Gouda, Mühlen, Hollandsche Ijsselkering und Zuidland

Wir gehen Käse in Gouda kaufen, besuchen die Mühlen von Kinderdijk und stehen am tiefsten Punkt der Niederlande weit unterm Meeresspiegel. Wir besuchen das älteste Sperrwerk der Niederlande, kehren bei einen Rustpunt ein und knipsen die schiefe Kirche von Zuidland.

Tag 11: Gouda, Tiefpunkt, Sperrwerk und Windmühlen

Freitag, 26. September 2025

Der Morgenblick aus dem Camper ist ein wenig verschwommen, mein Focus liegt auf dem Kaffee. Der Focus des Silberreihers liegt auch am frühen Morgen schon auf Fisch.

Der Bauer fährt auf der Wiese nebenan mit seinem Quad hin und her. Er verstellt die Tore zwischen den Wiesen und guckt, ob der Zaun in Ordnung ist. Dann holt er ein paar Stangen und Draht für einen mobilen E-Zaun, mit dem er eine Wiese abteilt. Alles deutet darauf hin, dass hier gleich irgendwelche Tiere auf die Wiese kommen. Der Bauer verschwindet hinter dem Gebäude und kommt nach einer Weile um die Ecke getrabt. Hinter ihm eine kleine Schafherde.

Wir machen uns reisefertig, heute steht Gouda auf dem Plan. Wir wollen ein wenig durch den Ort laufen und vor allem leckeren Käse kaufen. Ich bin ein großer Gouda-Fan. Ich war schon unzählige Male in den Niederlanden. Aber ich war noch nie in Gouda Käse kaufen. Das holen wir heute nach.

Wer aktuell keine Lust auf das große Amerika hat, kann nach Gouda fahren, dort gibt es ein Klein Amerika. Okay, das ist nur ein Parkplatz, aber immerhin einer mit Wohnmobilplätzen und einem Bücherschrank.

Die Auswahl an deutschsprachiger Literatur ist überschaubar und besteht ausschließlich aus dem Werk “Texte deutscher Lieder”. Uff.

Da laufen wir doch lieber über den Regenbogenzebrastreifen und durch die käsegeschmückte Fußgängerzone.

Als erstes kommen wir am ’t Kaaswinkeltje vorbei, einem Käseladen, der nach Recherchen des Herrn Lebensabschnittsgefährten die besten Bewertungen der Käseläden in Gouda hat. Aber bevor wir einkaufen, drehen wir erst noch eine Runde durch die Fußgängerzone.

Hier ist die Hölle los! Rund um das Stadhuis ist Kirmes aufgebaut. Da wird es etwas schwierig mit dem hübschen Knipsen, aber wir geben unser Bestes.

Vor dem Stadhuis hat die Stadt ihren Stolz ins Pflaster eingelassen. Und an einem Toilettenhäuschen ist auch noch groß die Werbung für das Alter der Stadt. Die 750-Jahrfeier war 2022. Aber der Marketingspruch ist immer noch gut.

Gouda, 750 Jahre gereift

Auch die Waage lässt sich nicht gut knipsen, weil Kirmesbuden und Karussells davorstehen. Hier wurde früher der Käse gewogen. Wie das vonstatten ging, ist auf dem weißen Relief auf der Vorderseite dargestellt.

Wir kommen an einem weiteren Käseladen vorbei und überlegen einen Moment. Aber dann entscheiden wir uns doch für den 5-Sterne-Käseladen vom Anfang unseres Rundgangs. Aber bei Kamphuisen holen wir uns Sirupwaffeln.

Wir schlendern noch ein bisschen weiter und begeben uns dann langsam Richtung Parkplatz zurück. Natürlich machen wir dabei einen kleinen Abstecher zum Käseladen.

Dann geht’s weiter, wir haben heute noch zwei Punkte auf der Agenda, die hier in der Nähe sind.

Der erste davon ist der tiefste Punkt der Niederlande. Dieser liegt sagenhafte 6,74 Meter unterhalb des Meeresspiegels (NAP, Amsterdamer Pegel). Das ist mit einer eindrücklichen Säule dargestellt.

Allerdings lädt die Umgebung nicht zum Verweilen ein. Wir stehen da in einer Werkseinfahrt, zum Knipsen bin ich auf den Fahrradweg gegangen und hinter mir ist die Autobahn ziemlich laut. Also nur schnell ein Photo schießen, dann geht’s weiter.

