Durch Schweden nach Norwegen

Um 5 Uhr am nächsten Morgen wurde ich wach. Der Seegang war auf dieser Fahrt insgesamt etwas stärker als beim letzten Mal, aber immer noch weit entfernt von „schlimm“. Am frühen Morgen ging ein Rattern und Zittern durch das ganze Schiff. Ich war wach und offensichtlich halbwegs ausgeschlafen, ich konnte nämlich nicht wieder einschlafen. Um halb Sechs war dann auch der Lebensabschnittsgefährte wach. Ich kletterte aus meinem oberen Bett zu ihm herunter. Nachdem ich noch gefühlte fünfmal aufgestanden war, um meine Decke runterzuholen, mein Bett hochzuklappen, meinen Kaffee zu holen und keine Ahnung, was noch alles, machten wir es uns endlich gemütlich, um kurz danach aufzustehen.

Der Lebensabschnittsgefährte ging duschen und ich begann zu packen. Dann ging ich duschen, während er unser Frühstück zubereitete. Im Bad konnte man übrigens gut erkennen, wie das Schiff rollte. Hier im Kattegat war es wirklich nicht schlimm. In der Nordsee und auch im Skagerrak muss es wesentlich stärker sein, denn die Fähren von Südnorwegen nach Dänemark waren alle gecancelt.

Als ich aus der Dusche kam, sank meine Laune merklich. Ich brauchte Sauerstoff! Seit 12 Stunden hielt ich mich ausschließlich in dem klimatisierten Schiff auf, jetzt brauchte ich Sauerstoff. Wir gingen kurz an Deck und ließen uns durchpusten. Am Himmel tauchte das erste zarte Licht auf und am Ufer die Schären.

Nachdem mein Frischluftbedarf gedeckt war, gingen wir in die Kabine zum Frühstücken und Packen. Bei letzterem stand der Herr Lebensabschnittsgefährte mir nur im Weg rum, weswegen ich ihn nochmal aufs Deck schickte, die entgegenkommenden Schiffe zu knipsen.

Bei der Einfahrt in den Hafen war uns der Schlepper „Svitzer Gaia“ behilflich, der uns ein Stück weit bugsierte.

Wir passierten die Älvborgsbron, ich stand ganz oben, frierte mir die Finger ab und filmte die Passage. Es ist jedes Mal wieder aufregend, wie knapp die Durchfahrt ist.


Pünktlich um 09:15 Uhr legten wir an und wir wurden aufgefordert, zu unseren Fahrzeugen zu gehen.

Ein supertolles Gefühl, mit dem eigenen Auto auf schwedischem Boden rumzufahren. Wir waren ganz aufgeregt! Jetzt mussten wir aber einen Plan machen, wie wir die Strecke bewältigen wollten. Wir waren schlecht bzw. gar nicht vorbereitet, wir hatten keine Straßenkarte und der Lebensabschnittsgefährte hatte neulich beim Aufräumen seines Handys erst Schweden von den Offline-Karten gelöscht. Mein analoger Straßenatlas ist recht übersichtlich, was Skandinavien betrifft.

Daher hatte ich auf dem Schiff schon ein wenig improvisiert und mir für den Notfall Screenshots von den Karten gemacht, als ich im Schiffs-WLAN war. Dort hatte ich vor allem auch ein Einkaufszentrum ausfindig gemacht, wo wir ein paar Lebensmittel für Abendbrot und Frühstück sowie eine SD-Karte für unsere GoPro kaufen konnten. Es war schließlich ein Unding, dass unser erster Skandinavien-Roadtrip mit unserem eigenen Auto ohne Dashcam stattfinden sollte! Und unsere aktuelle GoPro-Karte war noch mit Videos vom Oslo-Trip zwei Wochen vorher voll. Also erstmal shoppen!

Wir passierten erneut die Älvborgsbron, diesmal aber mit dem Auto.

