J. hat’s getan!

Als ich zum ersten Mal davon hörte, war ich einigermaßen sprachlos: J., besser bekannt als meine beste weil einzige Freundin, der Fels in der Brandung weiblichen Eigensinns, die fleischgewordene Eigenständigkeit, das personifizierte „Ich mach den Mädchen-Scheiß nicht mit!“ hatte die Fassade abgeworfen und sich letztes Jahr Weihnachten verlobt! Wir haben schon länger nur eher losen Kontakt, die Lebensplanungen passten irgendwann nicht mehr zu 100 % zusammen und die Entfernung tut ihr Übriges. So fragte ich mich ernsthaft, ob das noch die J. ist, die ich seinerzeit immer als beste weil einzige Freundin tituliert hatte. Erst, als ich das Datum der Hochzeit vernahm, und erst recht, als ich im Sommer mit dem darkinchen bei ihr zu Besuch war und es war wie immer (auch wenn wir zwei Jahre nicht an einem Tisch gesessen haben, könnte man meinen, es wäre erst gestern gewesen), erst dann war ich wieder sicher, dass es sich um meine J. handelte: Freitag der 13.

So häufig kommt dieses Datum nicht vor, weswegen es dann eine ganze Weile dauerte, bis die Trauung nach der Verlobung auch endlich vollzogen wurde. Und zu meiner großen Freude sollten das darkinchen und ich zunächst die Überraschungsgäste sein! J.s Mutter und Schwester organisierten das und verschickten die Einladungen. Wir freuten uns wie Blöde und hatten große Mühe, uns nicht zu verplappern, als wir im Sommer bei J. zu Besuch waren. Die ahnte ja nichts von ihrem großen Glück und vermied das Thema Hochzeitsfeier, vermutlich um nicht in Erklärungsnot zu geraten, dass wir nicht eingeladen seien. Wir vermieden das Thema Hochzeit ebenfalls, um uns nicht zu verraten. Irgendwie war das grotesk. Für einen Außenstehenden muss es gewirkt haben, als würde sich keine von uns Dreien überhaupt irgendwie dafür interessieren, weder die künftige Braut, noch wir.

Anfang August kam dann per WhatsApp die Nachricht: „Ick freu mir!“ Ja, Fuck! Wieso weiß die denn jetzt Bescheid? Ich hatte mich schon so auf meine Rolle als Überraschungsgast gefreut. Aber jemand ist von der Gästeliste gestrichen worden und J. bestand darauf, dass das darkinchen und ich die Nachrücker sein sollen. Grmpf. Nun ja, es ist wie es ist. Meine Vorfreude auf das Ereignis an sich war natürlich in keinster Weise getrübt und die des darkinchens sowieso nicht. Von wem auch immer das Kind das hat, es findet Hochzeiten, Geburtstage usw. toll. Irgendetwas ist da in der Erziehung falsch gelaufen.

Funfact: Der Lebensabschnittsgefährte und ich waren, seit wir zusammen sind, bisher jedes Jahr auf einer Hochzeit eingeladen. Die ersten fünf waren im Bekanntenkreis des Herrn Lebensabschnittsgefährten und jedes Mal habe ich geflucht darüber, dass ich mich ständig in Schale schmeißen, gut benehmen und – das Schlimmste! – Smalltalk mit wildfremden Menschen machen muss. Ersteres wirkt bei mir immer genau so, wie es auch ist: gewollt und nicht gekonnt. Ich komme mir jedes Mal wieder super verkleidet vor. Das Zweite kann ich, beim Dritten versage ich kläglich. Vor einer Hochzeit konnte ich mich drücken, die anderen habe ich über mich ergehen lassen. 2016 hörte das schlagartig auf. Dafür fängt nun mein Bekanntenkreis mit dem Mist an! Vergangenes Jahr Familie „Bei uns in Fischeln“ und dieses Jahr J. Wenigstens ist mein Bekanntenkreis damit auch schon wieder zuende und weitere Hochzeiten sind – mit Ausnahme des darkinchens – nicht zu befürchten.

Bei allen Hochzeiten gab es eine Konstante: Das junge Glück braucht oder will Geld. Hiervon gab es nur eine Ausnahme und die haben wir für unseren nächsten Norwegen-Trip einverleibt. Aber hier war es nicht anders und so stand das Hochzeitsgeschenk schnell fest. Nur die Ideen für originelle Verpackungen gehen uns langsam aus. Dieses Mal sollte es ein Ballon mit Helium gefüllt, an dem ein Herz mit Geld hängt, sein. Den Ballon besorgte das darkinchen, das dafür eher ein Händchen hat, während ich mich um das „Anhängsel“ kümmerte.


