Schlauer werden in Bonn

Oft vermisse ich das trostlose „Bonn.“, mit dem früher fast jede Tagesschau begann. Ebenso trostlos ist die Stadt selbst – heute zumindest. Als sie noch Bundesdorf war, war ich nie dort. Gestern musste ich zu einer Fortbildung dorthin.

Um 05:30 Uhr klingelte der Wecker. Ich hätte ihn ja auf 06:00 Uhr gestellt, aber nachdem der Lebensabschnittsgefährte am Abend zuvor dreimal und ziemlich eindringlich fragte, ob mir das auch früh genug sei, entschied ich mich kurz vor dem Einschlafen noch um. Gestern Morgen war ich recht froh darum, denn während wir beim Frühstück saßen, erzählte die Tussi im Radio etwas von einem Zugausfall, weil ein Vogel in die Oberleitung geflogen sei. Ein Zug habe deswegen auf offener Strecke gestanden und die Reisenden mussten etwa 1,5 Stunden im Zug ausharren. „Was war das bitte für ein Vogel?“, fragte ich den Lebensabschnittsgefährten rhetorisch, „Ein Flugsaurier?“ Und dann dämmerte es: „Hat die gerade etwas von Mainz gesagt?“ Hektisch schaute ich auf der mobilen Webseite der Bahn, ob es Neuigkeiten zu meiner gebuchten Verbindung gab. Beim IC war alles in Ordnung, aber beim Regionalzug nach Mainz Hbf, wo ich umsteigen sollte, gab es eine Eintragung, die mir missfiel:

Oberleitungsstoerung

Bei Mainz Hbf stand außerdem noch der Hinweis „Halt entfällt“. Ach du Scheiße! Flugs suchten der Lebensabschnittsgefährte und ich nach einer Alternative. Um in Mainz vom letzten Halt der Regionalbahn zum Hauptbahnhof zu gelangen, hätte ich innerhalb von drei Minuten mein Zeug zusammenraffen, Zähne putzen, mich anziehen (Schuhe, Jacke und wärmender Kleinkram wie Stinband, Schal und Handschuhe) und zur Tram-Haltestelle rennen müssen. Das hätte nicht einmal Speedy Gonzales geschafft! Eine weitere Alternative sah vor, die Tram in 20 Minuten zu nehmen, am Luisenplatz in den AirLiner umzusteigen und in Frankfurt Flughafen bereits in den gebuchten IC einzusteigen. Diese wählte ich dann auch.

Autobahn_AirLiner

Ich fahre gerne mit dem AirLiner und finde es immer wieder spannend, wie der sich im Straßen-Gewirr am Flughafen zurechtfindet. Ich wäre dort rettungslos verloren, erst Recht, da zerzeit dort gebaut wird.

Baustelle_Flughafen

Wir waren etwas zu früh da, so hatte ich Zeit, in aller Ruhe zum Fernbahnhof zu laufen. Der Flughafen ist ja nicht gerade klein, und je nachdem, wohin man will, ist man eine Weile unterwegs. Der Fußweg vom AirLiner zum Fernbahnhof wird von der Bahn mit 10 Minuten angegeben. Tatsächlich braucht wenn, wenn man relativ schnell zu Fuß unterwegs ist, ungefähr fünf Minuten. Am Fernbahnhof angekommen, stellte ich fest, dass der IC etwa fünf Minuten Verspätung hatte.

5-Minuten-Verspaetung

Es war lausig kalt und um nicht zu frieren, lief ich bis ans Ende des Bahnsteigs und macht dort ein paar Photos.


Dann lief ich zurück bis ans andere Ende vom Bahnsteig. Zumindest wollte ich dorthin, wurde aber unterwegs von einem Kiosk, der heiße Schokolade verkauft, gestoppt. Unmittelbar bevor ich an der Reihe war, fuhr aber mein Zug ein. Na gut, dann gibt es eben keinen Kakao.