Wir fuhren zunächst zum Einkaufszentrum Bäckebol in Hisings Backa, einem nördlichen Teil von Göteborg, der erst seit 1948 zur Stadt gehört. Im Supermarkt kauften wir ein. Das ist immer etwas anstrengend das erste Mal in einem fremden Land. Man kennt die Produkte nicht, muss viel lesen und den Online-Übersetzer zuhilfe nehmen. So brauchten wir für eine Plastiktüte voll Überlebensmittel, die wir in einem deutschen Supermarkt in 15 Minuten zusammensammeln und bezahlen würden, gut eine Stunde. An der Kasse dann noch der Schock: Die schwedischen Kronen, die wir noch zuhause hatten, haben zwischenzeitlich ihre Gültigkeit verloren. Die Kassiererin nahm diese nicht mehr an. Ich war genervt und brauchte erstmal einen Kaffee. Während ich diesen trank, suchten wir mit den Smartphones nach einer Bank und fanden zwei, die auf unserer geplanten Strecke lagen. Anschließend kauften wir im MediaMarkt nebenan noch die SD-Karte. Bisher hatte ich mit dem Smartphone gefilmt, das aber mit den Erschütterungen beim Autofahren nicht so gut zurecht kommt wie die GoPro. Auch hier taten sich an der Kasse wieder Probleme auf: Meine EC-Karte wurde vom Gerät nicht akzeptiert. Die EC-Karte des Lebensabschnittsgefährten wurde ebenfalls nicht akzeptiert. Langsam wurde ich nervös. Die Kassiererin guckte schon komisch. Als letzte Möglichkeit kam noch die Kreditkarte in Frage. Die hat dann glücklicherweise funktioniert.

Eigentlich wollte ich auch noch in den IKEA, der bei diesem Einkaufszentrum war. Wer weiß, wann ich wieder nach Schweden kommen würde und erneut die Gelegenheit hätte, einen IKEA in seiner natürlichen Umgebung zu sehen. Aber nach dem Einkaufen und dem Stress mit dem veralteten Geld und den Karten war mir nicht mehr danach. Mir gefällt Schweden nicht sonderlich, die Menschen hier sind mir zu hektisch und betriebsam, das ist wie zuhause. Daher wollte ich lieber weg.

Ab jetzt fuhr der Lebensabschnittsgefährte und ich hatte Zeit und Gelegenheit, Bilder zu machen. Außerdem musste die GoPro erstmal aufgeladen und die Karte eingelegt werden. Da wir nur ein Micro-USB-Kabel dabei hatten, musste ich das Magnet-Anschluss-Dings aus dem Smartphone des Lebensabschnittsgefährten ziehen und in die GoPro stecken. Zusammen mit der Micro-SD-Karte ist das eine ziemlich Fummelei während der Fahrt im Auto, aber ich bekam es hin.

Die erste Bank sollte in Surte sein und sah von außen ziemlich geschlossen aus. Nur der Bankomat war noch da, ansonsten keine Außenbeschriftung, gar nichts. Überhaupt sah der ganze Straßenzug ziemlich runtergekommen aus. Wir stiegen gar nicht erst aus, sondern fuhren direkt weiter. Unser nächstes Ziel war Trollhättan. Der Ort ist uns in einer Reisereportage über Schweden schonmal begegnet und da wir eine Route abseits von der E6 wollten, wählten wir diesen Ort als Zwischenziel. Dort gab es auch mehrere Banken und eine davon steuerten wir an.

