Snickers-Tage

Oder: So viele Schokoriegel kann ich gar nicht kotzen.

Nach der Kniespiegelung vor drei Wochen stand fest, dass das darkinchen um eine Operation am Knie nicht herum kommt. Die Stellung der ständig herausspringenden Kniescheibe wird nach Blauth korrigiert. Mahlzeit. Grund genug jedenfalls, das Muttertier raushängen zu lassen und nach Dead Man’s Town zu fahren.

Am Mittwochmorgen ging’s los. In Mainz war man unschlüssig, wieviel Verspätung der IC nach Köln haben sollte. Auf dem Zuganzeiger stand 10 Minuten, die App meldete 5 Minuten und die Durchsage entschied sich für die ungefähre Mitte und verkündete 8 Minuten. Bis Köln rundete der Lokführer auf 10 Minuten auf. Theoretisch war mein Anschluss-ICE weg. Allerdings verweigerte mir der Zugbegleiter die Aufhebung der Zubindung meines Spartickets mit der Begründung, dass der ICE 15 Minuten Verspätung habe. Prima! Blöd zwar, dass 15 Minuten so ziemlich genau die Zeit war, die mir in Asitown aka Duisburg zum Umsteigen blieb, aber von dort nach Viersen zu kommen sollte problemloser sein als von Köln aus.

Kurz vor Asitown aka Duisburg war mir das Glück noch einmal hold: Auch der Regionalexpress hatte 5 Minuten Verspätung, sodass ich diesen ohne Mühe erreichen konnte. Theoretisch zumindest, praktisch hielt es in Asitown aka Duisburg niemand für nötig, die Gleisänderung per Durchsage bekannt zu geben. Hätte ich nicht zufällig auf den Zuganzeiger von Gleis 2 geschaut und dort den RE nach Mönchengladbach noch rechtzeitig genug entdeckt, um die Treppe runter, rüber zur nächsten Treppe und wieder hochzulaufen und in den Zug einzusteigen, wäre der glatt ohne mich gefahren. Und obwohl die Verspätung aller von mir gebuchten Züge insgesamt etwa 30 Minuten betrug, kam ich nur 5 Minuten später als geplant in Viersen an.

Als ich in des darkinchens Wohnung ankam, war ich noch alleine und konnte in Ruhe einen Kaffee genießen. Der Rest des Nachmittags verlief etwas chaotisch, anstregend und teuer. Während die junge Kranke noch einmal zur Physiotherapie musste, ging Frau dark* in Downtown Viersen shoppen. Wenn man jung ist, hat man für so unnützes Zeug wie Pfannen, Zahnbürsten, Socken etc. kein Geld übrig, so etwas besorgen Mütter. Außerdem schleppte ich noch gefühlte 8 Kilo Fressalien für den bevorstehenden Klinikaufenthalt durch die City. Und an der Zebratürrolle, die meinen Nachwuchs im Winter vor unerwünschter Zugluft schützen soll, konnte ich auch nicht vorbeigehen. Zu guter Letzt spendierte ich dem Krüppelchen noch eine neue Weste für die Übergangszeit. (Stichwort: „Kind, zieh dich warm an!“ Mütter können so scheiße sein, aber das muss irgendwie auf dem zweiten X-Chromosom gespeichert sein, man kann sich nicht dagegen wehren. Ich finde es selbst grauenvoll.)

Für den Abend waren wir mit Familie „Bei uns in Fischeln“, meinen Lieblingsspießern, verabredet. Wie üblich war Broiler-Essen in der Gaststätte Zur Vreed angesagt. Und wie üblich waren die Portionen mehr als ausreichend und saulecker. Natürlich war auch dieser Abend wieder viel zu kurz. Aber da wir am nächsten Morgen um 05:00 Uhr (!) aufstehen mussten, war eine Verlängerung ausgeschlossen. Wir mussten heim.

Die Stimmung war ein wenig getrübt am Donnerstagmorgen. Dies war sicherlich dem Schlafmangel, aber auch dem bevorstehenden Event geschuldet. Eine Sehne vom Knochen lösen und an anderer Stelle wieder festschrauben ist kein Zuckerschlecken. Da darf man nervös sein. Pünktlich um 07:00 Uhr waren wir in der Klinik, kurz darauf setzt das mir bestens bekannte präoperative Prozedere ein.

