Tag 10 • Ein Unglück kommt selten allein
Als ich morgens wach wurde hatte ich, wie schon am Abend zuvor und mehrmals in der Nacht, das Gefühl, gleich an meinem Husten zu verrecken. Trockener Husten, der bis zum Bauchnabel schmerzt. Ich quälte mich aus dem Auto, suchte unser Frühstückszeug zusammen und ging in die warme Hütte. Dort sah es aus wie sau! Die Österreich-Truppe hatte gestern angefangen zu kochen, als wir ins Bett gingen. Jetzt war der Tisch verschmiert, der Herd voller Reiskörner, die gesamte Küchenablage schmutzig und nass. Sie hatten sich ins Gästebuch eingetragen:
Tirol meet (sic!) Oberösterreich and travel (sic!) together
Natürlich hatten sie noch mehr eingetragen, aber die Zeile da oben nahm ich zum Anlass, meinen Gästebucheintrag zu beginnen mit:
It would be nice if Tirol and Oberösterreich had cleaned the kitchen before they left. ;-)
Vielleicht typisch deutsch und kleinlich, aber ich hasse es, morgens in eine dreckige Küche zu kommen. Das ist auch im Urlaub nicht anders.
Nach dem Frühstück wollten wir duschen gehen. Auch das kostete 5 x 100 Kronen, wie ein Zettel am Bezahlautomat verkündet. In der Dusche war es recht kühl. Daher beschlossen wir, dass erst der Lebensabschnittsgefährte duschen würde, damit ich nicht lange nackt in der Kälte stehen müsste, um das Wasser einzustellen und zu testen. Tja, und da stand er dann, splitterfasernackt und frierend mit Gänsehaut von oben bis unten und sah aus wie ein gerupfter Puter. Und aus der Leitung kam nur eiskaltes Wasser. Und eiskalt ist hier wörtlich zu nehmen, vergesst, was ihr in Deutschland unter kaltem Wasser versteht. Bald war klar: Das wurde nichts. Wir brachen den Versuch ab er zog sich wieder an. In der Hütte an der Pinnwand hing ein Zettel mit der Telefonnummer der Betreuer des Campingplatzes.
Eine Minute später war der Mensch auch schon da, der Vorteil kleiner Städte, wie er uns erklärte. Das Bezahlgerät in der Dusche hakte, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, wie er sagte. Ich war erleichtert, dass wir nicht zu blöd zum Duschen waren. Er gab uns unsere 500 Kronen zurück und verschwand wieder. Endlich konnten wir uns fertig und dann auf den Weg machen.
Wir fuhren zunächst die 745 Richtung Norden. Wir wollten die Halbinsel noch komplett umrunden. Oben an der Nordspitze waren ein paar Häuser und Bauernhöfe, ganz offensichtlich auch mindestens ein Eiderbauer. Auf einer vorgelagerten Insel bauen sie zur Brutsaison immer ein kleines Entenhausen auf. Auch hier bestätigt sich wieder mein Eindruck: Die Isländer gehen offenbar sehr gut mit ihrem Nutzvieh um, den Eindruck hat man hier immer wieder und überall.
Weniger gut ging das Wetter mit meiner Lunge um. Da oben an der Nordspitze hatte ich endgültig den Eindruck, dass ich ärztlichen Beistand bräuchte. Wir beschlossen, sicherheitshalber nach Sauðárkrókur ins Gesundheitszentrum zu fahren. Ich hatte ein wenig Angst, mir eine Lungenentzündung eingefangen zu haben. Und das Husten tat so unglaublich weh und ließ es mir so übel gehen, dass ich deswegen schon heulen musste.
Der Lebensabschnittsgefährte gab Gas, soweit die Schotterpiste dies zuließ. So oft kommt es ja nicht vor, dass ich freiwillig zum Arzt gehe, er wollte die Gunst der Stunde nutzen. Über die 744 gelangten wir nach Sauðárkrókur und fanden auch recht schnell das Gesundheitszentrum.
