Auf zur Insel!

Es ist 3:45 h, in 45 Minuten kommt J. mich abholen, ich muss noch duschen und habe zu nichts Bock. Mit einer Mischung aus Reisefieber und nicht von daheim weg Wollen habe ich die ganze Nacht gebügelt, gechattet und meine Tasche gepackt. Nun ja, ich wasche mir die Blondierung aus, gehe endlich duschen. Es fängt an wie aus Eimern zu regnen, die Kontaktlinsen müssen noch in die Augen gefummelt werden, meine Hände zittern, Vorfreude macht sich breit. J. klingelt, mein Nachbar und C. schleppen Kind und Reisetaschen ins Auto, es geht los…

Der Hund liegt im Drogenrausch hinten im Wagen, Schatzi muss sich die Rückbank mit den Taschen teilen und ich gegen den Regen kämpfen, der mir die restliche Sicht nimmt, die meine Nachtblindheit mir noch lässt. Natürlich hatte ich etwas vergessen, ich hatte keine Straßenkarte gekauft, vorhin noch auf die Schnelle meinen Microsoft Routenplaner installiert, unsere Strecke ausgedruckt und den Wisch kaum eines Blickes gewürdigt in die Tasche mit dem Proviant gestopft. Lediglich die angegebene Fahrzeit von 5 Stunden und 33 Minuten fiel mir auf und erschien mir viel zu lang. Als J. nun vorliest wie wir fahren müssen, erzählt sie ständig was von Bundesstraßen. Bundesstraßen? Offensichtlich hat sich zu den Bill-Gates-Untertanen noch nicht rumgesprochen, dass dieses Land über 11.368 Autobahn-Kilometer verfügt. Eigentlich müsste ich die Strecke ja kennen, bin sie früher jede Nacht gefahren, als ich noch im Schlachthof arbeitete. Aber das ist lange her, war noch bevor ich Schatzi bekam, und seither hat einiges mein Gedächtnis wieder verlassen.

Alles Hirnzermartern hilft nichts, weswegen ich das in Bottrop dann auch aufgebe und eine Karte kaufe. Abgesehen vom nicht enden wollenden Regen, der die Fahrt für meinen Geschmack zu langsam macht, und unzähligen Baustellen verläuft die Fahrt ruhig. Der Hund verzichtet Dank der Drogen auf das sonst nervende Rumgefiepe und Schatzi schläft weitgehendst. Ab und zu ertönt ein müdes Stimmchen aus dem Off, um zum x-ten Mal mit der gleichen Frage nach der bevorstehenden Schifffahrt und dem vor Helgoland üblichen Ausbooten.

Hinter Bremen wird es hell und trocken. Jetzt geht es nur noch geradeaus nach Cuxhaven, dem Meer entgegen und an die technischen Grenzen der 90 PS, die unter der Motorhaube des Corsa dröhnen.

Die Atlantis

Die Atlantis, Wandmalerie an einem Helgoländer Wohnhaus

Die Atlantis legt ab und mir wird schlecht. Allerdings handelt es sich hierbei um eine psychosomatische Übelkeit, in Memoriam meines Helgoland-Trips vor 12 Jahren. Seinerzeit herrschte bei der Überfahrt Windstärke 9 und während der 3,5-stündigen Reisezeit haben vermutlich mehr Menschen ihren Mageninhalt Revue passieren lassen als am Eröffnungsabend auf dem Münchner Oktoberfest. Noch sind wir auf der Elbe, noch ist die See ruhig und so wie es aussieht wird sich daran auch nichts ändern. Außerdem haben wir Reise-Tabletten genommen, die zumindest nebenwirken, was sich an der Müdigkeit, Mundtrockenheit und den Magenschmerzen erkennen lässt.

Es ist 11:00 h und nach nur 6,5 Stunden habe ich die Schnauze voll von diesem Urlaub. Eigentlich nur von meiner Tochter, die die schlechteste Laune hat, die ein präpubertäres Mädchen überhaupt haben kann. Nach einer 20-minütigen, völlig sinnlosen Diskussion spreche ich die pädagogisch absolut wertlose und außerdem völlig idiotische Drohung aus, dass sie den ganzen Urlaub im Apartment verbringen wird, wenn jetzt nicht endlich Ruhe ist. Ich glaube ich bin übermüdet und leicht gereizt. Anlass für das Mutter-Tochter-Drama war ihr T-Shirt, dass unter dem Pullover rausguckte. Nun ja.

Der Himmel ist grau, den ganzen Tag schon. Keine Schattierungen durch Wolkendichte, kein Sonnenstrahl, keine Veränderung, nichts. Das gleiche grau seit dem Hellwerden, als sei das Wetter stehen geblieben. Passend dazu präsentiert sich die Nordsee in grüngrau, vereinzelt tanzt weiße Gischt auf den Wellen. Seit über einer Stunde das gleiche eintönige Bild, zweigeteilt, blaugrau die obere, grüngrau die untere Hälfte. Die Land- oder besser gesagt Wasserschaft ist öde.

Wir sind auf Höhe der Vogelschutzinsel, Zeit für einen Keks. Aber Proviant-Meister J. wird unverschämt. Hat sie bisher auf jedes „Ich will Kaffee“, „Ich will ein Brot“ und sonstige Ichwills prompt reagiert, kontert sie auf mein soeben geäußertes „Ich will einen Keks“ mit „Nee, gibt’s jetzt nicht“ in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Frechheit! Aber darki wäre ja nicht darki, wenn es sich nicht darki-mäßig benehmen könnte, und so quengele ich so lange rum, bis ich auf ein x-tes „Ich will aber jetzt ’nen Keks“ die ganze Packung bekomme.

J. und Schatzi sind müde, mir ist langweilig. Ich schreibe meine Erinnerung an meinen ersten und einzigen Segeltörn auf.

Ich hätte den Keks besser doch nicht essen sollen, mir ist übel. Der Kakao macht es auch nicht besser, meine Speiseröhre droht die Einbahnstraßen-Regelung aufzuheben. Aber gutes Zureden hilft vorläufig. Ich beneide den „See“-Hund, der immer noch völlig down durch die tierärztlich verordneten Tranquilizer unterm Tisch liegt. Vielleicht hätte ich auch zum Veterinär gehen sollen, dann könnte ich jetzt auch dieser Leck-mich-am-Arsch-Einstellung frönen statt gegen Übelkeit zu kämpfen. Meine Tochter hält den Kopf die ganze Zeit schief, hat im Auto auf den Taschen geschlafen und nun eine Nackenverspannung. Ist wirklich unangenehm, hatte ich auch schon öfter, ganz extrem einmal vor 5 Jahren.

Das Ausbooten bleibt J. und ihrem Hund erspart, da die Atlantis nach 2,5 Stunden Fahrt im Südhafen von Helgoland einläuft. Die Freude hierüber war aber einseitig und währte auch nur von kurzer Dauer. Ich mag das Ausbooten, es gehört zu Helgoland wie die Hummerbuden, der Leuchtturm, die Lange Anna und die Düne. Darüber hinaus hat es den entscheidenden Vorteil, dass die Börte-Boote an der Landungsbrücke anlegen, von dort aus sind es lediglich fünf Gehminuten zum Fahrstuhl, dem einzigen öffentlichen Verkehrsmittel der Insel, mit dem man auf das Oberland gelangt. Vom Hafen aus brauchten wir jedoch mit nervigem Kind, hektischem Hund und schätzungsweise drei Tonnen Gepäck etwa 30 Minuten. Kurz vor dem körperlichen Zusammenbruch nahmen wir die zehn Minuten Wartezeit gerne in Kauf. Innerlich verfluchte ich die Blödbacke, die unbedingt auf dem Oberland wohnen wollte.

Irgendwann kamen wir dann aber doch noch oben an. Ich wies meinen gesamten Anhang an am Fahrstuhl zu warten und machte mich auf die Suche nach dem Hotel Panorama, wo ich den Schlüssel zu unserem Apartment in Empfang nehmen sollte. Ohne Anflug einer Ahnung, wo ich hin muss, laufe ich Am Falm entlang bis zum Café Krebs. Etwas spät aber immerhin kommt mir die schlaue Idee einen Eingeborenen zu fragen. Ich gehe in einen der zahlreichen Touristen-Shops. „Direkt gegenüber vom Fahrstuhl.“, lautete die Antwort. Na toll! Ich latsche zurück und betrete das Hotel. Während ich auf den Schlüssel warten muss, betrachte ich die Hummer im Bassin, die auf der Speisekarte für 16.50 DM pro 100 Gramm „zum Aussuchen“ angeboten werden. Ich mag Hummer nicht. Außerdem bin ich zu sehr Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts um beim Essen den Bezug zwischen meiner Nahrung und lebenden Tieren herzustellen. Schatzi ist nicht anders, ein Schwein würde sie niemals essen, aber Schnitzel liebt sie.

Die freundliche Dame kommt mit dem Schlüssel und einem jungen Mann, der uns zum Apartment begleiten soll, wieder. Endlich brauchen wir die schweren Taschen nicht mehr zu tragen. Ich nehme mir den viel leichteren Rucksack, schnappe mir den Hund und wir trotten hinter ihm her. Er scheint jeden hier zu kennen, grüßt hier, ruft dort ein paar Worte zu. Nun ja, angesichts der geringen Einwohnerzahl ist anzunehmen, dass hier jeder jeden kennt.

Das Apartment ist klasse! Im Schlafzimmer steht ein 3-Meter-Kleiderschrank, ein Doppelbett und ein Beistellbett, eigentlich für Schatzi, wird aber von uns zweckentfremdet. Das Wohnzimmer ist mit Buche-Laminat ausgelegt, blauer Couch, einem Sideboard, TV nebst Receiver und geschmackvollen Bildern an den Wänden eingerichtet. Neben der üblichen Einrichtung befindet sich in der Küche ein Esstisch, außerdem Toaster, Kaffeemaschine, Eierkocher, Wasserkocher, Tee-Ei – alles was wir brauchen werden.

Beim Auspacken meiner Taschen frage ich mich, welches Gen wohl dafür verantwortlich sein mag, dass Frauen für einen Wochenend-Trip drei Koffer brauchen, während Männer problemlos das Gepäck für eine Vier-Wochen-Safari in einem Rucksack verstaut bekommen. Mindestens die Hälfte von dem ganzen Kram werde ich vermutlich eh unberührt wieder nach Hause schleppen. Wie zum Beispiel Handtücher, Fön, Dosenöffner (war J.s Idee) und diverser Kleinkram, den wir sicherheitshalber mitnahmen, der aber vorhanden ist und den ich gleich in meiner Tasche lasse. Nach jedem zweiten Gegenstand, den ich ans Tageslicht ziehe, steckt der Drogenhund – mittlerweile restlos vom Trip runter – seine Sabberschnauze in meine Taschen um sich persönlich davon zu überzeugen, dass ich wirklich nichts Leckeres darin versteckt habe. Alle zwei Minuten scheuche ich das nervige Tier aus dem Schlafzimmer und nach jeweils einer Minute ist es wieder da. Zwischendurch beteiligt sich das ebenso nervige Kind auch noch an dem lustigen Wir-trampeln-auf-darkis-Nerven-rum-Spiel, zeitweise unterbrochen durch eine Runde Blöd-im-Weg-rumstehen. Im kasernenmäßigen Kommandoton schmeiße ich alle beide raus, restlos entnervt mittlerweile.

Nach einer Stunde ist das auch überstanden. Wir gehen einkaufen und können anschließend endlich einen Kaffee trinken und die Glieder auf der Couch ausstrecken. Ich bin saumüde, Urlaub machen ist verdammt anstrengend, meine Augen fallen langsam zu.

Irgendetwas schnüffelt an mir rum und drückt mir seine feuchte Nase ins Gesicht. Igitt! Den Hund stört weniger die Tatsache, dass ich schlafe, als der Umstand, dass ich dafür die gesamte Couch in Anspruch nehme – Grund genug für ihn mich wach zu machen. Na ja wach … Ich weiß nicht, ob man nach 24 Stunden wachsein und anschließendem 1,5-Stunden-Schlaf meinen Zustand als „wach“ bezeichnen kann. Jedenfalls nehme ich meine Umwelt wahr – wenn auch widerwillig. J. hat Tee gemacht, ich will Kaffee. Sie kocht ihn und ich will Wasser. Außerdem brauche ich einen Aschenbecher. Ich glaube ich bin etwas quengelig. J. hat bereits Salat gemacht, nur die Hauptspeise fehlt noch. Ich bin viel zu müde zum Kochen. Zudem koche ich seit sechs Jahren für sie, da kann sie das ruhig auch einmal machen. Da nützt auch der Einwand, sie wüsste nicht wie das geht, nichts; auf dem Essen steht drauf wie es zubereitet wird.

Lange sind wir nicht mehr wach. Kaputt, müde und satt falle ich ins Koma.