Hier muss man übrigens Nummern ziehen, wenn man am Bankschalter bedient werden möchte. Leider konnte uns die Mitarbeiterin in der Bank auch nicht weiterhelfen. Wir mussten zu einem Exchange, das wir im nahegelegenen Einkaufszentrum fanden. Ich war mittlerweile richtig genervt von dem Scheiß. Und die Innenstadt von Trollhättan ist auch nicht der Bringer. Zum einen ziemlich tot, hier war nichts los, zum anderen ziemlich arabisch und runtergekommen. Mittendrin ein Einkaufszentrum, wie es europäischer nicht sein könnte. Und dort war der Exchange, bei dem man übrigens auch eine Nummer ziehen musste. Gegen eine „kleine“ Gebühr von 15 % (!) tauschte man uns die alten Lappen in neue, gültige Kronen. Dann liefen wir zurück zum Auto und fuhren weiter. Gerne hätte ich noch eine Postkarte aus Trollhättan geschrieben und ein Souvenir mitgenommen, wie ich es ja von vielen Orten meiner Reisen habe, aber offenbar war man hier auf Touristen nicht eingestellt. Ich habe keine einzige Ansichtskarte von diesem Ort irgendwo gesehen. Wir machten sogar noch kurz Halt am Bahnhof, aber auch hier Fehlanzeige. Mittlerweile hatte ich von dem Kaff die Nase voll. Die Schiffsschleuse, die sehr beeindruckend sein soll, wollte ich mittlerweile schon gar nicht mehr sehen.

Wir setzten unsere Reise fort, wiesen das Navi an, Autobahnen zu meiden und fuhren durch die schwedische Landschaft Richtung norwegische Grenze. Jetzt wieder mit Frau dark* am Steuer und der Herr Lebensabschnittsgefährte machte Photos. Von unseren gültigen schwedischen Kronen benötigten wir übrigens keine einzige mehr.

Am Straßenrand stand allerlei altes Zeug herum. Und auch ein Sturm hatte seine Spuren hinterlassen.

Die meiste Zeit fand ich die schwedische Landschaft eher so naja. Doch dann lotste uns das Navi auf eine kleine Nebenstraße und alles änderte sich schlagartig. Wir fuhren nur noch durch Waldgebiete über wellige, hügelige Straßen auf und ab, um enge Kurven und fast alleine. Nur selten kam uns hier jemand entgegen. Bedauerlicherweise auch keine Elche, obwohl uns mehrere Schilder davor warnten.

Aufgefallen sind mir entlang der Strecke die vielen Brandrodungs-Abschnitte. Keine Ahnung, was hier auf den Flächen geplant ist. Aber ein mulmiges Gefühl beschleicht einen schon, wenn man da durch fährt. Aber darauf will ich jetzt gar nicht näher eingehen. Im Prinzip lässt sich die schwedische Landschaft in einem Ortsschild zusammenfassen:

Dennoch bin ich nicht abgeneigt, dem Land eine zweite Chance zu geben. Vermutlich trifft hier dasselbe zu wie in Norwegen: Sobald man weiter nach Norden kommt und abseits der hektischen Touristen- und Handelsrouten ist, wird es vermutlich viel schöner. Anyway. Wir kamen zur norwegischen Grenze.

Kaum hatten wir die norwegische Grenze passiert, änderte sich die Landschaft schlagartig. Der Rasenteppich, der teilweise auf den sanften Hügeln der Schweden liegt, war Geschichte. So etwas gab es hier nicht. Keine 500 Meter in Norwegen und schon die ersten schroffen Felsen direkt neben der Straße. Und es fing an zu regnen. Auch waren die Autofahrer hier viel entspannter. Wir waren „Zuhause“.

Langsam wurde es dunkel. Meine grobe Planung sah vor, in Moss zu übernachten. Um nach einem passenden Schlafgemach Ausschau zu halten, steuerten wir ein Einkaufszentrum in Rygge an. Blöderweise hatte ich beim Aufladen der GoPro das Ladeteil für das Smartphone des Herrn Lebensabschnittsgefährten verbummelt. Eventuell lag es noch auf meinem Schoß, als wir Plätze getauscht hatten, und ist zu Boden gefallen, nachdem ich ausgestiegen war. Jedenfalls konnte ich es nirgendwo finden. Daher kauften wir im Einkaufszentrum Rygge ein neues Ladekabel, wir hatten ja nur dieses eine dabei. Auch hier tranken wir wieder einen Kaffee und suchten mit unseren Smartphones nach einem Hotel, das für die Nacht noch ein Zimmer frei hatte. In Vestby wurden wir fündig und der Preis war mit 690 Kronen auch völlig in Ordnung.

