Mit dem Kinderzimmer ins Büro

Ich musste ins Büro und das darkinchen, mittlerweile deutlich schwangerer als noch vor ein paar Wochen, braucht langsam aber sicher ein Kinderzimmer. Das hatten wir beim letzten Besuch beim freundlichen Möbelhändler hier in Weiterstadt ausgesucht und anbezahlt und konnte jetzt abgeholt und in die niederrheinische Zuckerrübenstätte gebracht werden. Das kann man prima kombinieren.

Sonntagmorgen machte ich mich mit dem vollgepackten SUV auf den Weg. Sonntags fahren ist recht angenehm, die Straßen sind leer, das Wetter war zudem gut, Musik laut und Tempomat auf 108 km/h. Chillig glitt ich in der Reisschüssel Richtung Nord-West. Es ist interessant, von wem man alles bei dieser Geschwindigkeit überholt wird: Lkw jeder Größer und Herkunft, Pkw mit Anhänger (mit und ohne 100er-Aufkleber hinten drauf), Reisebussen usw. Aber das nur am Rande, an sich lief nämlich alles glatt bis Frechen. Da machte ich nochmal eine kurze aber dringend notwendige Pause.

Frechen ist eine eher unschöne Raststätte. Während sich allgemein auf bundesdeutschen Raststätten ja einiges getan hat, seit ich meinen Fühererschein besitze, und die meisten sich vom Schmuddel-Etablissement zum akzeptablen Aufenthaltsort gewandelt haben, ist Frechen irgendwie schmuddelig geblieben. Die Tatasche, dass der ganze Parkplatz voller Lkw stand, die ihn durch ihre schiere Größe ziemlich unübersichtlich machten, machte es nicht besser. Aber die Situation für Lkw-Fahrer nachts und am Wochenende auf bundesdeutschen Autobahnen ist ja auch wieder ein ganz eigenes Problem – und glücklicherweise nicht meins. Ich ging erst einmal auf Toilette, nachdem ich sie gefunden hatte. Ich war nämlich auf der falschen Seite der Tankstelle gelandet und im Gegensatz zu den meisten Autobahntankstellen ist das Gebäude in Frechen nicht von beiden Seiten zu betreten. Wenn man an der Rückseite steht, muss man einmal drumrum laufen. Nachdem ich endlich alles gefunden und erledigt hatte, trabte ich zu meinem Auto zurück, um den letzten Teil der Reise anzutreten.

Die Auffahrt auf die Autobahn gestaltete sich nicht ungefährlich, denn da, wo der Beschleunigungsstreifen begann, parkten ebenfalls Lkw. Und einer davon hatte die Fahrertür, die natürlich zur Fahrbahn zeigte, sperrangelweit geöffnet, während der Fahrer darin herumkletterte und irgendwas suchte oder ordnete oder was-weiß-ich-was tat. Zwar konnte ich nur in Schrittgeschwindigkeit vorbei, um nicht mit Hilfe seiner Tür ein Cabrio aus meinem Auto zu machen, aber erkennen konnte ich trotzdem nicht, was der Typ da tat, ich sah ja nur seine Füße rausgucken. Also in Schrittgeschwindigkeit um Lkw-Türe gekurvt und dann das Gaspedal durchtreten, um am Ende des Beschleunigungsstreifens auch schnell genug zu sein. Anschließend fädelte ich mich wieder mit gemütlichen 108 km/h auf dem rechten Fahrstreifen ein.

Nach einer Weile, nämlich am Autobahnkreuz Kerpen, fiel mir auf, dass das Navi mir nicht befahl, rechts abzubiegen, und außerdem ein mir unbekanntes Symbol anzeigte, wo sonst der Richtungspfeil zu sehen war. Ich drückte in Info-Knopf, der normalerweise dazu dient, sich die letzte Ansage noch einmal anzuhören. „Im Moment können keine Fahrempfehlungen gegeben werden“, oder so ähnlich lautete der Text. Na toll, das Navigationsgerät hatte die Orientierung verloren! Ich musste die niederrheinische Zuckerrübensteppe auf eigene Faust finden. Ich bog auf die A 61 ab. Da ich nicht nach Aachen wollte, war die Richtung schonmal unstrittig. Ich hätte notfalls auch noch herausgefunden, bei welcher Abfahrt ich die Autobahn verlassen muss. Aber das Dorf, in dem das darkinchen vor sich hin vegetiert, hätte ich wohl nie im Leben gefunden. Zumal zwischen mir und dem Dorf ja auch noch der Tagebau Garzweiler lag, der ursächlich dafür verantwortlich war, dass in der Gegend ständig an Autobahnauf- und -abfahrten sowie Land- und Umgehungsstraßen gebaut wurde. Das sieht dort bei jedem Besuch irgendwie anders aus. Aber bevor ich im Tagebau verloren ging, kam ich auf die Idee, die Navigation einmal zu beenden und neu zu starten. Und siehe da, Navi wusste wieder, wie wir fahren müssen.

