Silvester Am Nordkap

Als wir morgens wach wurden, schneite es und es war sehr windig. Hier oben ist es zwar immer windig, aber der Schnee fiel mehr oder weniger waagerecht. Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Aber noch war die Straße zum Nordkap laut Statens vegwesen frei. Beim Frühstück bekam das ungute Gefühl Gestalt, die Seite wurde upgedatet, die Straße zum Nordkap war bis auf Weiteres wegen Unwetter geschlossen.

Nordkap geschlossen

Unwetter ist in dem Zusammenhang in der Regel ein Schneesturm. Die Vorhersagen ging von 18 m/s aus, in Böen stärker. Wenn man die Straßen hier bei “normalem” Wind und Schneefall kennt, will man da gar nicht bei Schneesturm rauf. Es war schon anstrengend, gestern am Wasser entlang zu fahren stellenweise, links Berg, rechts Wasser, dazwischen ein schmales, kaum sichtbares Stück Straße mit dicker Eissicht drauf, dunkel und weit und breit keine Menschenseele. In die Leitplanke rutschen oder - worst case - eine Stelle zu erwischen, wo grad keine Leitplanke den Qashqai vom eisigen Fjord trennt, musste nicht sein.

Nordkap geschlossen

Als wir nach dem Frühstück wieder im Zimmer waren, war auch die Straße Richtung Süden wegen Aufräumarbeiten geschlossen. Neben den Schneemassen, die der Wind hier aufs Land peitscht und zu riesigen Schneeverwehungen auftürmt, sind auch Lawinen an den steilen Berghängen ein großes Problem. Wir saßen also erstmal am Ende der Welt fest.

Frosch am Fenster

Um 11 Uhr tutete das Nebelhorn eines Schiffes ziemlich laut. Die Hurtigrute war da! Da wir nichts Besseres zu tun hatten, schlossen wir uns den pilgernden Norwegern, die wir von unserem Hotelzimmer aus sehen konnten, an und gingen auf der MS Richard With Kaffee trinken und Kuchen essen.

Auf zur MS Richard With!

Das hat hier in einigen Orten entlang der Hurtigrute für manche Bewohner Tradition, dass sie die drei Stunden Liegezeit im Hafen für eine Kaffeepause nutzten. Manche der Leute sind dem Personal auf den Schiffen sogar schon persönlich bekannt wie früher Stammgäste in einer Kneipe.

Das Schiff war deutlich größer als die MS Lofoten, die am Tag zuvor hier am Kai lag, oder die MS Vesterålen, mit der wir damals gefahren sind.

Schneefräse

Was man halt an Bord so braucht: eine Schneefräse.

Ich machte noch Photos von Honningsvåg und den tollen Wolken, die Schuld waren, dass mein Nordkap-Besuch nun schon zum zweiten Mal ausfiel, dann gingen wir ins Café, um uns bei Kaffee und Kuchen aufzuwärmen.

Kaffee und Kuchen

Übrigens waren wir hier in Honningsvåg dem Nordpol näher als unserem Zuhause, wie mir auffiel, als mein Blick auf das Schild am Hafen fiel. Zum Vergleich daneben die Routenplanung nach Hause.

Wir gingen noch ein Stück den Weg runter, den wir auch vor knapp vier Jahren gegangen waren, als wir mit der MS Vesterålen hier Station machten. Damals ist uns ein Otter im wahrsten Sinne des Wortes über den Weg gelaufen, heute wollten wir sehen, ob er noch neben der Garage wohnt, wo wir ihn getroffen hatten.

Auf dem Weg dorthin nahmen das Schneetreiben und der Wind wieder ziemlich zu, wie man auch an den beiden Bildern gut erkennen kann. Wir schafften es aber nicht bis zur Otter-Garage, da uns der Wind die vereisten Schneekörner mitten ins Gesicht blies. Wie Nadelstiche fühlte es sich an. Wir kehrten lieber wieder um und gingen noch einmal die Einkaufsstraße entlang. Viel besser war das Wetter hier allerdings auch nicht und so hatte ich auch keine Lust, in irgendwelche Geschäfte einzukehren und zu stöbern. Also gingen wir zum Hotel zurück. In der Wetterschleuse klopften wir erstmal den Schnee von unseren Klamotten, wobei wir von den Rezeptionsmitarbeitern beobachtet wurden. “Lovely winter weather”, meinte ich nur grinsend, als wir reingingen.

Vom Hotelfenster aus beobachtete ich den Schneeräumer. Immer, wenn er aus der Seitenstraße zurückkehrte, hatte er keinen Schnee mehr dabei. Ich fragte mich, ob der den einfach in den Fjord kippt und fand meine Frage später positiv beantwortet.