„Guten Morgen, ich möchte Ihr Bein markieren.“ Mit diesen doppeldeutigen Worten und einem Edding bewaffnet betrat der Stationsarzt das Zimmer. Er malte zwei Pfeile auf das aufzuschneidende Bein und verschwand wieder. Als nächstes kam eine Schwester, um die waidwunde Keule ausgiebig zu rasieren. Die nächste brachte das Leichenhemdchen und einen Kompressionsstrumpf. Die OP-Mode hat sich in den letzten 25 Jahren nicht geändert. Wir entfernten sämtliches Metall aus der Patientin und räumte alles in ihren Schrank. Ich bildete mir ein, dass der Boden sich in diesem Moment ein wenig unter der Last senkte. Als alles aufgeräumt und die Diva OP-fein war, kam die Schwester mit dem Drogen-Cocktail. Es war etwa 08:00 Uhr.

Wer sich immer wieder über nicht eingehaltene Fahrpläne von öffentlichen Verkehrsmitteln aufregt, war noch nie Opfer eines OP-Plans.

Ich beschäftigte mich überwiegend mit meinem Smartphone. Glücklicherweise habe ich dort immer ein paar Spiele installiert. Zwischendurch las ich Nachrichten und in diversen Blogs. So viel Zeit hatte ich für solche Dinge schon lange nicht mehr. Mein knurrender Magen begrüßte jeden, der das Zimmer betrat. Als ich das Personal in einem Nebensatz darauf hinwies, dass ich Freitag wieder nach Darmstadt fahre, da ich Samstag arbeiten muss, und die OP bis dahin idealerweise abgeschlossen sein sollte, lächelten manche mitleidig, während andere betreten zur Seite blickten.

Selbst Nameless ließ frustriert den Kopf hängen:

Selbst Nameless ließ frustriert den Kopf hängen.

Um 13:00 Uhr hatte die Diva ihren Drogenrausch ausgeschlafen, Hunger wie ein Wolf und außerdem die Schnauze voll. Nur mit Mühe war sie davon abzuhalten, ihre Sachen zu packen und die Klinik zu verlassen. Die junge Praktikantin, die das Donnerwetter abbekam, wirkte ein wenig hilflos und verließ das Zimmer. Kurz darauf kam sie allerdings wieder und berichtete, dass ein Anruf bei der Anästhesie ergeben hätte, dass es nun nicht mehr lange dauern würde.

Um 13:58 Uhr schob ich sie höchstpersönlich über die Schwelle zum Vorbereitungsraum. Weiter durfte ich nicht mit, so ging ich in die Caféteria, um endlich etwas zu essen und in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Anschließend pendelte ich eine Weile zwischen Wachstation und ihrem Krankenzimmer hin und her.

Um 17:30 Uhr platzte mir dezent der Kragen und mein Frust ergoss sich in einem Redeschwall über die Schwester von der Spätschicht, die gerade das Abendessen an eine Zimmergenossin der Diva austeilen wollte. Sie verließ das Zimmer. Kurz darauf kam sie allerdings wieder und berichtete, dass ein Anruf auf der Wachstation ergeben hätte, dass meine Tochter dort soeben hineingefahren worden sei.

Anscheinend wird man in dieser Klinik erst aktiv, wenn die Patienten und Angehörigen ausflippen. Denn wenn man freundlich fragt, wann denn mit diesem oder jenem zu rechnen sei, bekommt man nur schwammige bzw. inhaltsleere Antworten, das wisse man nicht, das könne man nicht sagen etc. Wobei ich jetzt nicht die Klinik als Ganzes schlecht machen will, denn fachlich habe ich durchaus den Eindruck, dass das darkinchen dort in guten Händen ist. Aber in Punkto Organisation und Angehörigen-Abwimmelung kann man dort noch einiges lernen. Hinterher hieß es von verschiedenen Seiten: „Hätten Sie mal mich gefragt, dann …“ Schön und gut, aber woher soll man wissen, wer da wirklich zuverlässige Auskunft geben kann? Und das Problem, für 7 Uhr morgens bestellt zu werden, wenn man erst um 14 Uhr operiert wird (genau gesagt sogar erst 15:23 Uhr, bis kurz nach 15 Uhr lag sie nämlich im Vorbereitungsraum), blieb ebenfalls ungelöst.