Die wichtigste Frage klärte ich natürlich gleich zu Beginn: Müssen wir hier unsere Schuhe ausziehen? In Island gilt es als ausgesprochen unhöflich, ein Haus mit Schuhen zu betreten. Auch in den Hotels und Hostels zieht man überall die Schuhe am Eingang aus und läuft auf Socken herum. Im Krankenhaus stand ebenfalls ein Schuhständer in der Eingangshalle, aber vermutlich ist der vor allem für Schlechtwetter bzw. dreckige Schuhe gedacht. Wir durften unsere anbehalten.
Dann erklärte ich so gut ich konnte auf Englisch, was mein Problem ist. Ich musste meinen Ausweis und meine deutsche Krankenkassekarte vorlegen. Als Europäer genießt man auf Island denselben Versicherungsschutz wie die Isländer auch. Wir mussten ein paar Minuten warten, dann kam eine Ärztin.
Total ungewöhnlich: Ich wurde mit Vornamen aufgerufen. Nun ist es ja so, dass in den skandinavischen bzw. generell in den nordischen Ländern jeder jeden duzt. Das ist eigentlich auch nicht weiter ungewöhnlich, auch in Deutschland macht sich das immer mehr breit. Meistens fällt das aber auf unseren Reisen nicht so auf, da wir uns eh immer auf Englisch unterhalten müssen und da gibt es ja keinen Unterschied zwischen Du und Sie. Nun denn. Die Ärztin gab mir die Hand und stellte sich ebenfalls mit Vornamen vor, den ich aber leider nicht verstanden habe. Ich nahm den Lebensabschnittsgefährten mit ins Behandlungszimmer und erklärte der Ärztin, dass ich ihn brauche, da er besser Englisch kann als ich. Das war für sie Anlass, mich zu fragen, welche Sprache ich denn eigentlich sprechen würde. Und siehe da: Sie kann Deutsch!
Sie erzählte uns, dass sie in Heidelberg studiert hat und jetzt in Stockholm lebt und dort als Kardiologin praktiziert und derzeit eigentlich zu Besuch bei der Verwandtschaft sei und man für diese Woche einen Arzt benötigte. Aber für Smalltalk waren wir ja nicht hier und so kamen wir schnell zu meinem Leiden. Anschließend untersuchte sie mich und gab Entwarnung: Die Lungen sind noch frei. Das ist gut! Weniger gut: Offensichtlich handelt es sich um eine Virusgrippe, da kann man medikamentös nicht viel machen. Die Schmerzen beim Husten sind sowas wie Muskelkater. Sie stellte mir ein Rezept aus über Paracodin, einer Mischung aus Paracetamol und Codein.
Ich ging zurück zur Rezeption, um dort meine Rechnung zu bezahlen. Die Isländer müssen bei jedem Arztbesuch einen kleinen Eigenanteil bezahlen. In meinem Fall betrug dieser 1.200 Kronen, was etwa 10 Euro entspricht. Ob der immer gleich hoch ist, weiß ich nicht, aber mehr als 25.000 Kronen muss auch ein Isländer im Monat nicht bezahlen.
Wir suchten die lokale Apotheke, die mittlerweile umgezogen war und sich daher nicht mehr dort befand, wo die Ärztin und Google-Maps uns hinschickten. Die Apotheke war jetzt zusammen mit einem riesigen Supermarkt in einem neuen Gebäude untergebracht. Und auch hier war die Behandlung etwas anders als wir es in Deutschland gewohnt sind. Der Apotheker nahm mein Rezept und erklärte mir, dass es etwa 5 bis 10 Minuten dauern und man mich dann aufrufen würde.
Auch hier stutzte ich wieder kurz, als man mich mit Vornamen aufrief. Ich bekam mein Medikament mit Aufkleber, auf dem mein Name und die Einnahmeempfehlung vermerkt sind. Offensichtlich dauerte es so lange, weil man das erst noch ins PC-System eingeben musste. Außerdem musste ich, wie im Krankenhaus auch, auf der Rückseite noch angeben, von wann bis wann mein Islandaufenthalt dauern würde.