Navi wusste allerdings nicht, dass es zwischen der Autobahnabfahrt und dem darkinchen eine der oben erwähnten neuen Umgehungsstraßen gibt. Und so wähnte es sich in dem Glauben, wir würden quer über den Acker zu unserer eigentlichen Route fahren.

Beim darkinchen endlich angekommen, luden wir erstmal das Auto aus. Dann gab es Kaffee und anschließend nähten wir noch ein Kleid um, dass die sich neu gekauft hatte. Schwangerenmode scheint ziemlich an die Veränderungen in unserer Gesellschaft angepasst zu sein und wirkt etwas altbacken heutzutage. Sind halt viele Frauen erst mit Mitte 30 und älter schwanger und so sehen die Kleider auch aus. Aber nachdem man ein paar Zentimeter abgeschnitten hat, kann man die Fetzen auch als Twentysomething anziehen. Also machten wir uns ans Werk.

Später belohnten wir uns für die erledigte Arbeit mit Lasagne und anschließend spielten wir noch SkipBo und Kniffel. Dann gingen wir ins Bett.

Um 5 Uhr klingelte der Wecker vom Lebensabschnittsgefährten des darkinchens. Ich war wach – als einzige übrigens. Nach einer Weile ertönte der zweite Wecker in Form eines Radios. Die Ärzte gröhlten um 05:10 Uhr „Hip Hip Hurra! Alles ist super, alles ist wunderbar!“ durchs Haus. „Geil!“ entfuhr es mir, was die Katze des Hauses auf den Plan rief. Der Kater kam zu mir gelaufen und baute sich mit seinem plüschigen Fell vor meinem Bett auf, um einen frühmorgendlichen Staring-Contest zu starten. Nach diesem Frühsport quälte ich mich aus dem Bett und begab mich nach unten. Nun stand auch der Herr des Hauses auf, machte sich fertig und fuhr zur Arbeit. Gegen 6 Uhr kam dann das darkinchen in die Küche gewankt.

Wir unterhielten uns noch ein bisschen, ich trank Kaffee und wir machten uns fertig. Das darkinchen wollte beim Discounter im Dorf eine Fliegengittertür für die Terrassentür kaufen, die dort diese Woche im Angebot ist. Und da das arme Kind derzeit autolos ist, umständehalber (haha) schlecht zu Fuß ist und selbst das eigene Gewicht nur dann tragen darf, wenn es nicht anders geht, hatten wir beschlossen, direkt um 8 Uhr dorthin zu fahren, bevor ich mich auf den Weg ins Büro machte. Ich schrieb daher meine Kollegin noch eine Nachricht, dass ich mich deswegen etwa eine halbe Stunde verspäten würde. Dann konnten wir los.

Wir mussten einmal quer durchs Dorf, was von den Einheimischen nicht unbemerkt blieb. An einer Bushaltestelle saß ein alter Mann, der meinem Auto mit einem: „Jetzt fahren die Stadtmenschen mit ihren SUVs auch noch durch unser Dorf!“-Blick nachschaute. Beim Discounter stand eine Menschtraube vor der Türe. Unglaublich! Bestimmt 15 Leute standen da und warteten auf Einlass. Die Türen öffneten sich, als wir gerade das Auto abstellten. Wir holten alles, was wir dort holen wollten. Dann fuhr ich das darkinchen und sein Fliegengitter nach Hause zurück, trug noch die Einkäufe ins Haus und machte mich auf den Weg in die Niederrhein-Bronx.

Der Weg dahin war nicht ganz so einfach, wie die ruhige Fahrt am gestrigen Sonntag. In NRW streikt heute unter anderem der öffentliche Nahverkehr. Meine Meinung zu solchen Streiks ist keine gute. Die Leidtragenden eines Streiks sollten die Arbeitgeber sein. Bei diesen Streiks stellt sich die Situation aber immer anders dar. Bei allem Verständnis für die Mitarbeiter, aber die eigene Situation verbessern, indem man die Situation von anderen verschlechtert, ist in meinem Augen sehr schlechter Stil. Aber das nur am Rande. Obwohl ich nicht mit dem ÖPNV unterwegs bin, bin ich jetzt eine Leidtragende des Streiks. Alle Autobahnen sind dicht. Im Radio werden mehrere Hundert Kilometer Stau in ganz NRW gemeldet. Irgendwann entschließe ich mich, das nicht mehr mitzumachen und fahre von der Autobahn runter und das restliche Stück über Landstraßen.

