Mit Kamillentee im ICE

Aufgrund akuter Magenprobleme verzichtete ich an diesem Montagmorgen vorsichtshalber darauf, einen Kaffee mitzunehmen, stattdessen gab es Kamillentee zum Frühstück. Seit der Chemotherapie kommt das öfter mal vor. Nach dem Chaos vom letzten Bürobesuch war ich ganz froh, dass diesmal alles reibungslos klappte. Die Tram kam pünktlich, der Zug kam pünktlich und fuhr auch pünktlich los.

Aus irgendeinem Grund musste ich diesmal nicht in Deutz, sondern in Düsseldorf umsteigen, was wir ebenfalls pünktlich erreichten. Aber selbst wenn nicht, hier hatte ich 20 Minuten Aufenthalt.

Und auch in der Niederrhein-Bronx, wo das Wetter trüb wie eh und je war, kam mein Zug auf die Minute pünktlich an. Wahnsinn!

Ich hatte den Kollegen zugesagt, diesmal Brötchen mitzubringen. Eigentlich wollte ich die in der Bäckerei am Bahnhof holen, aber hier kosten die Körnerbrötchen aus der Backfabrik der Bäckereienkette 1,20 € pro Stück! Für echtes Bäckerhandwerk mag das ja vielleicht noch hart an der Schmerzgrenze sein, für Fabrikbrötchen ist es weit drüber. Also bediente ich mich an der Backstraße von Aldi und erfuhr später vom Chef, von welcher lokalen Bäcker-Kette Aldi hier beliefert wird. Nicht das schlechteste!

Unsere Besprechung verlief ein wenig anstregend, war aufgrund diverser Umstände aber glücklicherweise pünktlich beendet. Das darkinchen holte mich ab und wir fuhren zur Apotheke von Frau Bei-uns-in-Fischeln, mit der wir zum Kaffee verabredet waren. Während ich durch die Apotheke lief und alles bestaunte (die Apotheke war brandneu in einem Neubau eingerichtet, riesig groß und sehr schön aufgeteilt), flüsterte jemand meinem Namen aus einem Regal in meine Richtung. „Huhu!“, raunte es, „nimm mich mit!“ Huh? Da saß eine ganze Kolonie Stofftiere in einem Regal: Esel, Bär, Schildkröte, Elefant, Drache, Elch und was-weiß-ich-nicht-alles und mittendrin ein Frosch, der mich freundlich anlächelte. „Nimm mich mit!“, schien er mir zu sagen. Außerdem war er ein Frosch mit Funktion, man kann ihn in der Mikrowelle erwärmen und wie ein Kirschkernkissen benutzen. Genau das Richtige für meine desolaten Eingeweide und viel niedlicher und weicher und kuscheliger als mein 4,99-Euro-Kirschkernkissen vom Rossmann. Ich konnte nicht widerstehen, ich nahm ihn mit.

Frau Bei-uns-in-Fischeln hatte endlich Feierabend. Wir fuhren zu einem Café in der Innenstadt, wo auch Herr Bei-uns-in-Fischeln zu uns stieß. Wir quatschten, tranken Kaffee bzw. Tee, aßen Kuchen und quatschten und quasselten. Man sieht sich ja nur selten und hat dann einiges upzudaten, da in unser aller Leben ständig irgendetwas passiert. Man kommt kaum noch mit.

Die Zeit verging wie im Flug und schon bald war es nach 16 Uhr. Unsere Wege trennten sich wieder und das darkinchen und ich fuhren in die Zuckerrübensteppe an den Arsch der Welt. Das gestaltete sich gar nicht so einfach, denn überall war Stau. Auf der Autobahn nur Stop and go und abseits der Autobahn war es auch nicht besser. Aber irgendwann hatten wir unser Ziel erreicht. Wir gingen noch schnell Lebensmittel einkaufen, beschlossen schnell den Speiseplan und dann fuhren wir endlich ins Habitat. Wir waren halbtot vor Hunger und machten uns sofort an die Kocherei. Kartoffelgratin mit panierten Schnitzeln und Erbsen mit Möhren sollte es geben.

