Durch die Telemark nach Kristiansand

Um halb Vier wurde ich zum ersten Mal wach. Das war eindeutig zu früh. Nach ungefähr einer Stunde schlief ich wieder ein und durch bis 07:19 Uhr. Uff, das war relativ spät! Draußen hörten wir ein Räumfahrzeug nach dem anderen vorbeifahren. Die hatten ein ganz gutes Tempo drauf. Wir standen auf und schauten raus: Es hatte geschneit und schneite immer noch!

Wir frühstückten. Da es ja kein Frühstücksbuffet gab, waren wir ganz froh, noch ein paar Vorräte vom gestrigen Tag zu haben.

Dann gingen wir duschen, ich packte unsere Sachen zusammen und wir machten uns auf den Weg durchs schönste Winterwunderland der Welt. Vorher mussten wir allerdings noch den Qashqai von seiner weißen Pracht befreien.

Außerdem wollte der Lebensabschnittsgefährte einen Bremstest auf dem Parkplatz machen.

Wir hatten uns eine Route fern der Küste gesucht, wollten durch die Berge und Wälder, durch den Schnee. Zunächst aber mussten wir dafür auf die andere Seite des Oslofjordes. Hierfür gab es drei Möglichkeiten: Nach Oslo rein und um den Fjord herum fahren (die schlechteste), mit der Fähre quer hinüber (nicht schlecht!) oder durch den Oslofjordtunnel. Der Herr Lebensabschnittsgefährte wollte von dieser dritten Möglichkeit Gebrauch machen, also fuhren wir durch den Tunnel.

Der Tunnel ist 7,23 km lang und an seiner tiefsten Stelle 134 m unter dem Meeresspiegel. Es geht zunächst steil bergab. Meine Ohren kamen mit dem Druckausgleich nicht nach und mir wurde langsam mulmig zumute. Der Qashqai meldete, dass der durchschnittliche Benzinverbrauch soeben wieder um 0,1 Liter/100 km gesunken sei. 4 km ohne Gas bergab und die sonst so versoffene Karre entdeckt die Sparsamkeit. Der Tunnel hat drei Fahrspuren, wobei die mittlere Spur an der tiefsten Stelle wechselt, so dass für die Bergauf-Fahrt jeweils zwei Spuren zur Verfügung stehen. Die Durchfahrt hat ziemlich genau 7 Minuten gedauert. Hier ein Video mit 2-facher Geschwindigkeit:

Bis Drammen war alles noch recht belebt und die Straßen verhältnismäßig voll. Von dort fuhren wir über die Haukelivegen, auch als E 134 bekannt, durch die Provinz Telemark. Wir fuhren durch kleine Ortschaften und an atemberaubend schönen Landschaften und zugefrorenen Seen sowie tosenden Wasserfällen vorbei und durch den geilsten Tannenbaum-Showroom der Welt. Ich konnte mich überhaupt nicht sattsehen.

Die Infrastruktur an den Straßen in Norwegen ist sehr gut. Es gibt immer wieder deutlich gekennzeichnete Parkplätze mit Informationstafel, auf denen man sich einen Überblick verschaffen kann, was es in der Umgebung zu sehen gibt, und mit Toiletten. Die sind sauber, beheizt, verfügen über warmes Wasser und sie sind kostenlos. Und selbstverständlich wird hier jede Hütte aus Holz gebaut und rot angepinselt. Bei der ersten Rast im Schnee stellten wir übrigens fest, dass wir unsere Gummi-Fußmatten, die wir zu Weihnachten gewünscht und bekommen hatten, zuhause vergessen hatten.

In Notodden tankten wir unser Auto voll. Ein Liter Benzin kostete umgerechnet etwa 1,29 €. Das war günstiger als jede andere Tankstelle, die uns seit Beginn des Trips aufgefallen war. Für norwegische Verhältnisse extrem günstig.

Einen längeren Stopp machten wir in Heddal. In diesem Ort steht eine der letzten verbliebenen Stabkirchen Norwegens. Das Gebäude war wunderschön, erst recht mit seinen Schneehauben auf den vielen Dächern.

An dieser Kirche trafen wir auf die ersten Deutschen auf unserem Weg. Und das waren auch noch Krefelder – immerhin mit einem netten Hund. Als wir abfuhren, kamen außerdem zwei Russen in ihrem AMG-SUV mit russischem Kennzeichen zur Kirche. Ich beneidete sie ein wenig. Nicht nur um das Auto, wenn sie direkt aus Russland kamen, waren sie vermutlich einmal quer durch Norwegen gefahren. Zumindest, wenn sie die Russisch-Norwegische Grenze passiert haben, die ganz oben im Norden bei Kirkenes ist. Zu gerne würde ich das auch einmal machen!

Entlang der Straße gibt es unzählige Ausweichbuchten und Bushaltestellen, wo man den norwegischen Verkehr vorbeifahren lassen kann. Die haben alle Spikes in ihren Reifen, sind Wetter und Straßenverhältnisse gewohnt, die können etwas schneller über Schnee und Eis fahren. Und die sind nicht mehr so sehr damit beschäftigt, sich die tolle Landschaft anzugucken. Zumindest meistens. Wir haben nämlich auch Norweger gesehen, die an den Parkplätzen und in den Haltebuchten stehen blieben, um Photos mit dem Smartphone zu machen. Und als der Sonnenuntergang ein phantastisches Lichtspiel zeigte, fanden wir sogar einen Norweger mit Warnblinker am rechten Straßenrand stehen, sein Stativ aufgebaut und das Postkartenmotiv knipsend.