„Alles voller Viersener hier.“ Das ist natürlich im Landkreis Viersen, durch den ich unter anderem gefahren bin, nichts Ungewöhnliches. Schmunzeln muss ich aber vor allem deswegen, weil auf all unseren Reisen mir und dem Lebensabschnittsgefährten immer irgendwo ein Viersener begegnet. Viersener sind überall, ist eine Feststellung, die wir stattdessen schon vor langer Zeit getroffen haben. Eine Ausnahme bildete da nur die norwegische Schneelandschaft, wo wir unerwartet über einen Krefelder „gestolpert“ sind. Sonst sind die wirklich überall. Und hier war alles voll von denen, ich war mitten im Nest quasi.

Als ich in der Niederrhein-Bronx angekommen war, wies ich das Navi an, die nächste Tankstelle zu suchen, die es auch prompt in einer Entfernung von 0,0 km gefunden hatte. Oh, tatsächlich, da drüben auf der anderen Straßenseite war sie ja. Das hätte ich eigentlich auch selbst finden können. Ich tankte den Qashqai voll, dann fuhr ich ins Büro.

Die Kollegin und ich arbeiteten zügig den ganzen Vormittag hindurch und wurden pünktlich fertig. Gegen 13:30 Uhr machte ich mich auf den Rückweg nach Darmstadt, wieder mit der Wahnsinnsgeschwindigket von durchschnittlich 110 km/h. Schließlich senkte die langsame Geschwindigkeit den Spritverbrauch enorm und ich hatte Zeit für solche Experimente. Außerdem war es ziemlich voll auf der Autobahn, bis zur A 3 war es schon schwierig, diese Geschwindigkeit überhaupt zu fahren, und auch danach erhöhte sich mit der Geschwindigkeit nur der Stresspegel. Und da ich eh nicht viel geschlafen und auf Stress keine Lust hatte, ließ ich es langsam angehen.

Nun ist es aber so, dass ich so langsame Geschwindigkeiten gar nicht fahren kann. Wenn mein Fuß das Pedal unter sich spürt und meine Augen melden, dass Platz ist, dann wir auch Gas gegeben. Jedesmal, wenn ich fahre, merke ich nach einer Weile, dass die Geschwindigkeit höher ist, als ich eigentlich will. Deswegen hatte ich bei der Fahrt mit dem Hänger den Tempomat für mich entdeckt und bei der Gelegenheit festgestellt, dass das ja viel entspannter für meinen rechten Fuß ist. Der ist ja auch nicht mehr der Jüngste.

Auf der A 67 wurde es dann etwas zu langsam, die Tachonadel legte sich zur Entspannung auf den Stopper bei der 0. Aber glücklicherweise dauerte das nicht allzu lange und ich konnte die letzten paar Kilometer auch noch runterreißen.

In Darmstadt angekommen fluchte ich über die ganz tolle stadtplanerische Idee, die unsere grün-schwarze Regierung mal wieder unausgegoren am lebenden Objekt testet. Das machen die hier ganz gerne: Menschenversuche an Autofahrern. Aktuell wird die Zufahrtsstraße von der Autobahn zur Innenstadt, die zweispurig ist, an der vorletzten Ampel vor der Fußgängerzone auf einen Fahrstreifen verjüngt. Der rechte Fahrstreifen ist jetzt zum Abbiegen. Blöd nur, dass da fast nie einer abbiegen will. Die wollen alle weiter bis zur nächsten Ampel. An dieser waren ursprünglich zwei Fahrstreifen für geradeaus, zwei für Linksabbieger und einer für Rechtsabbieger. Jetzt gibt es nur noch einen für geradeaus (da kommt man dann in den City-Tunnel, der unter der Fußgängerzone hindurch führt), einen für Rechtsabbieger und zwei für Linksabbieger und eine Sperrfläche. Diese Situation bringt – surprise, surprise – natürlich nicht den gewünschten Effekt (mehr Sicherheit für Radfahrer), sondern stattdessen totales Chaos. Die Leute wollen bzw. müssen geradeaus fahren und das tun sie natürlich auch. In dem ganzen Chaos ist es unübersichtlich und Radfahrer laufen noch mehr Gefahr, übersehen zu werden. Und so ganz nebenbei staut sich der Verkehr noch mehr, was für zusätzliche Belastung der Luft sorgt. Toller Plan! (Pressemitteilungen der Stadt dazu: März und April)

Nach dem Chaos kam ich eher schlecht gelaunt zuhause an. Ich war auch ziemlich fertig. Aber der Lebensabschnittsgefährte hatte eine Wunderwaffe gegen schlechte Laune für mich: Eis! :)

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