Kein Wunder, dass die Meeresspiegel ansteigen, die Norweger schmeißen ihren ganzen Schnee ins Meer. ;)

Bevor wir essen gingen, statteten wir Bamse noch einen Besuch ab. Bamse ist ein ziemlich berühmter norwegischer Bernhardiner gewesen, der in Honningsvåg geboren wurde, bei seinem Herrchen Schiffshund war und unter anderem im zweiten Weltkrieg gedient hat. Um ihn ranken allerlei spannende Geschichten. Zu seiner Beerdingung sollen 800 Personen gekommen sein.

Heute gab es wieder Burger, aber diesmal ohne Photo. Das hatte ich total vergessen, außerdem bemerkten wir während des Essens, dass die Seite von Statens vegwesen upgedatet wurde und die Straße zum Nordkap nun offen war! Die nächste Kolonne ging um 19:30 Uhr. Da wollten wir mit!

Qashqai

Vorher mussten wir allerdings den Qashqai noch vom Schnee befreien und uns etwas wärmer anziehen. Wir machten uns zeitig auf den Weg. Wir wollten das Auto noch volltanken und hatten außerdem keine Ahnung, wie gut oder schlecht die Strecke bis zur Kreuzung in Skarsvåg befahrbar sein würde. Zeitdruck und glatte Straßen sind eine denkbar ungünstige Kombination, also ging es mehr als rechtzeitig los.

E69 Nordkapp

Und wir taten gut daran. Für die etwa 23 Kilometer bis zum Kolonnen-Schlagbaum brauchten wir inklusive Tankstopp knapp eine Stunde.

Die letzten etwa 11 Kilometer bis zum Nordkap sind den ganzen Winter für den Individualverkehr gesperrt. Es gehen pro Tag drei Kolonnen. Dabei fährt ein Schneepflug voraus, alle Pkw und Busse dahinter und am Ende nochmal ein Service-Fahrzeug, das aufpasst, dass keiner verloren geht.

Schneefräse

Für die ganz harten Tage steht hier auch noch eine Schneefräse bereit. Diese benötigten wir für unsere Tour allerdings nicht, es tat auch ein normaler Schneepflug.

Schneepflug

Hier standen 9 Pkw und ein Bus, die darauf warteten, zum Nordkap zu kommen. Die Pkw waren mit Deutschen und einer mit Russen besetzt, die Truppe im Bus könnten Finnen oder so gewesen sein. Wir legten unsere Schneeketten an. Die zwei im Pkw vor uns wollten ebenfalls Schneeketten anlegen, hatten dies aber noch nie zuvor gemacht und mussten außerdem feststellen, dass bei ihrer tiefergelegten Karre kein Platz war, um zwischen Reifen und Radkasten zu greifen und die Ketten zu schließen.

Schneepflug

Pünktlich um 19:30 Uhr ging es los. Der Eiswagen fuhr voran, die Touristen hinterher.

Kolonne

Das Tempo war ganz ordentlich. Mit Schneeketten soll man ja nicht mehr als 50 km/h fahren. Stellenweise fragten wir uns, ob dem Schneepflugfahrer dies bekannt sei. Die Ketten waren übrigens super. Ich bin zuvor noch nie mit Schneeketten gefahren. Auf Schnee waren die absolut top, auf Eis etwas rumpelig. Teilweise kam Island-Schotterpisten-Feeling auf. Aber sehr sicheres Fahren. Auch wenn wir die mit dem Allrad nicht unbedingt gebraucht hätten, war ich doch ganz froh, dass wir sie drauf gemacht hatten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit waren wir da. Zu erkennen war dies allerdings nur daran, dass der Schneepflug einen U-Turn machte und stehen blieb und hinter ihm die ganzen Pkw und der Bus. Ansonsten war es stockfinster mitten im Nichts. Für einen Moment überkam mich die Idee, dass es vielleicht etwas idiotisch ist, mitten im Winter in der Nacht zum Nordkap zu fahren, um endlich mal das zu sehen, was man aufgrund der Lichtverhältnisse gar nicht sehen kann.

Wir stapften den anderen durch die Dunkelheit hinterher. Die Nordkaphalle war innen etwas beleuchtet, weswegen es nicht mehr ganz so finster war, als wir das Gebäude umrundeten. Dafür stolperten und rutschten wir abwechselnd durch tiefe Schneeverwehungen und über blankgefegte Eisflächen. Ich fühlte mich wie ein Teil dieser Pinguin-Kolonien, die man manchmal in Dokus im Fernsehen sieht, die in der Antarktis unter widrigsten Bedingungen ihren Weg zu Futterquellen und wieder zurück suchen und finden. So in etwa bewegten wir uns vorwärts. Nur dass keiner auf dem Bauch rutschte und mit den Füßen anschob, was Pinguine manchmal tun.