Damit das Geschenk nicht wegfliegt, falls mal jemand unvorsichtig beim Festhalten des Ballons ist, fischte ich ein wenig Kleingeld aus meiner Sammeltonne-für-den-Auftragskiller, in die ich in letzter Zeit auch 1- und 2-Euro-Stücke geworfen hatte. Mit 20 € in Hartgeld sollte der Ballon auf dem Boden bleiben. Den Rest wechselten wir in kleine Scheine, die wir zusammenrollten und mit Kräuselband verknoteten. Als Füllmaterial verwendeten wir Luftschlangen. Das sah gut aus.

Nachdem dieses Problem gelöst war, packten wir unsere Taschen und bereiteten alles für die morgige Fahrt vor. Nach dem Frühstück sollte das Tigerkatzitatzi in einer Pension probewohnen. Da wir nächstes Jahr mal wieder etwas länger Urlaub machen wollen, muss er da nun durch. Katzensitter akzeptiert er ja mittlerweile gar nicht mehr. Anschließend war noch etwas Arbeiten angesagt und um 16 Uhr sollte es losgehen, zunächst zum darkinchen und ihrem neuen Lebensgefährten in die Niederrheinische Zuckerrübensteppe.

Das Katzentier war von der Idee eher mäßig bis gar nicht begeistert. Wie immer, wenn irgendetwas seinen gewohnten Rhythmus in Unordnung bringt. Nachdem er daran scheiterte, einen Fluchtweg zu finden, verkrümelte er sich in die hinterste Ecke, die er finden konnte. Seine Artgenossen ließ er links liegen, mit denen wollte er nichts zu tun haben. Von wem er das wohl hat?

Zurück zuhause packte ich unsere Sachen in aller Ruhe ein, dann arbeitete ich noch ein wenig, bereitete noch einmal Mittagessen für uns zu, räumte die Wohnung auf und holte um kurz vor 16 Uhr den Lebensabschnittsgefährten von der Arbeit ab. Es konnte losgehen!

Wir waren ja schon relativ früh unterwegs, der ganz große Feierabendverkehr spielte sich um 17 Uhr herum ab. Dennoch ermittelte das Navi mehrfach neue Routen und wir hatten zwischendurch Stop-and-Go auf der Autobahn. Bei Bonn sollten wir von der A3 auf die A61 wechseln, der Rest verlief dann ganz angenehm dem Sonnenuntergang entgegen.

Ein paar Verrückte waren auf dem Highway unterwegs, die uns schnitten, von ganz links nach ganz rechts in die Ausfahrt vor unserem Kühler vorbeiflitzten, die mit ihrem Kühlergrill den Inhalt unseres Kofferraums inspizierten und dergleichen mehr. Der ganz normale Autobahnwahnsinn eben, der hinter Köln dann endlich nachließ. Da sind dann nur noch die Bauern unterwegs. Die rasen zwar wie die Geisteskranken, geben aber einem nicht ständig das Gefühl, in einen erweiterten Suizid hineingezogen zu werden.

Dank Braunkohlestaub und Kraftwerkabgasen haben die hier ein tolles Farbenspiel bei Sonnenuntergang, das muss man ihnen lassen. Das Navi schickte uns von der Autobahn runter auf die Landstraße und von dieser in einen … Feldweg.

Mir kamen Zweifel auf, ob das hier richtig war. Ich weiß ja, dass meine Tochter jetzt noch ländlicher wohnt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht in der Böschung am Feldrand campiert, sondern immernoch solides Mauerwerk um ihr Schlafgemach bevorzugt. Noch einmal abbiegen, eine Runde um den Acker und dann waren wir endlich da. Die wohnen am Ende einer Straße, wo selbige in den Feldweg mündet.

Ich machte mich als erstes mit dem Hausherren bekannt. Ein netter kleiner Kerl, der noch nicht so recht wusste, was er von unserer Anwesenheit halten sollte. Vielleicht hing auch noch das eine oder andere Smacks-Pheromon in meiner Kleidung, der hatte nämlich schon in seine Transportbox gepinkelt, bevor wir überhaupt die Wohnung verlassen hatten. Und dieser Duft hatte sich im Auto ausgebreitet. Auch wenn wir nichts mehr davon wahrnahmen, eine Katze riecht das bestimmt noch.