Da dieser Haushalt über Unmengen von Orangen verfügte, deren Lebenszyklus nahezu beendet war, schlug ich vor, aus den Früchten Saft für uns alle zu pressen. Damit war ich trotz elektrischer Saftpresse eine Weile beschäftigt. Nach der gefühlt 99. Orange bekommt die Handlung etwas meditatives, das einen leicht in Trance versetzt. Aber irgendwann war es geschafft und auch die letzte Orange versaftet.

Das Essen war reichlich und total lecker. Es blieben nur ganz wenig Gratin und ein paar Erbsen übrig. Wir waren pappsatt. Zum Ausklang spielten wir noch eine Runde Spiel des Lebens, dann war es Zeit fürs Bett.

Ich schlief nicht besonders gut. Das Haus ist sehr hellhörig und die Wohnungen sind mit Holzböden ausgestattet, die altersbedingt stark knarzen. Wenn der Nachbar in der Wohnung über dem Gästezimmer in seiner Wohnung rumläuft, klingt es jedes Mal, als würde er durch mein Schlafzimmer laufen und ich bin hellwach. Aber das war nicht weiter schlimm, nach der ersten Tasse Kaffee ging es einigermaßen. Dann ging ich duschen, machte mich fertig und packte meine Tasche, bevor ich das darkinchen weckte, damit sie mir beim Frühstück Gesellschaft leistete. Ich aß das übrig gebliebene Kartoffelgratin mit den Erbsen. Außerdem war auch noch ein Stück kalte Pizza da, das ich mir für das Mittagessen einpackte. Auch in dieser Hinsicht war der Spitzname „Waschbär“, den der ehemalige Mitbewohner mir verpasst hatte, nicht der verkehrteste. ;)

Blöderweise hatten wir uns ein wenig verquatscht und ich erreichte den vorgesehenen Zug nach Krefeld nicht mehr. Und weil es dann natürlich ganz blöd kommt, konnte ich auch nicht den nächsten nehmen, da dieser Verspätung hatte und ich den Anschlusszug in Mönchengladbach dann nicht mehr erreichen würde. Eine Stunde später war schon arg spät. Daher entschieden wir kurzerhand, dass das darkinchen mich mit dem Auto nach Krefeld ins Büro bringen sollte. Das war ohnehin viel bequemer.

Dort arbeitete ich mit meiner Kollegin bis 13 Uhr am QM. Also eigentlich arbeiteten wir nur bis kurz nach 12 Uhr, dann waren wir mit den Aufgaben, die wir uns für den Tag vorgenommen hatten, durch und schauten Norwegen-Photos in meinem Blog. Um 13 Uhr brachte sie mich zum Bahnhof. Endlich machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause.

Im Regionalzug von Krefeld nach Köln gab es Mittagessen. Zu meiner kalten Pizza hatte ich mir am Bahnhof ein Fischbrötchen geholt. Und für den Nachtisch hatte ich noch einen Schokoriegel in der Tasche.

Ich musste in Köln umsteigen. Und ich war entsetzt über den Kölner Hauptbahnhof. Ich war schon länger nicht mehr hier mit viel Umsteigezeit. In der T-Online-Lounge, einer Sitzgruppe mit Internet-Zugang für T-Online-Kunden, saßen lauter sturzbesoffene Penner, in den Gängen drumherum torkelten Betrunkene und Junkies, teilweise schon so weggeschossen im Kopf vom ständigen Drogenmissbrauch, dass sie nicht mehr in der Lage waren, halbwegs normal zu laufen oder sich zu artikulieren. Dazwischen saßen überall Flüchtlinge (oder zumindest Menschen, die stark nach Flüchtlingen aussahen) in ihre Smartphones vertieft, die vermutlich das kostenlose WLAN des Bahnhofs benutzten. Der Bio-Müll des Kapitalismus war hier versammelt. Ganz weit unten in einem der reichsten Länder der Erde. Ich will diesen Preis für unseren Reichtum nicht bezahlen. Ich will diesen Reichtum nicht. Der Reichtum der anderen, ich bin ja nicht reich, ich darf nur meinen Anteil am Preis dafür bezahlen.

