Tag 1 und 2 - Der holprige Weg nach Norwegen

Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll, denn das Chaos ging schon los, bevor die Reise überhaupt gebucht war.

Wir hatten eine Werkstatt damit beauftragt, eine Luftstandheizung in Bert einzubauen. Am 4. Oktober, dem vereinbarten Abgabe-Termin, mussten wir Bert wieder mit nach Hause nehmen, weil der Mitarbeiter ausgefallen war. Die Abgabe wurde daher um eine Woche auf den 11. Oktober verschoben. Ursprünglich war eine Woche eingeplant für den Einbau der Heizung. Leider konnte auch dieser Termin nicht gehalten werden. Tatsächlich konnten wir Bert erst am 21. Oktober, dem geplanten Tag unserer Abreise, vormittags aus der Werkstatt abholen. Der Mitarbeiter war wieder nicht da, diesmal wegen eines positiven Coronatests in der Familie. Wir nahmen unseren Bert also mit, ohne in die Funktion der Heizung eingewiesen worden zu sein. Wird schon gut gehen.

Die Fähre hatte ich am Abend zuvor gebucht. Um 23 Uhr sollte es mit der MS Nils Holgersson nach Trelleborg gehen. Nachdem wir aus der Werkstatt zurück waren, mussten wir erst noch weiter arbeiten. Ich habe sowieso nur eine Vier-Tage-Woche und gehe donnerstags um 13 Uhr ins Wochenende, der Herr Lebensabschnittsgefährte jedoch musste noch bis 16 Uhr schlaues Zeug am Computer machen und hatte für den Freitag Urlaub genommen. Nach dem Mittagessen war ich also mit Reisevorbereitungen beschäftigt, während sich der Schreibtischhengst im Arbeitszimmer die Eier schaukelte.

Währenddessen schraubte ich noch die Halterung für die Wasserkanister fest. Den Anschluss der Spüle haben wir noch nicht fertig. Das sollte am Wochenende zuvor geschehen sein, aber da war das Auto ja nicht da. Schlauch, Pumpe, Schlauchschellen und Werkzeug packte ich ein. Auch unsere Vorhänge werden auf dieser Reise wieder nur provisorisch befestigt sein. Dazu habe ich noch schnell selbstklebendes Metallband auf den Kork geklebt, wo die Vorhänge mit Magneten befestigt werden. Der zwischenzeitlich gekaufte Stoff wurde einigermaßen zurechtgeschnitten, umgenäht werden sie dann später, wenn wir zurück sind.

Als der Lebensabschnittsgefährte Feierabend hatte, packten wir unsere Klamotten zusammen und trugen alles runter zum Auto. Beim Packen selbst musste ich umdisponieren, denn die Heizung wurde nicht, wie ursprünglich geplant, außerhalb der Kabine eingebaut, sondern im Inneren, da dies besser funktioniert hat und außerdem so auch die Wattiefe erhalten bleibt.

Heizung innen eingebaut

Der Stauraum unter der Sitzbank zur Fahrerkabine hin fiel daher weitgehendst weg. Eigentlich sollte da das Bettzeug hin, das nun auf der Beifahrerseite Platz fand. Den Rest stopfte ich zunächst unsortiert in den Küchenblock.

Nach dem Abendessen fiel uns ein, dass wir vergessen hatten zu tanken. Bert zeigte eine Restreichweite von unter 50 Kilometern an. Für Norwegen würde das nicht ganz reichen. Wir machten uns daher zeitig auf den Weg zum Überseehafen, tankten dort und kontrollierten den Reifendruck, was wir auch noch nicht getan hatten, seit die neuen Reifen drauf sind. Dann stellten wir uns an den Check-in-Schalter und warteten auf das Schiff.

Wartende Fahrzeuge beim Check-in am Fähr-Terminal

Um 21:30 Uhr sollte die Nils Holgersson in Rostock ankommen. Um 22:18 Uhr war sie immer noch nicht da. Ich suchte mit vesselfinder.com nach dem Schiff und war ein wenig geschockt: Die Nils Holgersson war noch in der Kadetrinne! So schnell würde die nicht im Hafen anlegen.

Screenshot vesselfinder.com: Nils Holgersson in der Kaderinne

Die Laune war in etwa so niedrig wie die Außentemperaturen. Wir setzten uns erst einmal nach hinten. Dort gab es warme Getränke, etwas zu essen und eine Toilette. Irgendwann bekam ich eher zufällig mit, dass die Autos um uns herum alle den Motor starteten und losfuhren. Immerhin war der Check-in jetzt möglich. Da ich schon online eingecheckt hatte, mussten wir nur noch die Kabinenkarten drucken. Als kleine Entschädigung für die Verspätung gab es für jeden Passagier 3,00 € Bordguthaben. Lieber wäre es mir gewesen, ich könnte mich endlich in meiner Kabine in die Koje werfen.