2016 waren wir mit den Fahrrädern und unserem Zelt in Hoek van Holland. (Kein Link, da leider noch nicht verbloggt. Die Niederlande werden aus mir unbekannten Gründen hier in meinem Blog sträflich vernachlässigt.) Bei diesem Trip haben wir uns das neueste Sperrwerk der Deltawerke angeschaut, die Maeslandkering, und das dazugehörige Besucherzentrum Het Keringhuis. Das hat mich so beeindruckt, dass ich mir gerne alle Bauten der Deltawerke angucken möchte. Daher ist unser nächster Stopp beim ältesten Sperrwerk der Niederlande, De Hollandsche Ijsselkering.

Wenn man sich mit dem Auto nähert, sieht man die Türme mit den Antriebsanlagen und Gegengewichten rechts und links der Brücke über die Hollandse IJssel stehen. Dazwischen hängen die Flutschützen, die bei Hochwasser heruntergelassen werden.

Wir müssen den Lek überqueren. Das Wasser, das darin fließt, war teilweise mal Rheinwasser. Im weiteren Verlauf fließt es durch Rotterdam und anschließend über den Nieuwe Waterweg in die Nordsee.

Unser letztes Ziel für heute ist Holland-Tourismus pur: Die Mühlen von Kinderdijk. Das Postkartenmotiv führt oftmals zu einer eher romantisch verklärten Vorstellung davon, wie die Niederlande aussehen, denn so sieht das Land nur noch hier im UNESCO-Weltkulturerbe aus.

Rechts und links von dem Weg, auf dem wir laufen, ist Wasser und am anderen Ufer stehen die Mühlen. Die meisten davon sind heute in Privatbesitz und werden als Wohnhäuser genutzt. Daher kann man nicht direkt ran und schon gar nicht rein. Von innen kann man lediglich zwei Museumsmühlen besichtigen.

Wir laufen bis zur Mühle De Blokker. Das Original stammt wohl aus 1630, ist aber schon einige Male abgebrannt, so dass es jetzt eine wieder aufgebaute und restaurierte Mühle von 2001 gibt. Diese Mühle hat das Schaufelrad außen, weswegen sie anders aussieht als die anderen.

Nach einem letzten Blick auf die Mühlen und auf einen Haubentaucher gehen wir wieder zurück Richtung Parkplatz, vorbei am Pumpwerk, das heute das Wasser aus den Poldern abpumpt.

Wir queren die Noord, fahren an Portugaal vorbei und dann über die Spijkernisser Brücke zu unserem Stellplatz. Der ist heute ganz hübsch an einem Gewässer gelegen, aber dazu später mehr.

77 Kilometer sind wir heute gefahren. Die Kartenansicht ist am Ende des Beitrags.

Tag 12: Die Räder stehen still

Samstag, 27. September 2025

Nach einer wunderbar ruhigen Nacht gibt es morgens einen Sonnenaufgang über dem Gewässer neben uns zu sehen.

Jeden Morgen beginnt das Frühstück mit dem Satz: “Oh Scheiße, ich habe die Butter vergessen!” Denn eigentlich möchte ich die zusammen mit der Milch für meinen Kaffee aus dem Kühlschrank holen, damit sie bis zum Frühstück nicht mehr ganz so hart ist. Ich krieg’s aber nicht geregelt und kämpfe mit harter Butter. Leben am Limit.

Nach dem Frühstück turnen drei Fasane über die Wiese neben uns. Das geschieht natürlich nicht ungeknipst. Wir beschließen übrigens, noch eine weitere Nacht hier stehen zu bleiben.

Den Vormittag verbringen wir im Camper, beschäftigen uns mit diesem und jenem, irgendwann mit der Zubereitung von Mittagessen und dann gehen wir eine Runde spazieren.

Als ich zuvor im Camper geschaut habe, wo man denn hier ein bisschen laufen kann und dabei nach Zuidland kommt, ohne an der Hauptverkehrsstraße entlang laufen zu müssen, ist mir bei Openstreetmap eine Eintragung mit der Bezeichnung Rustpunt aufgefallen.

Ein Rustpunt ist ein Ort entlang einer Fahrrad- oder Wanderroute, an dem man Rast machen kann. Oft sind dies Bauernhöfe oder ähnliches, die eine Rastgelegenheit, nicht selten mit Kaffee oder Tee und Keksen oder kleinen Kuchen sowie Kaltgetränke für einen geringen Kostenbeitrag im Angebot haben. Meist kann man auch die Toilette benutzen. Laut Webseite gibt es rund 650 solcher Rustpunten.

Das finden wir eine tolle Idee und wir wollten uns so einen Rustpunt mal angucken, wenn denn schon in der Nähe unseres Stellplatzes einer ist.

