gericht zerrten um darüber zu streiten, wo ich meine Sommerferien verbringe. Und so sehr, dass ich wieder aus der Rama-Familien-Idylle in die kalte 1-Zimmer-„Du bist hier nicht erwünscht“-Realität nach München umziehen musste. Und dann auch noch die Klosterschule. Ich war die einzige Schülerin aus geschiedener Ehe. Teufel auch! Das war echt too much für die guten Nonnen. Ach nein, C.T. ist ja auch aus geschiedener Ehe, allerdings ist die Mutter Architektin und der Vater Rechtsanwalt und die großzügigen Spenden für das Kloster machten C.T. zur beliebten Schülerin und nur mich zur unerwünschten Außenseiterin bei der Lehrerschaft und (um den Notenschnitt aufzubessern) auch bei den meisten Schülerinnen. Das morgendliche Ave-Maria-Gesinge und den wöchentlichen Gottesdienst hab ich relativ schadlos überstanden bis zur Firmung, als den zahlreichen Gattinnen Gottes auffiel, dass ich nicht zur Kommunion gegangen war. Schock! Ein Aufschrei ging durch die Reihen entrüsteter Christinnen und meine Tage auf der Klosterschule waren gezählt. Meinen ohnehin nicht wirklich vorhandenen Glauben an Gott haben sie mir völlig ausgerottet. Als ich kleiner war dachte ich schon immer, dass dieser allmächtige und grenzenlos gütige Übervater entweder nicht existent sein kann oder mich schlicht übersehen hat, was wiederum in meine kindliche Theorie passte, dass mich nie jemand freundlich beachten würde und es keinem, aber auch wirklich keinem, nicht einmal Gott, auffallen würde, wenn ich nicht mehr da sei bzw. gar nicht erst existiert hätte.

04.01.01, 0:30 h
Morgen früh fahre ich wieder. Hm, wird schwierig. Will nicht fahren, will aber auch doch, weiß selbst nicht, was ich will. Ist schon gut, dass ich nicht selbst entscheiden muss, wann ich fahre. Die Fahrt wird bestimmt schrecklich. Aber ich kann ja schließlich nicht für den Rest meines Lebens hier bleiben. Obwohl das – so wie ich mich jetzt gerade fühle – auch nicht mehr lange sein wird. Wenn es doch nur nach mir ginge… Aber tut es ja nicht, nicht nur nach mir, da ist ja noch Schatzi. Tja, hätte sie schon wieder fast vergessen, fast… Ist doch alles scheiße irgendwie. Was bringt’s mir noch? Es quält nur noch. Selbst Momente wie hier, in denen ich wirklich gelacht habe, machen manches angenehm, lassen aber nie ganz vergessen. *seufz*

Fuck!

ich mag nicht mehr
ich will nicht mehr
ich kann nicht mehr

mag nicht mehr können
kann nicht mehr wollen
will nicht mehr mögen

Es gibt Momente, in denen ich sofort sterben würde, egal, ob Kind oder nicht, wenn die äußeren Umstände es zuließen. Warum bin ich jetzt hier? Warum?! Das kann ich doch nicht tun, oder? Wohl kaum. Keine Kraft mehr…

(Titelbild: Matthew Field)