Screenshot vesselfinder.com: Nils Holgersson wendet im Rostocker Hafen

Kurz nach Mitternacht war es endlich so weit: Die Nils Holgersson passierte die Molenfeuer in Warnemünde und fuhr in den Rostocker Hafen. Um 00:16 Uhr wendete sie und parkte anschließend rückwärts ein.

Nachdem alle vom Schiff runter waren, durften wir endlich drauf fahren. Wir hatten einen Rucksack extra für die Kabine gepackt, allerdings war selbige noch nicht ganz fertig. Ich hatte aber keine Lust mehr, nochmal an Deck zu gehen oder sonst irgendetwas zu machen. Ich hatte die letzten Tage schon extrem schlecht geschlafen, einen sehr stressigen Tag hinter mir und war nur noch müde. Als unsere Kabine fertig war, war der Mitarbeiter so freundlich, uns direkt Bescheid zu sagen. Wir gingen rein und legten uns ins Bett.

Schon fast eingeschlafen, ertönten über Lautsprecher noch die Sicherheitshinweise, was unendlich lange dauerte, da die Ansage in drei Sprachen erfolgt. Wann wir mogens anlegen sollten, wurde leider nicht gesagt. Das Ablegen, das erst nach 2 Uhr erfolgte, haben wir kaum noch mitbekommen.

Die Statistik darf natürlich nicht fehlen: 7 Kilometer sind wir an diesem Tag gefahren - in 01:52 h.

Kilometerstand: 7 km

Um 06:15 Uhr klingelte der Wecker. Ich war halbtot. Ich weigerte mich, die Augen zu öffnen. Der Lebensabschnittsgefährte ging ins Bad. Zuvor machte er mir meinen “Zaubertrank”. Wir vermeiden immer noch Menschenansammlungen, wo es möglich ist. Daher und weil es mir ziemlich dreckig ging, verzichtete ich großzügig auf Kaffee. Dieses lösliche 2in1-Zeug aus dem Supermarkt kann man nicht wirklich als Kaffee bezeichnen, trinke ich unterwegs aber oft und gerne.

Zum Frühstück gab es abgepackte Schoko-Croissants aus dem Supermarkt. Die sind zwar auch nicht der Brüller, aber einzeln abgepackt und damit für unterwegs ganz praktisch. Hauptsache der Mann hat etwas im Magen, sonst ist er unleidlich. Als ich mich endlich aus dem Bett gequält und halbwegs tageslichttauglich gemacht hatte, ertönte die Durchsage, dass wir nun den Hafen von Trelleborg erreichen würden. Wir machten noch einen Photo-Abstecher aufs Sonnendeck, bevor wir uns ins Parkdeck begaben.

Hafeneinfahrt von Trelleborg in der Morgendämmerung

Wir mussten nicht allzu lange im Auto warten, bis wir von Bord fahren konnten.

Wartende Fahrzeuge unter Deck

Als wir von Trelleborg aus Richtung Norden fuhren, vermisste ich ein wenig das tolle leuchtende Herbstwetter, das ich in den Tagen zuvor noch in sozialen Netzwerken aus Skandinavien in die Timeline gespült bekam. Für mich sah Skandinavien so aus:

Trübes und regnerisches Wetter auf der Autobahn

Immerhin bescherte uns das einen ganz netten Regenbogen.

Regenbogen über der Autobahn

Meine Güte, ging es mir Elend. Mir war eigentlich mehr danach, über diese Regenbogenbrücke zu laufen, als auf dieser scheiß Autobahn weiterzufahren. Mein Kreislauf war anscheinend über Bord gegangen und meine Laune war gleich mit abgesoffen. Mein Magen rotierte, der Kopf dröhnte, die Schleimhäute brannten und sehen konnte ich auch nicht sehr gut. Ich wollte weder essen noch trinken, nicht reden und auch nicht mehr aus dem Fenster gucken. Eigentlich wollte ich nur sterben. Auto fahren ging gar nicht, das übernahm der Herr Lebensabschnittsgefährte. Aber selbst das Sitzen auf dem Beifahrersitz war mir zuviel. Kurz hinter Helsingborg konnte ich nicht mehr. Wir fuhren auf einen Rastplatz. Auch der Herr Lebensabschnittsgefährte war müde. Wir legten uns hin - “für eine Stunde”.

Als der Wecker klingelte, hätte ich kotzen können! Ich war so übelst übermüdet und meine seit der Chemo so kaputten Nerven war so überreizt, dass an Schlaf überhaupt nicht zu denken war. Ich weigerte mich aufzustehen, ich war auch überhaupt nicht in der Lage dazu. So beschlossen wir, einfach den Rest des Tages und die Nacht auf diesem Rastplatz zu bleiben, damit ich mich erholen konnte. Der Herr Lebensabschnittsgefährte hatte sich etwas zu lesen mitgenommen. Wir machten das Bett, ich zog mir die Decke über den Kopf und stellte mich tot, bis ich endlich eingeschlafen war.

Statistik gibt’s trotzdem: 197 Kilometer sind wir an diesem Tag gefahren.

Kilometerstand: 197 km