Anyway, kurz vor 18 Uhr war sie jedenfalls wieder unter den Lebendigen …

Wegen der starken Schmerzmittel musste sie noch bis ca. 19 Uhr am Monitor hängen, dann ging es mit PCA auf die Station zurück. Kurz darauf meldete sich J., lange Jahre meine beste weil einzige Freundin, die sich auf den Weg zur Klinik machte und sich dabei auf ihr Navi verlassen musste. Wie verlassen sie damit war, sollten wir kurz darauf merken. Denn statt der angekündigten 16 Minuten brauchte sie fast eine Stunde, um uns endlich zu finden. Damit sie nicht auch noch durch die verwinkelten Krankenhausflure irren musste, ging ich ihr bis zum Parkplatz entgegen.

Dies stellte sich als Fehler heraus. Beim Verlassen des Gebäudes glitten die Glastüren noch wie von Geisterhand nach rechts und links zur Seite, als ich auf sie zuging. Jetzt blieben sie jedoch zu. Auch wildes Rumgefuchtel vor dem Bewegungssensor änderte daran nichts, wir kamen nicht in die Klinik hinein. Wie ungünstig. Ich versuchte meine Tochter anzurufen, aber die hatte Klingelton und Vibration abgestellt. Und nun? Ich weiß nicht, wie lange wir vor dieser verschissenen Türe standen. Ich hätte am liebsten vor Frust und Wut losgeheult. 12 Stunden hatte ich nun in diesem Krankenhaus verbracht, um jetzt hier ausgesperrt und natürlich ohne Jacke im Kalten vor der Türe zu stehen?! Ich war fassungslos und des Denkens eher unfähig, stand vor dieser Glastür wie das Kaninchen vor der Schlange. Irgendwann kam ich auf die Idee, um das Gebäude herum zu laufen, und siehe da: Es gibt einen Nachteingang!

Um 20:13 Uhr betraten wir endlich das Krankenzimmer, um etwa 15 Minuten später nach Hause zu fahren. Das darkinchen gab sich dem Drogenrausch hin und schlief mehr als das sie wach war und ich war ebenfalls fix und fertig. Um kurz nach 21 Uhr lag ich mit Laptop im Bett.

Am Freitagmorgen – nach eher schlechtem als rechtem Schlaf – räumte ich die Wohnung noch ein wenig auf, machte mich erst fertig und dann auf den Weg in die Klinik. Im Krankenzimmer ging’s zu wie im Taubenschlag: Erst kam eine Schwester, um das darkinchen zum Röntgen abzuholen, was allerdings von der Visite verhindert wurde. Dann kamen zwei Lettermänner, um das Knie für die Schiene zu vermessen, danach erschien die Röntgen-Schwester wieder und zu guter Letzt trat die Physiotherapeutin noch auf den Plan, die warten musste, bis die Diva vom Röntgen zurück war.

Nach einer Stunde konnte ich meine Tochter endlich begrüßen. Wir quatschten, spielten Karten, ich aß ihr Mittagessen, da ihr eh ständig übel war und wir knipsten die Mumienkeule:

Mumienkeule

Mumienkeule

Um kurz vor 15 Uhr trat ich von der Bühne und überließ die Diva sich selbst. Diese schlief noch ein wenig und gab später Audienzen.

Screenshot_2013-09-20-15-36-50Mein Bus war ein paar Minuten zu spät, der Zug kam dafür etwas zu früh. Trotzdem war ich rechtzeitig in Asitown aka Duisburg, um dort festzustellen, dass mein IC 35 Minuten Verspätung haben sollte. Ächz! Der freundliche Mitarbeiter der Bahn hob meine Zugbindung auf und ich fuhr mit dem ICE über Frankfurt. Dieser war zwar gut gefüllt, der HotSpot funktionierte nicht und der AfD-Typ mit seinen Flyern war etwas nervig, aber was soll’s, ich war eine Stunde früher als geplant in Darmstadt.

Nächste Woche geht’s wieder los, die Diva zurück in ihre Gemächer begleiten.

2 Gedanken zu „Snickers-Tage

  1. Pingback: Was war inzwischen – KW 38 | my so called life

  2. Pingback: Krankentransport | dark*unterwegs

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.