Weltkugel am Nordkap

Wir waren angekommen an dem berühmten Globus am Nordkap!

Selfie am Nordkap

Und nun? Es wehte ein eisiger Wind. Am Geländer war noch ein wenig Licht angebracht und in der See vor dem Nordkap schwammen Bojen. Ansonsten war es stockfinster, die Brandung des 300 Meter unterhalb des Plateaus liegenden Meeres war zu hören und der Wind pfiff. Wir liefen noch ein wenig herum, machten einige Photos, dann fiel uns ein, dass wir ja eigentlich das Stativ mitnehmen wollten. Also gingen wir erstmal zum Auto zurück.

Wir setzten uns kurz rein, schalteten Motor und Heizung an, tranken einen Schluck von unserem mitgebrachten Tee und stapften mit Stativ und Frosch nochmal zurück zum Globus.

Yep, der Frosch war am Nordkap.

Der Lebensabschnittsgefährte knipste noch ein wenig den Globus und den Himmel, wo die Wolken ein wenig aufrissen. Zwar gab es keine Nordlichter, dafür aber einen tollen Sternenhimmel.

Navi

Als wir damit fertig waren, setzten wir uns wieder ins Auto und warteten, bis die Kolonne zurückfuhr. 21:45 Uhr war Abfahrt. Mit Tee, Social Media und Quatschen und voll guter Dinge vertrieben wir uns die Zeit.

Das Nordkap löst eine seltsame Faszination aus. Dabei ist es gar nicht der nördlichste Punkt Europas. Das europäische Festland hat nördlichere Punkte und selbst auf Magerøya, der Insel, auf der das Nordkap liegt, gibt es einen Punkt, der noch etwas nördlicher ist. Eigentlich ist es nur der nördlichste mit dem Auto erreichbare Punkt. Immerhin. Und Dank des milden Klimas, auf diesem Breitengrad kann man selbst den eisigen immer herrschenden Wind als mild bezeichnen, ganzjährig zu erreichen. Das Nordkap stellt die Grenze zwischen dem Europäischen Nordmeer und der Barentsee dar. Das Nordkap ist einfach der Punkt der Punkte. Auf der Fahrt dorthin hat man, zumindest im Winter, wenn kaum einer da ist, wahrhaftig das Gefühl, zum Ende der Welt zu reisen - wenn auch recht feudal und sicher im Allrad-SUV mit Heizung, Sicherheitssystemen und außerdem auf der gesamten Strecke exzellentem Handy-Empfang. Ein echtes europäisches Abenteuer eben.

Kolonne

Zurück fuhr der Lebensabschnittsgefährte, der mittlerweile sein Bier vom Abendessen abgebaut haben dürfte. Die Schneeketten ließen wir bis Honningsvåg drauf und machten sie auf dem Hotelparkplatz ab.

Qashqai mit Schnee-Patina

Der Qashqai hatte am Heck eine hübsche Winterpatina erhalten. Wobei das noch gar nichts war. Als es mittags so stark schneite, habe ich Autos durch den Ort fahren sehen, die das Heck ziemlich dick mit angewehtem Schnee voll hatten. Aber ich fand das schon hübsch.

Qashqai-Logo vereist

Gegen 23 Uhr waren wir wieder im Hotel. Die Schneeketten nahmen wir zum Trocknen mit ins Hotelzimmer. Im Bad hatten wir Fußbodenheizung, da durften die Teile in der Dusche schlafen.

Wir waren total überdreht vom eben Erlebten, so dass wir tatsächlich mal wieder bis Mitternacht wach blieben. Kurz vor Mitternacht liefen plötzlich ganz viele Leute auf den Straßen herum. Wir zogen uns auch wieder an und gingen noch einmal zum Wasser hinunter, um uns das Feuerwerk anzusehen.

Silvester in Norwegen ist wirklich sehr angenehm. Böller und Raketen an Holzstäben sind verboten. Die Norweger nutzen hauptsächlich diese Batterien, die moderat Krach machen und auch nicht so viel Schaden in dem mit Holzhäusern und Holzhütten übersäten Land anrichten können. Und die Norweger sind beim Feuerwerk auch nicht so unglaublich maßlos. Nach etwa 15 bis 20 Minuten ist alles vorbei. Ich fand das richtig schön und auch sehr angenehm. Nach der Galerie des Lebensabschnittsgefährten, die nun folgt, ist noch ein Handyvideo vom Feuerwerk zu sehen.

Sternenhimmel