Wir sind eingekehrt. Wir wurden so extrem freundlich empfangen, so etwas erlebt man selten. Wir durften die Toilette benutzen und die Frau des Hauses hat uns alles erklärt und gezeigt. Natürlich kann ich da jetzt nicht wieder gehen, ohne etwas zu konsumieren. Und da wir sowieso Eier benötigen, habe ich direkt mal ein Sixpack Eier gekauft und dann noch einen Kaffee getrunken.

Wir setzen unseren Weg gut gelaunt fort Nach Zuidland, wie der Ort an De Bernisse heißt.

Auf der Brücke über den Fluss stehend höre ich einen Vogel, der mir gänzlich unbekannt vorkommt. Ich frage die App und bekomme zur Antwort, dass dies ein Halsbandsittich sein soll. Das halte ich für eher unwahrscheinlich.

Später im Ort werde ich aber eines Besseren belehrt, auf ein paar riesigen Sonnenblumen im Garten neben uns, landet ein grüner Vogel. Bei näherem Hinsehen sieht er wie ein Papagei genauer gesagt wie ein Halsbandsittich aus. Und es ist auch einer.

Auf meiner Liste mit Vögeln, die wir bisher in freier Wildbahn gesehen haben, ist dieser in den Top 3 der exotischsten. Platz 1 bleibt bisher unangefochten der Nandu.

Zuidland wirkt ziemlich ausgestorben am Samstagnachmittag nach der Hauptsaison.

Eine High-Five-Straße bedeutet, dass die Nachbarn da besonders aufeinander Acht geben. Das Miteinander soll mehr im Mittelpunkt stehen und betont werden, niemand soll alleingelassen werden.

Auf einer Seite des Marktplatzes steht die Kirche mit ihrem schiefen Turm, der immer weiter absackt. Irgendwo habe ich einen Hinweis gefunden, dass Siebzehnhundertirgendwann bereits erwähnt wurde, dass der Turm schief ist.

Wir gehen zurück zu unserem Stellplatz, vorbei am Fluss mit seinen vielen Blesshühnern. Das Blesshuhn ist der Vogel dieser Reise. Ich habe noch nie so viele Blesshühner gesehen wie hier in den Niederlanden. Anscheinend trifft man sich hier zum Überwintern. Gleiches gilt für die ebenfalls omnipräsenten Grau- und anderen Gänse.

Kurz nachdem wir im Camper zurück sind, kommt ein Wohnmobil mit polnischem Kennzeichen an. Soweit nichts Ungewöhnliches. Ein Mann reist alleine, macht erstmal sauber, fegt durch usw. Der steht halt direkt neben uns, wir haben den ungewollt im Blick.

Nach einer Weile kommt ein junger Typ auf einem V8-Fatbike angefahren. Diese Fatbikes sehen aus wie kleine geländetaugliche Mofas und sind hier voll das Ding. Man sieht viele Kinder aber auch Erwachsene damit fahren. Da sie so klein sind, sehen die Erwachsenen auf den Dingern aus wie Affe auf Schleifstein. Jedenfalls begrüßt der Typ den Mann im polnischen Wohnmobil.

Sie beginnen zusammen mit einem dritten Mann, der im Pkw angekommen ist, Stühle, Tisch, Grill, Angeln, Kühlboxen und jede Menge Bier zum Wasser zu tragen und sich dort niederzulassen. Später kommt noch ein Pärchen in einem Pkw und gesellt sich dazu. Es fließt viel Bier und ein wenig Cola. Alles wirkt, als hätte man sich länger nicht gesehen.

Die sitzen noch da, als wir schon ins Bett gehen. Ich wundere mich, dass die nicht von Mücken aufgefressen werden, ich könnte mich da nicht hinsetzen, was ich oft ein wenig schade finde.

Gegen Mitternacht löst sich die Gesellschaft auf. Zurück bleiben der Nachbar im Wohnmobil zusammen mit dem Typen, der mit dem Pkw angereist ist. Und der ist sturzbesoffen. Als die anderen sich auf den Heimweg machen, setzen sich die verbliebenen beiden ins Wohnmobil - bei geöffneter Wohmobiltüre.

Ich schalte irgendwann unseren Lüfter ab und schließe das Fenster, damit die “Gespräche” gedämpfter sind. Der Besoffene ist mittlerweile jenseits von Gut und Böse, lamentiert lautstark vor sich hin, versinkt dann in dumpfe Stille, schreit Schimpfwörter raus usw. Wie Besoffene halt so sind. Als endlich Ruhe herrscht, ist es nach zwei Uhr.

Heute sind wir gar nicht gefahren, daher gibt es auch keine Statistik

Karte

Auf der Karte sieht der Trip vom Tag 10 so aus: