Auf nach Norddeich

Der Wecker klingelte um vier Uhr. Ich war erst nach Mitternacht eingeschlafen und um kurz vor Zwei wieder wach geworden, ohne noch einmal einschlafen zu können. Ich war todmüde. Der Kater war einigermaßen verwirrt und wusste nicht, ob er schon um Futter betteln soll. Er entschied sich erst einmal dagegen, sprang etwas zögerlich aus dem Bett und setzte sich abwartend ins Wohnzimmer. Ich quälte mich aus dem Bett, um mir einen Kaffee zu machen. Draußen war es noch stockfinster.

Ostfriesland_Hinfahrt_4uhrmorgens

Am Vortag hatten wir bereits alles gepackt und die Verteilung von Gepäck und den unzähligen Gegenständen, die wir auf unserer Tour eventuell brauchen könnten, minutiös geplant. Frühstücken wollten wir im Zug, so brauchten wir nur einen Kaffee, eine Dusche und dann ging es los. Reisefieber! :)

Fahrraeder_daheim

In der Morgendämmerung radelten wir zum Darmstädter Hauptbahnhof. Um 06:00 Uhr ging unser Zug nach Frankfurt, wo wir zum ersten Mal umsteigen mussten.

Am Bahnhof besorgte ich mir einen Kaffee. Da die heimischen Vorräte verbraucht werden mussten, hatten wir Brote und Orangensaft von zuhause mitgebracht. Nun warteten wir nur noch auf den Zug. Bis Frankfurt lief alles glatt, wir hatten fast 45 Minuten Zeit zum Umsteigen von Gleis 11 auf Gleis 13, das war selbst mit Fahrrädern zu schaffen. Und dann die Anzeige:

Ohne_Wagen_6

Wagen 6 wäre der Fahrradwagen gewesen. Ich ging zur Information und fragte, wie man sich das vorstellte, und bekam zur Auskunft, dass ein gesonderter Waggon, vermutlich ein Steuerwagen, zur Verfügung stünde und direkt am Prellbock vorne zu finden sein sollte. Als ich zum Lebensabschnittsgefährten zurückkehrte, fuhr der Zug auch schon ein – allerdings nicht mit Steuerwagen, sondern mit einem ziemlich alten 1.-Klasse-Wagen. Und wir bekamen die Auskunft, dass dort drin die Fahrräder verstaut werden sollten, jeweils zwei Stück pro Abteil. Na toll! Es war ganz schön eng da drin und nicht gerade leicht, um die Kurve zu kommen. Die Fahrräder passten so gerade eben in das Abteil.

Fahrraeder_erster_Klasse

Wir nahmen Platz und endlich unser Frühstück ein. Ich war mittlerweile halb verhungert und leicht genervt. Anschließend vertrieben wir uns die Zeit mit lesen, aus-dem-Fenster-gucken und quatschen. Außerdem lauschten wir den dramatischen Szenen, die sich abspielten, weil aufgrund von Wagenausfällen die Reservierungen nicht angezeigt wurden. Zwar waren ausreichend Plätze vorhanden, aber Reisende mit Reservierungen sind eine sehr spezielle und anstrengende Spezies und bisweilen durchaus amüsant.

343000

Mit den Zahlen angeben können sie, aber sich auf die Zahlen einstellen und entsprechendes rollendes Material zur Verfügung zu stellen, scheint etwas zuviel verlangt zu sein. ;)

Sämtliche Versuche, ein wenig zu dösen, gingen schief. Ich war viel zu aufgeregt. Kurz vor Kassel gab ich die Schlafversuche auf und wollte stattdessen noch einen Kaffee, als eine Frau ins Abteil gelaufen kam und unmittelbar darauf mit der Zugbegleiterin wieder aus dem Abteil verschwand. Wir fuhren in den Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe ein, begleitet von der Durchsage, dass unser Aufenthalt etwas länger dauern wird, da wir einen Notarzteinsatz im Zug hätten. Blöderweise war dieser Einsatz zwischen uns und dem BordBistro, so dass ich auf meinen Kaffee noch eine Weile warten musste.

Da wir in Hannover ca. 45 Minuten Zeit zum Umsteigen hatten, machte die Verspätung von rund 10 Minuten nichts aus. Wir suchten das Gleis, auf dem unser Anschluss-IC fahren sollte und warteten dort etwas abseits vom Trubel. Der IC nach Norddeich war dann auch mit Fahrradwagen ausgestattet und wir konnten unsere Räder sicher verstauen.

Fahrraeder_im_IC

Das Fahrradabteil befand sich im Steuerwagen und da der Zug Steuerwagen voraus fuhr, hatten wir eine prima Aussicht.

Der letzte Teil der Reise erfolgte auf einer eingleisigen Strecke durch ländliches Gebiet. Nach langer Zeit sah ich mal wieder Kühe auf der Weide. Dank „intensiver Landwirtschaft“ (Euphemismus für Raubbau an der Natur) sieht man so etwas in Deutschland kaum noch. Entlang der Strecke gab es reichlich zufriedene Kühe, manche sogar mit schattenspendenden Bäumen, die sie gerne nutzten.

Simba

An irgendeiner Station ging die Türe auf, ich vernahm ein: „Hopp!“, und ein kleiner Hund kam in den Waggon geflogen, landete sicher auf allen Vieren und drehte eine Runde, um alle Anwesenden zu begrüßen. Seine zweibeinige Begleiterin wuchtete ihr Fahrrad in den Waggon und teilte dann ihr Frühstück mit ihm. Anschließend rollte er sich einen halben Meter von mir entfernt, ich saß auf dem Boden, zusammen und döste vor sich hin. Ich erfuhr, dass der sympathische Mitreisende auf den Namen Simba hört und die beiden ein Stück der Küste entgegen mit dem Zug fuhren, um dort eine Radtour zu machen, wo es nicht ganz so heiß sein würde wie im Landesinneren.

Bahnhof_Norddeich

Wir hätten auch am Bahnhof Norddeich aussteigen können, aber bei meinen vielen Pendler-Fahrten bin ich ab und zu mal mit einem IC gefahren, der Norddeich Mole als Endbahnhof hat, und ich habe mir oft gewünscht, einfach bis zum Ende sitzen bleiben zu können. Heute war es soweit. Auch wenn es albern ist, denn der Zug fährt nur noch einmal über die Straße, wie man auf dem folgenden Bild sehen kann, das den Blick von Norddeich Mole nach Norddeich Hauptbahnhof zeigt.

Norddeich_Bahnhof

Ziel bei strahlend schönem Wetter erreicht!

Norddeich_Mole