Anschließend gingen wir noch einkaufen und bei der Tankstelle nebenan etwas essen. Zur Feier des Tages gab es Pizza für mich, einen Burger für den Lebensabschnittsgefährten und Luft für die Reifen des Qashqai. Als wir aus dem Supermarkt kamen, hatte ich den Eindruck, dass der rechte Vorderreifen etwas wenig Luft hatte.
Danach setzten wir unseren Weg fort. Wir fuhren die 75 weiter bis zur 1. Überall rechts und links der Straße waren die Isländer damit beschäftigt, ihre Pferde zu treiben und zu sortieren, häufig begegneten uns Fahrzeuge mit Pferdehänger. Als Treiber dienten hier häufig die Fahrzeuge der Pferdebauern oder Quads. Warum genau das große Sortieren an diesem Tag ausgebrochen war, konnten wir leider nicht feststellen. Wohl aber, dass Sauðárkrókur eine Hochburg isländischer Pferdezucht ist. Und sie haben wirklich schöne Tiere hier!
Wir verließen die 1 in Richtung Süden auf die 731. Die Landschaft hier war deutlich karger und auch ein wenig eintöniger als an der Küste entlang. Als wir an den Svínavatn kamen, wechselten wir auf die 726. Plötzlich kam ein seltsames Geräusch vom rechten Hinterreifen. Ich stieg aus und der Lebensabschnittsgefährte rollte langsam weiter. Es klang wie ein Schleifen bei jeder Umdrehung an derselben stelle, zu sehen war aber nichts. Ich hatte den Verdacht, dass sich ein Steinchen zwischen die Bremsbacke und die Bremsscheibe verirrt hatte. Wir setzten ein paar Meter rückwärts, ein lautes “Klong!” und das Schleifgeräusch war weg. Wir fuhren weiter und kamen bald zur 1 zurück. Auf der blieben wir ein Stück, bevor wir erneut abbogen und die 722, die ein langgestrecktes U ins Landesinnere machte, entlangfuhren.
Als wir wieder auf der 1 waren, sahen wir am Wegesrand einen Abschleppwagen. Und was wurde abgeschleppt? Ein Qashqai, selbes Modell wie unserer. “Oh, oh!”, machte ich, ob das ein schlechtes Omen sein würde? Nach etwa 10 Kilometern kamen wir an die Kreuzung zur 72, die nach Hvammstangi führt. Ursprünglich wollten wir zwar auch diese Halbinsel noch umrunden, aber ich war mittlerweile ziemlich fertig und wollte ins Hostel. Ich setzte den Blinker rechts, die Straße war ein wenig abschüssig. Ich begann mit dem Bremsvorgang und wunderte mich, dass ich so Mühe hatte, den Wagen unter Kontrolle zu halten. Außerdem machten die Bremsen komische Geräusche. Die würden doch jetzt nicht den Geist aufgeben? Mit ein wenig Mühe bog ich ab. Der Lebensgefährte meckerte noch ein wenig, warum ich so spät bremsen würde. “Hier stimmt irgendwas nicht!”, entgegnete ich. Er meinte, ich solle weiterfahren, wir wären ja bald da. “Nein! Hier stimmt irgendwas nicht! Findest du das Geräusch beim Bremsen nicht komisch? Außerdem zieht der Wagen voll nach rechts, ich kann den kaum halten. Irgendetwas ist kaputt!” Ich fuhr rechts ran, der Lebensabschnittsgefährte stieg aus.