Ich ging ins Reisezentrum, denn ich hatte noch mein Fahrgastrechte-Formular meiner letzten Reise dabei. Bei Verspätungen von mehr als 60 Minuten gibt es Geld zurück von der Bahn. Ich holte mir mein Taschengeld ab. Damit war die Wartezeit von 45 Minuten, die ich in Köln hatte, bestens überbrückt.

Mein Zug fuhr pünktlichst (!) aus Gleis 7 ab. Bei dem IC, der am Rhein entlang nach Mainz fährt, kommt das wirklich selten vor. Der Zug war nicht besonders voll, ich fand einen Platz am Fenster, wo ich begann, diesen Blogbeitrag hier zu schreiben, nachdem ich das Abschiedsphoto vom Dom gemacht hatte. Ich fuhr schon lange nicht mehr am Rhein entlang.

Der Zug zuckelt hier mit gemütlichen 100 – 120 km/h entlang. Die Strecke ist beschaulich.

Wenn der Rhein im Mittelrheintal Sandstrände hat, ist Niedrigwasser. Die Schifffahrt auf dem Rhein ist derzeit eingeschränkt. Die Frachtschiffe können nicht voll beladen werden. Und es sind auch deutlich weniger Schiffe unterwegs als sonst.

Pünktlich kündigte der Zugbegleiter die Einfahrt in den Mainzer Hauptbahnhof an. Unmittelbar nach der Ankündigung blieb der Zug auf offener Strecke stehen. Wir standen ein Weilchen, bevor es endlich weiterging, begleitet von der Ansage, dass wir nun aber wirklich in den Mainzer Bahnhof einfahren würden. Wir kamen auf Gleis 5 an, mein Anschlusszug sollte vom Gleis 4, selber Bahnsteig gegenüber, abfahren.

Der Regionalzug stand auch schon auf der Anzeigetafel, allerdings mit einem Zusatz, der mich missfiel: „Zug fällt aus.“ Na toll! Aus Gleis 5 sollte 26 Minuten später ein anderer Regionalzug Richtung Darmstadt abfahren. Auch dieser stand bereits an der Anzeigetafel und ebenfalls mit dem Zusatz „Zug fällt aus.“ Ok, hier lag offensichtlich ein ernstes Problem vor. Wenn ich nicht hier übernachten wollte, muss ich jemanden fragen, wie ich denn nun nach Darmstadt käme. Ich ging nach oben zur Information der DB.

Dort erfuhr ich auf Nachfrage, dass vor wenigen Minuten bei Bauarbeiten ein Kabel durchtrennt worden sei und daher vorübergehend kein Zugverkehr zwischen Mainz Hbf und Mainz Bischofsheim stattfinden würde. Ich fragte außerdem, wie ich denn nun nach Darmstadt käme. Der Mitarbeiter setzte zur Erklärung an, dass ich mit dem Bus nach … Ich unterbrach: „Mit dem Bus.“ Meine Betonung ließ erkennen, was ich davon hielt, jetzt Bus fahren zu sollen. „Ich habe wenig Lust, Bus zu fahren. Ich weiß nicht einmal, wo hier Busse abfahren. Ich bin nicht von hier, ich steige hier nur um. Ich komme gerade aus Köln und wenn ich das gewusst hätte, wäre ich in meinem IC sitzen geblieben und nach Frankfurt weitergefahren.“ Der Mitarbeiter überlegte einen Moment, tippte in seinem Computer rum und schlug mir dann vor, mit der S-Bahn nach Bischhofsheim und von dort aus mit dem Regionalzug weiter nach Darmstadt zu fahren. Na bitte, geht doch.

