Insel-Feeling

11 Stunden dauerte das Koma an. Jetzt tut mir alles weh. Aber zum Jammern sind wir nicht hier. Die müden Knochen werden mit einer heißen Dusche wieder halbwegs funktionsfähig gemacht. Erst färbe ich mir aber noch blaue Kleckse in die Haare. Bin ich eigentlich der einzige Mensch, der am ersten Urlaubstag nichts besseres zu tun hat als sich die Haare zu färben? Das Öko-Produkt aus England, nicht im Tierversuch getestet, namens „Atlantic Blue“ macht sich gut in meinen Haaren.

Eigentlich dachte ich, meine Urlaubsplanung wäre bis ins letzte Detail perfekt. Zwei Kleinigkeiten hatte ich allerdings übersehen. Auf meiner Handy-Karte ist kein Guthaben mehr. Seit Romeo nicht mehr im Telephon-Laden arbeitet, ist mein Bestand an Prepaid-Karten stark zurück gegangen. Am sofortigen Neukauf hindert mich die andere Kleinigkeit: Wir haben keinen Pfennig Geld mehr. An alles hatte ich gedacht, nur nicht an Geld. Für Milch, Brot und Salat haben wir gestern unser letztes Kleingeld zusammen gekratzt. Außerdem habe ich zwar meinen Photoapparat aber keine Filme dabei. Somit steht die Planung für den heutigen Tag fest.

Heute Morgen hatten J. und ich unsere erste Meinungsverschiedenheit. Während ich ständig lichtscheu und frierend den Zustand „Fenster und Vorhänge zu, Heizung an“ bevorzuge und dies jammernd und wimmernd kundtue, außerdem noch unterstreiche indem ich mir die Decke bis zu den Ohren ziehe, als sie irgendwas von lüften faselt, motzt sie völlig mitleidlos „Zombie!“ und reißt die Vorhänge und das Fenster auf. Urlaub sollte man nur mit Gleichgesinnten machen.

Gegen 14:00 h wagen wir es dann doch meinen Körper der Frühlingssonne auszusetzen. Den touristischen Scheiß haken wir heute gleich ab, machen einen Geldautomaten ausfindig und kaufen den Film für die Camera. Auf die Telephon-Karte muss ich noch warten, die gibt es bei der Post und diese hat sogar auf Helgoland sonntags zu. Mittlerweile weiß ich auch meine Geheimzahl auswendig, habe allerdings immer noch leichte Panikanfälle, die ich seit ich den Zettel mit der Geheimzahl in irgendeiner Jeans mitgewaschen habe immer bekomme, wenn ich am Geldautomaten stehe. Das leidige Kapitel „Kitschpostkarten an jene verschicken, die welche erwarten“ haben wir auch abgehandelt.

Der Hund fühlt sich hier sauwohl. Wie ein Welpe hüpft und springt er an der Leine ständig um uns herum. An jeder Mauer springt er hoch um zu sehen, was dahinter ist. Kaum noch zu halten ist er, wenn er Wasser sieht. Wer schon mal auf Helgoland war, kann sich vorstellen, was das bedeutet. Man kann hier kaum fünf Schritte gehen ohne das Meer zu sehen.

Nachmittags lassen wir ihn schwimmen. Begeistert rennt er aufs Wasser zu, springt hinein und nimmt – wie immer – einen kräftigen Schluck. Leider war ich mit der Camera zu weit weg um das blöde Gesicht der Nachwelt zu erhalten; Salzwasser kannte der Hund noch nicht.

Abends räumen wir erst einmal die Möbel im Appartement um. J. und Schatzi schlafen im Doppelbett im Schlafzimmer und ich auf der Couch. Der Hund bekommt das Beistellbett, welches wir zu mir ins Wohnzimmer schleppen. Etwas Denkwürdiges geschieht, was uns nach unserer Heimkehr kaum jemand glauben wird, der diesen hyperaktiven Hund kennt: Als ich nachts die letzte Runde mit ihm gehen will, brauchen wir mehrere Minuten um ihn wach zu bekommen. Das gab’s noch nie und bestätigt den Insel-Slogan „Auf Helgoland ist alles anders“.

Na ja, nicht alles … J. hatte zunächst Bedenken, mich mit dem Hund gehen zu lassen. Dank der Depressionen, die mich seit dem Wohnungsbrand im August 2000 nicht mehr loslassen wollen, hat sie ständig Angst, ich würde einen Mord an mir selbst verüben. Ich beruhigte sie, dass ich nicht vorhabe, mich die steil abfallende Felsenküste von rund 50 Metern Höhe runter zu schmeißen. Und falls doch würde ich wenigstens den Hund vorher anbinden.

Als ich mit dem Hund durch den Regen spazierte, blieben wir des öfteren stehen, einmal machte ich den Hund fest, kletterte über die Absperrungen und schaute die Felsen hinunter und fragte mich, wie es wohl wäre wenn … Mir ging durch den Kopf, dass J. eine Menge Probleme am Hals hätte, würde ich jetzt sterben. Die Unterkunft ist noch nicht vollständig bezahlt, vermutlich hat sie noch nicht einmal genug Geld, um das Parkhaus und das Benzin für die Rückfahrt zu bezahlen. Pragmatisch bis in den Tod, ich musste lachen, ging zum Hund zurück und wir wanderten weiter.

Die Lange Anna

Die Lange Anna

Am Aussichtspunkt angekommen, von dem aus man den besten Blick auf die Lange Anna hat, blieb ich eine ganze Weile stehen, genoss den kräftigen Wind und betrachtete nachdenklich den einsamen Felsen, der aus dem Wasser ragte. Abgetrennt von der Insel steht er da, wirkt hart, unzerbrechlich, unnahbar, unerreichbar, gleichzeitig einsam und allein, da die Verbindung zu den übrigen Felsen fehlt. Mauern sollen ihn vor dem Zerfall schützen, der durch die starke Brandung im Laufe der Zeit nicht aufzuhalten ist. Aber diese Mauern schützen nur bedingt, halten nur Grobes ab, die Zerstörung ist verlangsamt und dennoch stetig. Der Felsen wird irgendwann verschwunden sein, es ist nur eine Frage der Zeit.

Wir gingen weiter. Gerade an der Langen Anna vorbei, sprangen plötzlich mehrere Gestalten auf der dem Meer zugewandeten Seite des Weges auf und rannten davon. Ich habe mich fast zu Tode erschrocken, während der Hund an der Leine zerrte und seinen Jagdtrieb ausleben wollte. Die Gestalten waren Schafe. Um mir eine nervenaufreibende Schaf-Hund-Konfrontation zu ersparen, kehrte ich um und wir gingen langsam wieder zurück.

Auch im Urlaub lässt sich ein gewisser Alltag nicht vermeiden. Jeden Morgen wache ich gegen 8:00 h auf, und sämtlich Versuche wieder einzuschlafen scheitern am Hund, der jedes Zucken sofort registriert – und sei es nur das vorsichtige Öffnen eines Augenlides. Seine Freude über mein Wachsein bringt er sodann zum Ausdruck indem er mir zur Begrüßung seine nasse Nase ins Gesicht drückt und mir gähnend seinen hundetypischen Mundgeruch ins Gesicht haucht. So eklig-liebevoll beginnt hier jeder Morgen für mich.

Warum ich hier einen durchaus gesellschaftsfähigen Schlafrhythmus habe, ist mir schleierhaft und lässt sich wohl auch nur durch den Slogan „Auf Helgoland ist alles anders“ erklären. Aber egal, ich nehme es als gegeben hin und quäle mich von der Couch, schleppe mich in die Küche und koche Kaffee um meinen Organismus in einen funktionstüchtigen Zustand zu versetzen. Gegen 8:45 h kommen erst Schatzi und dann J. schlaftrunken ins Wohnzimmer getorkelt. Wir trinken in aller Ruhe zusammen Kaffee bzw. Kakao und vertrösten in regelmäßigen Abständen den nervtötenden Hund mit einem „Wir gehen ja gleich“ (man glaubt gar nicht, wie genervt ein Hund aussehen kann, wenn er diesen Satz zum x-ten Mal hört). Gegen 10:00 h kann ich mich endlich aufraffen, ziehe meinen Trainingsanzug an und gebe dem Hund damit ein eindeutiges Zeichen, in totale Hektik auszubrechen. Er springt rum, rennt hin und her, sabbert jeden voll und zappelt wie blöd, wenn man ihm das Halsband anziehen will.

Hera

Hera

Sobald wir draußen sind, ist er wieder ganz lieb und solange die Schafherde außer Sichtweite ist, lasse ich ihn ohne Leine laufen. Jeden Morgen spazieren wir einmal um das Oberland. Auf Höhe der Vogelwarte ist meist auch die Schafherde um diese Zeit und ich leine den Hund wieder an. Dann gehen wir am Friedhof vorbei zum Bäcker und holen Brötchen. Nach etwa einer Stunde sind wir wieder im Apartment, wo der Frühstückstisch bereits gedeckt ist und es nach frischem Kaffee duftet.

Tagsüber unternehmen wir jeden Tag etwas, gehen spazieren, lassen den Hund schwimmen, schauen uns alles an, was es auf der Insel zu sehen gibt. Ich habe hier in vier Tagen mehr Bewegung als in den letzten vier Monaten. Abends kochen wir für uns. Eigentlich wollten wir auch Essen gehen, aber als kulinarische Banausen haben wir uns dann gegen Fisch und für Pommes Frites entschieden. Nachts gehe ich die letzte Runde mit dem Hund, jede Nacht noch einmal über das Oberland. Zeit des Alleinseins, die ich brauche und auf meine Art genieße. Das Rauschen des Meeres, das Surren des Leuchtturms, der mit seinem Leuchtfeuer in regelmäßigen Abständen die hügelige Landschaft abtastet, der Wind weht mir um die Nase, der Himmel ist so klar, wie er nur auf hoher See sein kann, ich mag diese Momente, in denen ich alles vergessen oder auf mich einstürmen lassen kann.

Wer hier eine spannende Erzählung eines ereignisreichen Urlaubs mit vielen Kuriositäten erwartet hat, für den tut es mir leid ihn enttäuscht zu haben. Wir sind hergekommen um ein paar Tage Ruhe genießen zu können, ausspannen, Tapetenwechsel, den Alltag hinter 70 Kilometern Wasser zurücklassen.