“Jo, wir haben ’nen Platten!”, grinste er. Ist nicht wahr, oder? Ganz Mitteleuropäer und mittlerweile ziemlich unmündiger Deutscher (Wir sind wirklich ein Volk von Weicheiern geworden!) waren wir erstmal völlig hilflos und riefen den ADAC an. Wir erklärten die Situation und versuchten, unseren Standort so genau wie möglich zu definieren. Es könne bis zu 90 Minuten dauern, bis jemand käme. Nun gut, wir mussten ja eh noch irgendwie das Reserverad aus den Tiefen des Kofferraums ausgraben und dafür unser gesamtes Hab und Gut an den Straßenrand stellen. Eine Weile waren wir also beschäftigt.
Nachdem wir den Ersatzreifen nebst Wagenheber und Radmutternschüssel hervor geholt hatten und dann unser Zeug wieder einigermaßen verstaut hatten, setzten wir uns wieder ins Auto. der Wind hier war frisch, auch wenn das Wetter sonst gut war. Nach einer Weile wurde uns die Warterei zu doof und wir beschlossen, es vielleicht doch mal selbst zu versuchen. Reifenwechsel ist ja grundsätzlich kein Hexenwerk.
Und während wir noch ratlos am Kopf kratzend vor dem Desaster standen, staunten und überlegten, hielt ein Wagen mit isländischen Kennzeichen an. Heraus sprang eine junge Frau, die nach Blick auf unser Kennzeichen begeistert feststellte, dass wir Deutsch sprechen. Sie erzählte, dass sie gestern in einer ähnlichen Situation steckten und ganz froh waren, dass ihnen jemand geholfen hatte, so dass sie jetzt beschlossen hätten, ihrerseits auch zu helfen.
Mit vereinten Kräften guckten wir den beiden Männern der vierköpfigen Truppe beim Reifenwechsel zu. Fast wäre es noch schief gegangen, denn nachdem unser kaputter Pneu ab war und der Wagen noch etwas höher musste, damit das Ersatzrad passte, legte sich der Wagenheber in bedrohliche Schieflage. Also alles nochmal zurück, kaputter Reifen drauf, behelfsmäßig festgeschraubt, Wagenheber in Grundstellung, Handbremse erneut kontrolliert (war angezogen) und noch einmal. Diesmal ging alles glatt. Der Reifen wurde gewechselt, zum Schluss nochmal alle Muttern angezogen, überschwänglich bedankt und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen, natürlich nicht ohne den ADAC erneut zu kontaktieren und zu melden, dass wir uns selbst helfen konnten.
Direkt am Ortseingang von Hvammstangi war eine Werkstatt, die aber natürlich schon geschlossen hatte. An der Tankstelle nebenan bestätigte man uns, dass wir dort richtig seien und dass sie am nächsten Tag irgendwann, vielleicht 8 Uhr, vielleicht 9 Uhr, so genau wisse man das nicht, öffnen würden. Wir fuhren zum Hostel.
Das Hostel bestand aus Containern, in die einzelne Zimmer und ein großer Aufenthaltsbereich gebaut waren. Die Ausstattung war top, vor allem für den für isländische Verhältnisse wirklich super billigen Preis von 62 Euro pro Nacht. Nur leider gab es in unserem Zimmer ein Geräusch, das den ganzen Boden vibrieren ließ. Wir kontaktierten die Betreiber und bekamen ein neues Zimmer zugewiesen:
Wie passend. Später stellte sich allerdings heraus, dass der Lebensabschnittsgefährte das am Telephon missverstanden hatte. Eigentlich sollten wir Nr. 30 und nicht Nr. 13 beziehen. Ein weiterer Anruf klärte das auf. Da wir uns in 13 schon ausgebreitet hatten und alles fein war, durften wir auch bleiben.
Zuerst sortierten wir unseren Krempel noch ein wenig, unter anderem auch die am Vortag gewaschene Wäsche. Dann setzten wir uns in den Aufenthaltsraum, tranken noch eine heiße Schokolade und aßen das Plunderstück, dass wir mittags im Supermarkt gekauft hatten. Danach wollte ich ins Bett, ich war fertig mit dem Tag.















