Erstmal nach Kiel

Um 03:30 Uhr klingelt der Wecker. 03:30 Uhr! Halb Vier!

Halb-Vier-Uhr-morgens

Der Lebensabschnittsgefährte ist um 03:24 Uhr bereits aufgestanden. Mein Horror-Movie-Spieluhr-Klingelton veranlasst wenige Minuten später auch mich, meine warme, gemütliche Schlafstatt zu verlassen. „URLAUB!“, schreit es durch mein vernebeltes Hirn. „Kaffee“, ächze ich schlaftrunken zurück. Der Kater ist zunächst ein wenig irritiert, besinnt sich aber offensichtlich schnell der gepackten Taschen im Esszimmer und springt mit seinem „Juhu! Der Futterautomat!“-Gesicht aus dem Bett, um sich auf der Küchenarbeitsplatte zu platzieren und mir zuzusehen, wie ich unsere Frühstücksbrote zubereite. Um 04:30 Uhr sind wir frisch geduscht und reisefertig: Fenster zu, Heizung aus, Licht aus, los geht’s!

Erst nach der Buchung stellten wir fest, dass so früh noch gar keine Straßenbahn fährt. Wir fragten einen Bekannten, ob er uns zum Bahnhof fährt.

Chat_mit_L

Da es ja ausreicht, wenn zwei Leute so unmenschlich früh aufstehen, haben wir Plan B ins Leben gerufen: L. leiht uns sein Auto und holt es sich irgendwann morgens am Bahnhof ab. Das gab uns zudem die Gelegenheit, dem Lebensabschnittsgefährten am Tag vor der Abreise noch schnell neues Schuhwerk zu beschaffen. Mit seinen ausgelatschten Tretern konnte er sich auf dem Kreuzfahrtschiff nun wirklich nicht mehr sehen lassen, daher zwang ich ihn förmlich dazu und schleppte ihn ins Schuhgeschäft. Immerhin hatten wir Glück und das zweite Paar von den wenigen, die gefielen, passte. Bei der Gelegenheit lernten wir auch sämtliche Unberechenbarkeiten der Alarmanlage des Fahrzeugs kennen. Da wir nur den Ersatzschlüssel ohne Fernbedienung bekommen hatten, witterte das Auto ständig unberechtigte Zugriffe und hupte bei jeder unpassenden Gelegenheit wild und laut vor sich hin. Wir waren daher extrem vorsichtig, bloß nichts falsch zu machen, um unseren Nachbarn ein morgendliches Hupkonzert und uns die Peinlichkeit zu ersparen. Wir fuhren los, bogen rechts ab und hielten direkt wieder an, um das Eis von den Scheiben zu kratzen. Aber dann konnte es endlich losgehen.

Die Fahrt mit der S-Bahn nach Frankfurt war öde wie üblich. In der S-Bahn war kaum etwas los. Im Nachbar-Vierer schnarchte einer vor sich hin, eine Frau aß einen Joghurt. Die Zahl derer, die auf der 45-minütigen Fahrt zum Hauptbahnhof zustiegen, war überschaubar. Ich schlürfte meinen Kaffee und wurde langsam wach.

Kaffee_in_der_S-Bahn

In Frankfurt hatten wir ca. 10 Minuten Zeit, um aus dem Untergrund nach oben zum Gleis 7 zu gelangen. Da nicht viel los war, war das auch einigermaßen bequem zu schaffen, wenn man zügigen Schrittes unterwegs war. Dann jedoch standen wir noch eine gefühlte Ewigkeit auf dem Bahnsteig herum und frierten uns ein paar Körperteile ab. Selbst um diese Uhrzeit war die Bahn unpünktlich. Mit sieben Minuten Verspätung verließen wir Frankfurt Hauptbahnhof; bis Fulda hatten wir auf zehn Minuten erhöht. In Kassel-Wilhelmshöhe waren es 19 Minuten, da wir dort auch noch einen Sprinter überholen lassen mussten. Dies war allerdings nicht weiter tragisch, da wir in Hamburg 40 Minuten Aufenthalt hatten.

Kurz vor Hamburg machte ich etwas unfassbar Blödes: Ich startete mein Smartphone neu. Und als ich noch den „Bis Bald“-Bildschirm sah, wurde mir schlagartig klar, dass ich die PIN ja gar nicht auswendig weiß. Ich hatte vor kurzem eine neue SIM-Karte bekommen und habe bisher die PIN noch nicht geändert. So etwas Dämliches! Das Smartphone war nun relativ nutzlos, konnte nur noch als Photoapparat benutzt werden. Immerhin gab es tolle Wolkenformationen

Wolkenformation

Sonnenaufgang

und Sonnenaufgänge durch die schmutzigen Scheiben des ICE zu knipsen. Zweimal hatte ich schon in meinem löchrigen Gedächtnis nach einer passenden vierstelligen Nummer gefahndet, aber ohne Erfolg. Das darkinchen, das bei der Ersteinrichtung zugegen war, glaubte ebenfalls die Nummer zu kennen, irrte sich aber ebenfalls. Nun war die SIM-Karte gesperrt und ich brauchte die PUK. Aber alles Aufregen half nichts, in Hamburg holten wir uns erstmal Tee und warteten frierend auf den IC.

Hamburg

Mit dem IC fuhren wir durch Sauwetter nach Kiel, wo wir pünktlich ankamen. Es regnete, was uns aber nicht davon abhielt, zum Schwedenkai zu laufen, in der Hoffnung, unser Schiff von der anderen Seite knipsen zu können.

Stena_Line

Blöderweise stand aber die Stena Germanica im Weg.

Technisches_Geraet_in_Kiel

Wir bestaunten und knipsten noch technisches Gerät, das da rumstand, dann holten wir Geld bei der Postbank und Wasser zum Tee Kochen sowie ein Toastbrot im Einkaufszentrum. Dank des genialen Timings meiner Gallenblase, die immer Ärger macht, wenn wir in den Urlaub fahren, verzichtete ich auf ein ausgiebiges Mittagessen und aß nur ein Brötchen, während sich der Lebensabschnittsgefährte ein Menü bei Würger King gönnte. Dann machten wir uns endlich auf den Weg zum Schiff. Hierzu mussten wir über die Hörnbrücke, von wo aus wir die Color Fantasy auch noch einmal vollständig vor die Linse bekamen.

Color_Fantasy