Der Rest des Abends ging drauf mit Hausbesichtigung, Lebensgefährten kennenlernen, essen, quatschen und zeitig ins Bett gehen. Uns stand ein anstrengender Tag bevor.

Das darkinchen und ich besitzen beide rote Hochzeitsfummel, die wir für diesen Tag ausgewählt hatten. Da ich ja nicht ständig in Schwarz auf irgendwelchen Hochzeiten aufkreuzen kann, hatte ich mich irgendwann mal für Rot entschieden und besitze nun zwei Fummel für besondere Anlässe, die sich rot/schwarz kombinieren lassen. Die Jungs trugen Anzüge, was haben die es doch einfach bei solchen Gelegenheiten …

Die Trauung fand in Elmpt statt, was so ziemlich am Arsch der Welt ist. Das Navi kannte zwar das Standesamt nicht, aber da dieses Dorf im Wesentlichen nur aus ein paar Häusern entlang der Hauptverkehrsstraße und wenigen Stichstraße besteht, sollte das ja nicht so schwer zu finden sein. Das dachten wir zumindest und noch bevor der Gedanken zuende gedacht war, war das Dorf auch schon zuende durchfahren. Das darkinchen wollte wenden und bog in die letzte verbliebene Querstraße ein. Da stand ein Auto mit Hundebox geparkt. Ich schaute mich genauer um: „Hey, hier wohnen die!“ Vor dem Haus stand auch das Auto der Brauteltern. Wir überlegten, was zu tun sei. Klingeln erschien uns unpassend, die haben jetzt bestimmt keinen Nerv auf großes Hallo. Ich schrieb per Whatsapp, dass wir vor der Tür stehen, weil wir das Standesamt nicht finden konnte und bekam zur Antwort, dass wir doch gleich hinterher fahren sollten. Guter Plan.

Ich war ganz hingerissen. Ich hatte J. noch nie in einem Kleid gesehen. Das passt im Alltag auch so gar nicht zu ihrer burschikosen Art. Auch die Frisur stand ihr wirklich gut. Sie wirkte kein bisschen verkleidet, alles war super aufeinander und auf J. abgestimmt. Und auch der Bräutigam, den ich bisher nur zweimal im Hundeplatz-Outfit gesehen hatte, sah sehr fesch aus in seinem Anzug. Aber ich mag Männer im Anzug ja eh – sehr zum Leidwesen des Lebensabschnittsgefährten.

Nach der Trauung ging es in die Niederrhein-Bronx. Im dortigen Naherholungsgebiet gibt es ein Restaurant mit gutem Ruf und gutem Buffet, wo das Hochzeitsessen stattfand (von dem ich leider kein Bild habe, das ich unter Wahrung sämtlicher Persönlichkeitsrechte verwenden könnte). Ich liebe und hasse Buffet. Ich liebe es, weil man Gelegenheit hat, von allen angebotenen Speisen mal etwas zu probieren. Und ich hasse es, weil ich diese Gelegenheit ausgiebig wahrnehme und anschließend nur noch rollend fortbewegt werden kann. Ich war vollgefressen wie nochwas, als wir uns erneut in die Autos setzten und zum gemütlichen Teil des Tages in die Wohnung von J.s Eltern fuhren.

In lockerer ungezwungener und gemütlicher Atmosphäre verteilte sich die Hochzeitsgesellschaft auf Wohnzimmer und Küche sowie die Suchtgruppe im Garten, das übliche Party-Szenario. Der Bräutigam war noch unterwegs, die fünf vierbeinigen Kinder des Brautpaares versorgen. Bis er damit fertig und zu uns gestoßen war, mussten wir mit der Torte natürlich warten. In der Zwischenzeit waren wir viel mit „Weißt du noch …“ und „Was macht eigentlich …“ beschäftigt. Die meisten der Anwesenden hatte ich seit mindestens 15 Jahren nicht mehr gesehen. Aber trotzdem dauerte es nicht lange, bis man wieder ins Gespräch kam. Und endlich war die Situation mal umgekehrt, ich konnte mit den Leuten reden und der arme Lebensabschnittsgefährte kannte keinen.

Da das darkinchen am nächsten Morgen arbeiten musste, verabschiedeten wir uns relativ zeitig, auch wenn wir gerne noch geblieben wären. Möge das Strahlen dieses Tages noch lange mit den beiden sein … ;)

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