Die S-Bahn kam sogar halbwegs pünktlich, was insofern erwähnenswert ist, da in Mainz jede Menge Züge ausfielen und die, die fuhren, alle unpünktlich waren. Und die S-Bahn füllte sich ziemlich. Es ist sowieso erstaunlich, wie schnell sich ein Bahnhof mit Menschen füllt, wenn man ein paar Züge ausfallen. Allerdings fuhr die S-Bahn nicht pünktlich ab. Sie blieb noch ziemlich lange dort stehen. In der Zwischenzeit fuhr am selben Bahnsteig auf dem Gleis gegenüber ein Regionalzug nach Frankfurt ein. Die S-Bahn leerte sich schlagartig, da viele meiner Mitreisenden in diesen Zug wechselten. Als der Regionalzug weg war, überkamen mich Zweifel, ob ich mich richtig verhalten habe, denn die S-Bahn wollte einfach nicht losfahren. Mit etwa 10 Minuten Verspätung machte sie sich dann aber doch auf den Weg. Und sie ließ sich Zeit. Ziemlich langsam und gemütlich fuhren wir von Station zu Station. Um 17:27 Uhr sollte der Regionalzug in Bischofsheim abfahren. Das war auch so ziemlich der Zeitpunkt, an dem wir dort ankamen. Glücklicherweise war auch der Regionalzug verspätet und wurde für 17:31 Uhr angekündigt.

Der Rest des Weges nach Darmstadt verlief reibungslos. An der Tram-Haltestelle in Darmstadt am Bahnhof stand als einzige Linie die 3 angekündigt, mit der ich auch fahren musste. Sechs Minuten später sollte sie abfahren. Ich stellte mich an die Haltestelle, um zu warten, und informierte währenddessen den Lebensabschnittsgefährten über meine baldige Ankunft. Ich wartete noch ein Weilchen und dann kam die Bahn. Ich stieg ein und achtete wenig auf meine Umgebung bzw. unseren Fahrtweg, da ich ziemlich irritiert war wegen eines Typen, der neben mir stand und eine fürchterliche Bierfahne hatte. So fiel mir erst zwischen der dritten und vierten Haltestelle auf, dass hier etwas nicht stimmte. Wieso folgte auf den Luisenplatz der Willy-Brandt-Platz? Fuck! Ich war in der falschen Tram! Ich stieg aus, sah auch im Gewirr dieser Haltestelle die Linie 3 zur selben Zeit von der anderen Seite an Haltestellt, die über insgesamt vier Halteplätze verfügt, heranfahren. Allerdings fuhren noch zwei weitere Trambahnen in dem Moment in die Haltestellen, so dass es mir nicht möglich war, quer rüber zu Linie 3 zu rennen. Die Tram fuhr ohne mich und ich fuhr regelrecht aus der Haut.

Ich war auf 180! Ich ärgerte mich über die unfähigen Idioten, die die Anzeige am Bahnhof programmieren. Ich ärgerte mich über mich selbst, die in die Bahn einstieg, in dem guten Glauben, dass es ja nur die Linie 3 sein könnte. Ich ärgerte mich, weil ich mich ärgern wollte, weil mir das die Petersilie gründlich verhagelte, weil ich keinen Bock hatte, 15 Minuten blöd rumzustehen, bis die nächste Tram kommt. Wutschnaubend machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich lief zu Fuß, meinen schweren Trolley hinter mir her ziehend, wutschnaubend durch die Fußgängerzone. Eigentlich wartete ich nur darauf, dass mich irgendeiner anquatschen würde, damit ich meinen Frust an ihm auslassen konnte. Leider war der erste, der mit mir sprach, der Lebensabschnittsgefährte.

Der Arme.

Aber er ist trotzdem froh, dass ich wieder zuhause bin. ;)

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