Am_Rhein

Die Fahrt am Rhein entlang verlief ruhig. Wie unter der Woche üblich, war der Zug auch nicht allzu voll. Zu den fünf Minuten Verspätung vom Anfang gesellte sich noch eine Signalstörung zwischen Koblenz und Bonn, sodass wir mit etwa 10 Minuten Verspätung in Bonn ankamen. Dort versuchte ich zunächst, mich in dem schlecht ausgeschilderten Labyrinth unter dem Bonner Hauptbahnhof zurechtzufinden. Dort versammelt sich zudem alles, was durch das immer gröber werdende Raster unserer Sozialgesellschaft fällt, was dem Bahnhof nicht gerade Wohlfühl-Ambiente verleiht.

Als ich endlich den richtigen Ausgang gefunden hatte, ärgerte ich mich, dass ich meine Sonnenbrille nicht dabei hatte. Der Ärger verflog allerdings recht schnell, als ein Mann mich ansprach, um sich nach der Abfahrtszeit eines Busses zu erkundigen. Das alte Syndrom, anscheinend habe ich ein für mich unsichtbares i auf der Stirn tätowiert. „Zufällig kann ich Ihnen das sagen, ich habe mir die Abfahrtszeiten nämlich ausgedruckt“, erwiderte ich und fügte vorsichtshalber hinzu: „Ich bin nicht von hier.“ Er strahlte über das ganze Gesicht, als ich ihm auf Nachfrage mitteilte, dass ich aus Darmstadt komme. Er selbst sei aus Frankfurt. Die Hessen sind einfach überall, wie ich 2013 auf Rügen bereits feststellte. Jedenfalls müsse er zur Afghanischen Botschaft, weil er zwar schon seit etlichen Jahren Deutscher Staatsbürger ist, aber um eine Geburtsurkunde zu bekommen, trotzdem noch zur Botschaft muss. Ganz schön umständlich. Er sprach übrigens einwandfreies, fast akzentfreies und wirklich gutes Deutsch. In dem Moment kam mein Bus. Ich wünschte ihm noch einen schönen Tag und verschwand.

Zwei Haltestellen waren es nur, das hätte ich auch zu Fuß gehen können. Ich stand auf, als die zweite Haltestelle durchgesagt wurde, und sah, als ich beim Fahrer angekommen war, gerade noch, wie wir daran vorbei fuhren. „Aber hier muss ich doch aussteigen!“, entfuhr es mir. „Sie haben nicht gedrückt“, entgegnete der Fahrer. Mit dieser Feststellung hatte er zweifelsohne Recht. „Ich bin nicht von hier.“ Etwas Intelligenteres fiel mir nicht ein. „Wohnen Sie nicht in Deutschland?“ Wir wollen mal nicht übertreiben … „Doch, doch, in Darmstadt. Da halten die Busse aber immer an, da muss man nicht drücken.“ Ich glaube, das fällt in die Kategorie Notlüge. Der hält mich ja sonst für völlig verblödet. „Achso, da ist es anders“, konstatierte er und öffnete die Tür. Während der gesamten Unterhaltung stand der Bus an einer roten Ampel und ich hatte die ganze Zeit gehofft, dass er mich noch rauslassen würde. Ich war ziemlich happy, dass ich nicht noch eine Haltestelle zurück laufen musste und noch später als ohnehin schon bei der Fortbildung ankommen würde. Als ich dort ankam, war es 10:10 Uhr. Ich setzte mich an einen freien Platz und wir fingen an.

Fortbildung

In der Mittagspause gab es Suppe, zum Nachtisch Apfelkuchen und ein Auto mit witzigem Nummernschild auf dem Hof. Ich bin zwar schon geschmacklich anspruchsvoller bei Fortbildungen verköstigt worden, aber angesichts meiner desolaten Eingeweide tat mir das ganz gut.

Um kurz vor Fünf war die Veranstaltung beendet und ich machte mich auf den Weg zurück nach Hause, was sich in einem Satz zusammenfassen lässt:

Die Rückfahrt verlief ereignislos und ich war pünktlich. ;)

Ein Gedanke zu „Schlauer werden in Bonn

  1. Ach, Du und Deine Reisen … :-)) Du bist echt das beste Beispiel für den alten Spruch „wenn einer eine Reise tut …“

    Aber am besten finde ich das Notizbuch, echt goldig ;-)

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