Auf Vestby fiel die Entscheidung auch deswegen, weil nämlich nicht, wie ursprünglich falsch in meinem Gehirn abgespeichert, der Oslofjordtunnel in Moss war, sondern weil sich dieser bei Drøbak befindet. Da lag es dann auch nahe, noch ein wenig weiter Richtung Norden zu fahren, um am nächsten Morgen unsere Fahrt direkt am Tunnel fortzusetzen.

Als wir am Hotel ankamen, sah es dort irgendwie tot und unbewohnt aus. Daher schlug ich vor, erst einzuchecken und dann unser Gepäck zu holen. Doch der Lebensabschnittsgefährte wollte direkt alles mitschleppen, er hatte ja schließlich telefonisch reserviert. Wir räumten das Auto leer und schleppten alles über den Eisbedeckten Boden durch die Kälte zum Hoteleingang, um da folgendes Schild vorzufinden:

Leider hatte der Herr Lebensabschnittsgefährte vercheckt, wie das mit den Adressen und dem Einchecken im Hotel funktionieren sollte. Wir haben unser Zeug wieder zurück zum Auto geschleppt und sind über den vereisten Parkplatz zur Straße zurückgeeiert. Die Rezeption im Hüttenpark war schnell gefunden und sah sehr gemütlich und einladend aus.

Da das Frühstücksbuffet derzeit nicht zur Verfügung stand, bekamen wir sogar noch ein wenig Nachlass auf den Preis. Wir zahlten und fuhren zum Hotel zurück. Unser Hotelzimmer war völlig in Ordnung. Nur der Flur hatte den Charme einer Nervenheilanstalt.


Nachdem wir uns im Zimmer ausgebreitet hatten, legten wir die Füße hoch und unsere zu kühlenden Vorräte draußen auf die Fensterbank. Dazu hatte ich sie in eine Tasche gesteckt und die Tragegurte der Tasche innen zugeknotet. So konnte die Tasche nicht herunterfallen. Der Lebensabschnittsgefährte hat meine Technik aber nicht durchschaut und einfach das Fenster geöffnet. Mit dem Knoten waren die Gurte zu kurz, um die Tasche gleichzeitig festzuhalten. So landeten unser Abendessen und meine Milch für den Kaffee unten auf dem Rasenstück unterm Fenster. Von oben konnte ich schon sehen, dass zumindest ein oder zwei Teile aufgeplatzt waren. Der Lebensabschnittsgefährte zog seine Schuhe wieder an und ging runter. Erst brauchte er ewig, um die Tür zu öffnen, weil die Technik dafür nicht eindeutig war. Und dann kam natürlich prompt jemand, als er da auf dem Grün hockte, um unser Abendessen vom Boden aufzulesen. Die Milch war aufgeplatzt, aber glücklicherweise nicht komplett ausgelaufen. Und der Salat war ebenfalls aufgeplatzt, aber noch essbar. Ich füllt kurzerhand die restliche Milch in eine leere Wasserflasche und den Salat in einen Plastikbecher um. Situation gerettet. Nach dem Abendessen fielen wir ziemlich erschöpft ins Bett und freuten uns auf den nächsten Tag.


Für die Freaks hier noch unser stark gekürztes Roadmovie in 8-facher Geschwindigkeit (sonst guckt sich das ja gar keiner an) und der GPS-Track der Tagestour. Und falls sich das doch noch einer „in langsam“ angucken will, ist das Video in 2-facher-Geschwindigkeit auch nochmal verlinkt.