Für das Mittagessen fanden wir ein einladend aussehendes Haus am Wegesrand in Hjartdal, das „Kafe“ versprach. In dem Haus war nicht nur das Lokal, sondern auch ein Bed & Breakfast. Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, wären wir hier über Nacht geblieben. So reichte es aber leider nur für ein Mittagessen.

Wir wechselten die Plätze und ich fuhr weiter. Ich kurvte durch verschneite Wälder über verschneite und vereiste Straßen, bergauf und bergab, während der Lebensabschnittsgefährte knipste.

Von der E 134 mussten wir auf die E41. Die war noch verschneiter und dunkel wurde es langsam auch. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit betrug höchstens 45 bis 50 m/h. Immer seltener mussten wir andere Fahrzeuge passieren lassen, weil kaum jemand hier unterwegs war. Die Straße wurde immer enger und vereister und rutschiger. Plötzlich kamen wir an eine Ampel, die den Verkehr über eine einspurige Brücke regelte. Und dann ging es über Serpentinen steil bergauf.

Der Gegenverkehr auf der steilen Straße fand übrigens – wie sollte es anders sein – ausschließlich in den engen, steilen Rechtskurven statt. Und das zuverlässig in jeder. Ziemlich weit oben ist nochmal ein Parkplatz von dem aus man einen super tollen Blick auf das Alpenglühen (yep, das heißt auch außerhalb der Alpen so) hatte. Wahnsinn! Als wir da standen und staunten und knipsten und staunten kam noch ein Holztransporter den Berg hinauf geklettert, der freundlicherweise das Fernlicht fürs Photo einschaltete.

Hier trafen wir die nächsten Deutschen, die an dem Aussichtspunkt so wie wir das atemberaubende Postkartenmotiv mit den letzten Sonnenstrahlen knipsen wollten. Als sie hielten, gingen wir gerade zum Auto zurück. „Zuviele Deutsche hier, wir hauen ab!“, rief ich ihnen noch lachend zu.

Langsam wurde es immer dunkler. Wir machten eine letzte Rast mit Licht, das für brauchbare Photos ausreichte.

Da war es übrigens viertel vor Vier. Danach wurde es dunkel und das Fahren teilweise auch recht anstrengend. In Norwegen ist es sowieso viel dunkler als bei uns, zumindest kommt es mir immer so vor. Vermutlich liegt es daran, dass das Land nicht so dicht besiedelt ist und auch nicht so mit Werbung überschüttet ist wie die Ortschaften bei uns. Die Lichtverschmutzung dürfte hier deutlich geringer sein.


Das letzte Stück nach Kristiansand hatten wir dann genug und nahmen die Ausgebaute Straße Nr. 402, die zur Autobahn führte. Das letzte Stück fuhren wir Autobahn. Morgens im Hotel hatte ich online nach einer günstigen Unterkunft in Kristiansand gesucht und diese auch gefunden. Wir sind ja nicht anspruchsvoll, aber was wir hier vorfanden, übertraf meine kühnsten Vorstellungen einer billigen Absteige bei weitem:

Aufeinander gestapelte Bau-Container! Wer mal echtes Flüchtlingsheim-Feeling will, ist hier gut untergebracht. Und vielleicht hätte ich mich sogar darauf eingelassen, wenn ich vorgewarnt gewesen wäre. Aber jetzt war ich nur entsetzt, hier wollte ich nicht schlafen. Und ich war heilfroh, dass ich nicht online gebucht hatte.

Gegenüber war ein weiteres günstiges Hotel (solider Bauart), dort fuhren wir hin. Leider machten die Weihnachtsferien und hatten deswegen zurzeit geschlossen. Da wir keine Lust hatten, noch lange rumzusuchen, checkten wir im Thon-Hotel, das ebenfalls in der Nähe ist, ein.

Das ist zwar doppelt so teuer wie die erste Variante, hat dafür aber auch Charme und Luxus zu bieten, Frühstück inklusive. Als wir unseren Krempel aus dem Auto holten, fuhr gerade ein fetter AMG-SUV vor: Die Russen aus Heddal. Norwegen ist klein. Wir bezogen unser Zimmer, das nicht nur top eingerichtet war, sondern auch über das absolute Killer-Feature verfügte, das ich bisher noch bei keinem Hotel-Aufenthalt hatte: eine Senseo-Kaffeemaschine!


Es gab Abendbrot und wir buchten die Fähre für den nächsten Morgen. Dann legten wir uns ins Bett, schauten noch ein paar Photos und Videos vom Tag und schliefen ziemlich früh ein.


Und auch hier wieder ein Roadmovie in 8-facher Geschwindigkeit und weiter unten die Highlights in 2-facher Geschwindigkeit. Dazwischen der GPS-Track der Tagesstrecke.